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kapitel 42

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8 Jahre zuvor
Bilals POV

"Aufstehen"
Die Stimme meines Vaters drang leise zu mir durch und zog mich aus dem Schlaf. "Nur 5 Minuten, Aabo." "Nein." Er zog die Decke beiseite, während ich auf die Digitaluhr neben meinem Bett schaute. 5:30 Uhr. "Aabo." "Yallah. In 10 Minuten im Wohnzimmer." Ich presste mir die Handballen auf die Augen und zählte bis drei. Eine Taktik, die mir half nicht wieder dem Schlaf zu verfallen. Ich war müde, und konnte locker noch eine Stunde Schlaf verkraften, aber mein Vater hatte mich früh gelehrt, dass diejenigen, die den Morgen verschliefen, eines Tages aufwachen würden, und merkten, dass sie ihr halbes Leben verschlafen hatten. Also zwang ich mich auf die Beine, machte mich frisch und saß 10 Minuten später mit meinem Mushaf neben meinem Vater auf dem Sofa. "Seite 131. Fang an." Ich schloss den Mushaf auf meinem Schoß und fixierte einen Punkt auf der Wand, bevor ich begann zu rezitieren. Mein Vater folgte den Versen und stoppte mich bei den kleinsten Aussprachefehlern. "Du sprichst das ta' zu dunkel aus. Es ist ta3qilun." Drei Mal musste ich das Wort wiederholen, bevor ich meinen Vater zufriedenstellte. 

"وَمَا ٱلْحَيَوٰةُ ٱلدُّنْيَآ إِلَّا لَعِبٌۭ وَلَهْوٌۭ ۖ وَلَلدَّارُ ٱلْـَٔاخِرَةُ خَيْرٌۭ لِّلَّذِينَ يَتَّقُونَ ۗ أَفَلَا تَعْقِلُونَ"

"Übersetz mir den Vers."
"Das Leben in dieser Welt ist nicht als Spiel und und Vergnügen. Und wahrlich, die Wohnstätte des Jenseits ist für jene besser, die gottesfürchtig sind. Wollt ihr denn nicht..." Mein Gehirn versuchte das richtige Wort zu finden, aber ich brachte des Öfteren Begriffe in Hocharabisch durcheinander.
"Begreifen. Wollt ihr denn nicht begreifen. Was wird hier beschrieben?"
"Die Reue, die die Ungläubigen am jüngsten Tag haben werden. Weil sie sich von dem diesseitigen Leben haben ablenken lassen." Mein Vater nickte, aber ich sah ihm an, dass ihm diese Antwort nicht genügte.
"Der Kontext der Ayah ist an die Ungläubigen gerichtet, na3m. Aber auch wir sollten diesen Vers ernst nehmen. Vor allem wir. Ist uns Jannah versprochen?"
Ich schüttelte meinen Kopf.
"Diese Dunya kann uns ebenso ablenken. Aber wenn wir Taqwa haben - Gottesfurcht - dann wird das Jenseits besser für uns sein, als das Spiel des Diesseits. Ua lad-darul Akhiratu..."
Ich beendete seinen Satz mit dem folgenden Teil des Verses. "khairul-liladhina yattaqun. Die Wohnstätte des Jenseits ist besser für jene, die gottesfürchtig sind."
"Aywa, Aabo." Aabo. Mein Vater hatte eine gewisse Strenge. Aber diese untergrub niemals seine Wertschätzung. Seine Liebe. Seinen Stolz. Im somalischen, aber auch im arabischen, war es eine Form von Anerkennung, seine Kinder mit der eigenen Anrede anzusprechen. Es zeugte von Zugehörigkeit, und jedes Mal, wenn mein Vater mich Aabo nannte, erfüllte mich ein Stolz, den nur mein Vater in mir auslösen konnte.

"Merk dir das für dein Leben. Es werden viele Ablenkungen kommen. Viele Versuchungen. Aber solange du deine Taqwa behältst, und Allah gedenkst, wirst du am jüngsten Tag inshaAllah nicht zu den Verlierern gehören." Ich nickte und wir besprachen die restlichen Verse, bevor ich die neue Seite las, die ich bis morgen auswendig lernen sollte. Mir blieb noch etwa eine Stunde, bevor ich zur Schule musste, und in dieser Stunde würde ich versuchen, den Großteil in mein Gedächtnis zu bekommen. Ich wusste, dass viele dies nicht könnten. Das dies für viele eine Qual wäre. Jeden Tag zweieinhalb Stunden vor Schulbeginn aufstehen, um den Tag mit Allahs Worten zu starten. Neben der Schule, den Hausaufgaben und all den Klausuren, den Quran zu studieren. Aber für mich war das indiskutabel. Niemals würde ich das diesseitige Leben über das jenseitige stellen. Niemals würde ich meine Religion für das Weltliche vernachlässigen. Viele Menschen glaubten, es ginge nur entweder oder. Entweder du studierst und kriegst einen soliden Job oder du gibst dich der Religion hin. Entweder du lernst für dein Abi oder du lernst den Islam. Was viele vergaßen war, dass der Islam noch nie im Kontrast zu weltlichem Wissen stand. Im Gegenteil, die größten Mathematiker, Philosophen, Ärzte und Erfinder waren Muslime gewesen. Und wenn mein Vater jeden Tag zwei Stunden vor seiner Arbeit aufstand, um mich zu unterrichten, dann würde ich niemals den Schlaf hierüber bevorzugen.

Laute Schreie rissen mich aus meiner Rezitation und mein Vater grinste mich an. "Rima ist wach. Ich geh sie holen, dann bekommt deine Mutter noch ein wenig Schlaf." Er stand auf, und wenige Sekunden später war er mit meiner gerade einmal ein Jahr alten Babyschwester auf dem Arm wieder zurück im Wohnzimmer. Ihre Augen waren verweint, aber sie lag inzwischen ruhig auf seiner Brust, während er sie sanft auf und ab wippte. Als ich erstmals erfuhr, dass meine Mutter schwanger war, hatte ich gemischte Gefühle. Ich wusste, dass meine Eltern sich schon immer mehr Kinder gewünscht hatten, aber mit Komplikationen getestet wurden, die selbst meine Geburt zu einem Wunder gemacht hatten. Gleichzeitig war ich 16 Jahre lang ein Einzelkind gewesen, welches die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Eltern erhalten hatte. Es fühlte sich fast schon wie Verrat an, ihre übertriebene Freude zu sehen, obwohl das Kind bis dato nichts weiter als ein Fötus war.

Inzwischen schämte ich mich für diese Gedanken. Rima war das schönste Geschenk, welches uns gegeben wurde. Sie war eine Kopie von Aabo und brachte Leben in unsere vier Wände, welches unersetzbar war. Sie stärkte unsere aller Bindung und brachte Seiten aus uns hervor, die wir selber nicht kannten, und ich freute mich auf die Tage, in denen ich ihr beim Aufwachsen zusehen dürfte. Ich freute mich darauf, ihr ein großer Bruder zu sein. Auf sie Acht zu geben. Ihr alle Träume zu ermöglichen und meine Lebenserfahrung irgendwann mit ihr zu teilen.

Es war seltsam. Wie schnell sich das Leben von heute auf morgen ändern konnte. Für die längste Zeit bestand meine Familie nur aus meinen Eltern. Rima war seit einem Jahr auf der Welt, und doch war sie ein mindestens genauso wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden. Leute kamen hinzu, andere verschwanden. Meine Gedanken wanderten automatisch zu Amanah und ich schüttelte meinen Kopf. Es hatte mich Jahre gekostet, bis ich es endlich geschafft hatte, sie in einen hinteren Teil meines Gedächtnisses zu verbannen. Und auch, wenn ich es nicht schaffte, sie komplett aus meinem Gehirn zu bannen, so tat ich mir keinen Gefallen damit, aktiv an sie zu denken. Es waren bereits fünf Jahre vergangen. Wir waren Kinder, und all das lag inzwischen hinter uns.

"Lass mich sie halten." Ich streckte meine Arme nach Rima aus, welche sich motzig an Aabo klammerte. Sie war in ihrer Baba-Phase. Mein Vater löste ihre kleinen Fäuste sanft von seinem Oberteil und legte sie mir vorsichtig auf den Arm. "Stütz ihren Kopf." Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde sie in Tränen ausbrechen, aber ich hielt sie an meiner Brust und begann erneut leise zu rezitieren. Seelenruhig lag sie auf meinem Schoß, während ich die Verse wiederholte. Aabo war in der Küche verschwunden und nach einer Stunde voller Konzentration gab es endlich Frühstück.

Es waren diese Tage - diese einfachen, routinierten Tage - die mich erfüllten. Die mir einen gewissen Frieden gaben, den ich nur mit meinen vier Wänden verband. Wir hatten nicht viel. Aber wir hatten uns. Und in der Naivität meiner Jugend glaubte ich, dies würde währen. Hätte ich gewusst, dass ich nicht einmal eine Woche später am Grabe meines Vaters stehen würde, hätte ich nachts nie ein Auge zugelegt, um ihm den Traum eines Hafidhs als Sohn noch zu Lebzeiten hätte erfüllen können.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt