kapitel 29

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"Musst du wirklich heute wieder gehen?"
Adnan saß auf meinem Stuhl und blätterte durch mein eigenes Exemplar der Bachelorarbeit. Hätte ich gewusst, dass er über das Wochenende kommen wollte, hätte ich es nicht so sehr verplant. Wobei ich mir nicht sicher war, ob ich es ausgehalten hätte, Bilal eine ganze Woche lang nicht zu sehen. Gestern waren wir gemeinsam in der Sternwarte und spätestens da wusste ich, dass für mich nichts und niemand anderes mehr infrage kam, außer ihm. Er sah atemberaubend aus, in seinem dunkelblauen Langarmshirt und seiner schwarzen Hose. Es war das erste Mal, dass ich ihn etwas vornehmer gekleidet sah, und es fiel mir schwer meinen Fokus auf den Sternbildern über uns zu behalten. Alles an dem Tag war perfekt. Der Ort, all die Informationen, die man uns mitteilte und Bilal, wie er mir immer wieder leise islamische Zusammenhänge erklärte. Sein Wissen war beneidenswert und machte ihn noch attraktiver, als er ohnehin schon war. Das Planetarium bot nicht immer die Möglichkeit, den realen Himmel zu beobachten. Es hing von vielen Faktoren ab, wie dem Wetter oder der vorhandenen Besucherzahl. Ich würde sagen, wir hatten Glück, aber ich glaubte nicht an Glück. Ich glaubte, dass es so sein sollte, dass ausgerechnet gestern nur eine kleine Gruppe anwesend war, und wir erst den Mond durch Teleskope beobachten durften, und anschließend die Kuppel geöffnet wurde. Der herbstliche Abendwind war kalt, aber ich spürte nichts von alledem, mit Bilal neben mir und dem klaren Sternenhimmel über uns. In diesem Moment war ich wieder 9. Ein kleines Mädchen mit ihrem besten Freund, die nichts anderes wollten, als gemeinsam die Sterne zu sehen. Und hier standen wir, weil Bilal sich erinnerte, an jedes noch so kleine Detail, und während ich wie im Bann nach oben starrte, spürte ich, wie er mich von der Seite betrachtete, bevor er seinen Blick losriss, und ebenfalls in den Himmel schaute.

Es war dieser Moment, in dem ich wusste, dass ich ihn für meine Ewigkeit wollte. Aber ich sagte nichts. Stattdessen schloss ich diese Erinnerung, die Bilal mir verschaffte, tief in mein Herz, mit dem Wissen, dass der Schlüssel dazu niemand anderes trug, als der Mann neben mir. Und als hätte all das nicht gereicht, begleitete Bilal mich am späten Abend im Bus nach Hause. Sein Auto ließ er bei der Sternwarte. Er würde es holen, nachdem ich bereits sicher in den vier Wänden meines Zimmers saß.

"Du weißt, dass ich es hier nicht lange aushalte." Mein großer Bruder riss mich aus meinen Gedanken und ich schaute ihn an. Manchmal fiel es mir schwer, nicht schnippisch auf seine Aussagen zu reagieren. Seine Sichtweise auf das Leben nachzuvollziehen und ihm nicht unverständnisvoll entgegenzuwirken. Ich verstand einfach nicht, wie lange es noch dauern würde, bis er endlich die Reife eines 29-jährigen erlangte. "Mama und Baba fragen mich andauernd aus. Ich bin nicht ohne Grund ausgezogen." Ich rollte mich in meinem Bett auf den Rücken und starrte die Decke meines Zimmers an. "Sie sorgen sich nur um dich." Schnauben. "Ich bin kein kleines Kind mehr." Müde schloss ich meine Augen. "Du bist ihr erstes Kind. Und du meldest dich so selten. Sie haben das Gefühl, dich verloren zu haben". Tief im Inneren hatte auch ich das Gefühl. Aber das sagte ich nicht. "Ich versuche doch einfach nur herauszufinden, wer ich bin." Es blieb eine Weile still, bevor Adnan wieder zu sprechen begann. "Zwischen mir und Elisa kriselt es in letzter Zeit." Jetzt war ich wach. Elisa war Adnans Freundin. Von der meine Eltern nichts wussten, und von der ich eigentlich auch nichts hätte wissen sollen, hätte ich es nicht selbst herausgefunden. Als ich ihn damals konfrontiert hatte, versuchte er mir weiszumachen, dass er es ernst mit ihr meinte. Dass wir ihn nicht verstanden und er uns genau deshalb nicht von ihr erzählt hatte. Mein älterer Bruder hatte eine Vorgeschichte, wenn es um Mädchen ging. Aber die lag in der Pubertät und vielleicht hatten wir alle versucht, sie zu verdrängen. Es war etwa 3 Jahre her, dass ich von Elisa erfuhr, und mein erster Instinkt war ihn anzurufen. Nachdem er es mir bestätigt hatte, weinte ich und vermied es für Wochen, mit ihm zu sprechen. Gleichzeitig entschied ich mich dazu, es nicht meiner Familie zu erzählen. Nicht, weil ich ihn schützen wollte, sondern weil der Islam es mir befahl.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt