Bilals POV
"War das die, für die du dein blaues Auge kassiert hast?" Amir und Dawood standen draußen in der Kühle der einbrechenden Sommernacht. Ich grinste und gab meinen beiden engsten Jungs die Hand. "Ich hab kein blaues Auge kassiert, sondern wurde geschlagen, als ich ihm meinen Rücken zugedreht hatte. Feige" Jetzt grinsten sie. "Ihr seht nicht schlecht zusammen aus, du und sie." Amir zuckte mit den Schultern, weil er ganz genau wusste, wie ich zu dem Thema stand. "Ich sag ja nur." Ich klopfte ihm auf die Schulter, bevor ich mein Auto anpeilte. "Steigt ein. Ich fahr euch zur nächsten Haltestelle." Das ließen sie sich nicht zweimal sagen, und wenige Minuten später fuhren wir mit runtergekurbelten Fenstern die dämmernden Straßen entlang und unterhielten uns über alle möglichen Themen.
Amir und Dawood waren echte Brüder für mich. Freunde fürs Leben. Solche, die sich darum bemühten, das Beste aus einem rauszuholen und einen zurückhielten, wenn man falsche Dinge tun wollte. Ich hatte beide in der Moschee kennengelernt und mit Amir bin ich auf dieselbe Schule gegangen. Zusammen mit Hamza, ein sehr guter Bruder, der unter ähnlichen Umständen, wie ich, im benachbarten Wohnblock aufwuchs, bildeten sie meinen vertrautesten Kreis. Am Hauptbahnhof angekommen, stiegen beide aus und ließen mich mit meinen Gedanken zum ersten Mal am heutigen Tag alleine. Einerseits war ich froh, endlich einen Moment nur für mich zu haben, und von all dem Sozialisieren runterzukommen, andererseits befürchtete ich, mal wieder zum Opfer meines endlosen inneren Dialogs zu werden. Nicht im verrückten Sinne. Im Sinne von zu vielen Dingen, die mich in jeder freien Sekunde beschäftigten. Ich kam so gut wie nie zur Ruhe, weil eine Aufgabe nach der nächsten auf mich wartete. Doch für einen Moment erlaubte ich mir, all die Verpflichtungen meines Lebens hinten anzustellen und die Gespräche von heute Revue passieren zu lassen.
Nachdem Amanah zum zweiten Mal ablehnte, mit mir zu fahren, fragte ich mich, ob ich eventuell zu aufdringlich gewirkt hatte. Es sollte keinesfalls despektierlich wirken und ich hatte wirklich keine egoistischen Intentionen. Nach dem Vorfall letzter Woche machte ich mir lediglich vermehrt Sorgen um ihre Sicherheit, welche meiner Meinung nach mehr als nur gerechtfertigt waren. Und mir war bewusst, dass ich nicht ihren Held spielen musste, aber ihre Familie, und auch sie, waren gute Bekannte, und vielleicht fühlte ich vor allem deshalb eine gewisse Verantwortung Amanah gegenüber. Wenn man mit seinen eigenen Augen sah, wie ein ausgewachsener Mann, deutlich größer und deutlich stärker als sein Gegenüber, eine junge Frau auf offener Straße, am helllichten Tag angriff, dann war es hoffentlich das Normalste der Welt, sich um diese Frau zu sorgen. Und ich stritt es nicht ab, dass unsere Bekanntschaft meine Sorge nur verstärkte, aber dies schien mir weder verwerflich, noch sah ich darin fragwürdige Absichten. Ich hoffte, sie hatte mich nicht missverstanden und ich hatte keine Grenze überschritten, denn das Letzte, was ich wollte, war es respektlos zu wirken. Wobei sie nicht unbedingt abgeneigt wirkte, wenn wir miteinander sprachen. Es war seltsam, nach so vielen Jahren so oft aufeinander zu treffen und auch, wenn wir in unseren Konversationen nicht über unsere gemeinsame Vergangenheit sprachen, so wussten wir beide, dass sie existierte. Und dementsprechend natürlich war es auch, dass wir beide ein gewisses Interesse am Leben des Anderen hatten und man dies in unseren Unterhaltungen merkte.
Der Weg nach Hause verging schneller als erwartet, und doch war es bereits dunkel, als ich meinen Peugeot in eine freie Parklücke fuhr. Ich versuchte die wenigen Meter bis in unseren Wohnblock schnell zu überbrücken. Keine Umwege, gesenkter Kopf. Das letzte, was ich brauchte, war noch mehr Stress in meinem Leben, und hier genügte ein falscher Blick, und deine Nase würde Bekanntschaft mit einem Schlagring machen. Oben angekommen, öffnete ich leise die Haustüre, und erst als sie sicher hinter mir ins Schloss fiel, entspannte ich mich. Ich striff meine Schuhe ab und ging ohne zu zögern in Richtung Rimas Zimmer. Die Tür lag einen Spalt offen, aber das Licht war bereits ausgeschaltet. Auf Zehenspitzen betrat ich den Raum und ließ meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen. "Schläfst du schon, Habibti." Ein leises Rascheln war zu hören. "Nein. Ich hab auf dich gewartet." Schuldgefühle trafen mich, aber immerhin war ich rechtzeitig Zuhause angekommen, bevor sie eingeschlafen war. "Ich bin hier." Ich kniete mich neben ihr Bett, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und strich ihr sanft die Haare aus der Stirn. "Soll ich dir etwas aus dem Quran vorlesen?" Sie nickte im Dunkeln und mit ihrer kleinen Hand in meiner, rezitierte ich einige Verse aus meinem Gedächtnis, bis ihr regelmäßiges Atmen die dunkle Stille erfüllte. Erst als ich mir zu 100% sicher war, dass sie tief und fest schlief, erhob ich mich und verließ das Zimmer.
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
