Wir haben unsere Inhaltsrichtlinien aktualisiert.
Sieh dir die neuesten Richtlinien an, um weiterhin sicher Geschichten zu teilen.

kapitel 27

544 39 42
                                        

"Wen haben wir denn da? Und ich dachte, du wärst schon wieder untergetaucht." Mein Trainer klopfte mir auf die Schulter und gab mir zur Begrüßung die Hand.
"Ich musste die letzten Wochen einiges nachholen. Mir hat die Zeit gefehlt." Ich begann die Bandagen fest um meine Hände zu wickeln, mein Körper bereits gierig nach dem Adrenalin, welches ich mir seit Wochen verwehrt hatte. "Ich werde aber nur noch einmal die Woche kommen. Fürs Erste." Mein Trainer musterte mich unter seinen buschigen Augenbrauen, seine Lippen zu einer Linie zusammengezogen.
"Tu das, was du für richtig hältst." Nickend ließ ich von ihm ab und begann mich warmzulaufen. Einmal die Woche würde genügen. Ich hatte schließlich keine Boxkarriere zum Ziel. Jedenfalls nicht mehr. Ich liebte den Sport. Die Art und Weise, wie er den gesamten Körper beanspruchte und ein Ventil für angestaute Emotionen bot. Aber ich führte keine Zweikämpfe durch. Als ich mit dem Boxen begann, sah das ganze noch anders aus. Wie so viele Jungs in meinem Alter, war ich von den ganz Großen inspiriert. Mohammed Ali, Mike Tyson, Floyd Mayweather. Und ich hatte das Potential. Das Potential, Wettbewerbe anzutreten. Zumindest eine Karriere anzuvisieren. Ich war flink, stark und benutzte mein Köpfchen. Etwas, was viele Boxer vergaßen, obwohl es eine der wichtigsten Eigenschaften eines jeden Kämpfers war. Es dauerte nicht lange, bis ich mir eingestand, dass es falsch war, was ich tat. Tatsächlich war es nicht nur falsch. Es war haram. Man konnte sich so viele Schlupflöcher suchen, wie man wollte. Letztendlich kam man nicht drum herum, sich einzuräumen, dass es verboten war, anderen Muslimen ins Gesicht zu schlagen. Nicht einmal im Ernstfall sollte man dies tun. Wie sollte ich es mir rechtfertigen, es aus bloßen Unterhaltungszwecken zu tun? Also gab ich den Traum, wie so viele von mir, auf. Aber mein Herz hing an diesem Sport, weshalb ich mich darauf fokussierte, Boxsäcke zu penetrieren, anstatt die Gesichter meiner Mitmenschen.

Die Turnhalle füllte sich, während unser Trainer eine Übung nach der nächsten in den Raum rief. Liegestütz, Sit-Ups, Burpees. Gnadenlos und ohne Pausen drillte er seine Schüler, um sie an ihre Grenzen zu bringen. Genau, was ich brauchte.

Mein Sportverbot war definitiv einer meiner weniger schlauen Impulsentscheidungen gewesen. Wobei ich es nicht komplett bereute, denn es hatte mir Zeit eingeräumt, die mir vorher fehlte. Gleichzeitig war Sport schon immer mein Ausgleich gewesen, und hätte ich die letzten Wochen keinen anderen gehabt, wäre ich vermutlich verrückt geworden. Amanah konnte mich lange genug hinhalten, aber ich spürte, wie mein Körper sich nach dem süßen Schmerz sehnte, den ich nur zu spüren bekam, wenn ich Kilometer nach Kilometer rannte, obwohl meine Beine bereits taub waren. Oder ich mich so lange auf rauem Asphalt in Push-Ups stieß, bis die Haut meiner Hände riss, und den grauen Bodenbelag in ein tiefes Rot färbte. Das beinahe einsetzende Nachgeben meiner Glieder ließ mich lebendig fühlen. Der Punkt, an dem ich befürchtete, die Grenzen meiner Kraft überschritten zu haben, zeigte mir, zu was ich fähig war. Und es war ein Gefühl, welches süchtig machte. Fast so, wie wenn ich dem Lachen einer ganz bestimmten Person lauschte.

Einer ganz bestimmten Person, die ich offiziell erst in zwei Tagen wiedersehen würde. Inoffiziell, aber bereits morgen. Nicht nur, weil meine Geduld mich langsam aber sicher zu testen begann, sondern auch, weil morgen ein wichtiger Tag für sie war. Und ich ihr an diesem Tag eine kleine Freude machen wollte.

Ich wusste, dass Amanah nach ihrer Abgabe etwas mit ihren Freundinnen unternahm. Es mit ihnen feierte. Und ich intendierte nicht, sie zu stören. Ich wollte ihr lediglich das kleine Geschenk übergeben, welches ich die letzten Tage zusammengestellt hatte, und dann geduldig bis morgen warten. Ihre Eltern hatten mir sowohl die Erlaubnis, als auch die Zeit gegeben, zu welcher Amanah ihre Arbeit einwerfen würde. Das Hauptgebäude, in welchem man seine Abschlussarbeiten abgab, lag keine 3 Minuten von der Universitätsbibliothek, und als die Uhr 12:26 anzeigte, kramte ich das Päckchen hervor und verließ meinen Lernplatz. Das Geschenk war grässlich eingepackt. Ich war vieles, aber sicher nicht künstlerisch begabt, und doch wusste ich, dass Amanah sich freuen würde. Über das recycelte Geschenkpapier mit zu viel Klebeband und Falten an den falschen Stellen.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt