Ich setzte mich auf, rieb mir aggressiv meine müden Augen und schlug die Decke von mir runter. Es waren inzwischen Wochen vergangen und das war, wovon ich träumte? Ohne groß darüber nachzudenken, zog ich die obere Schublade meiner Kommode auf und da lag sie. Über all den anderen trockenen Blumen, ganz oben, lag die zerquetschte weiß rosane Magnolie. Wütend auf mich selber schloss ich die Schublade, welche lauter als erwartet zuknallte. Ich zog meine Knie an und lehnte meine Stirn dagegen, um irgendwie runter zukommen. Tausend Gedanken echoten in meinem Kopf; der Traum präsent vor meinem inneren Auge und die pochende Hitze unerträglich unter meiner Haut.
"Kull shi tamam?"¹ Meine Mutter schob ihren Kopf durch die geöffnete Tür und musterte mich besorgt. "Ja, alles gut." Misstrauisch beäugte sie mich noch einige Sekunden, bevor sie nickte, und die Tür wieder schloss. Der kleine Bilal auf meinem Nachttisch beobachtete mich amüsiert aus dem Foto heraus und ich klappte den Bilderrahmen um, sodass er sich nun an der Tischplatte amüsieren konnte. Ich hatte keine Nerven für all das. Es wurde Zeit, dass ich langsam eine Entscheidung traf. Yunus hatte zwar noch nichts angesprochen, aber ich merkte, dass er so langsam bereit dafür war, den nächsten Schritt zu gehen. Ich hingegen war nach wie vor unentschlossen. Nach dem ersten Treffen hatte sich für mich nicht viel verändert. Inzwischen wusste ich eine Menge mehr über ihn - manches gefiel mir, anderes eher weniger - aber es fühlte sich noch immer starr an. Ich wusste nicht, was es genau war. Es gab Menschen, mit denen man alles um sich herum vergessen konnte. Mit denen man nichts überdachte und die einen ohne viele Worte verstanden. Yunus zählte nicht dazu. Jedenfalls nicht bei mir. Und während ich zu Beginn gehofft hatte, dass sich dies mit der Zeit ändern würde, zweifelte ich mittlerweile daran. Um es kurz zu fassen: Ich war verwirrt. Er war nett, freundlich, höflich, religiös. Ich wollte ihm eine Chance geben, aber ich schaffte es nicht, mich romantisch zu ihm hingezogen zu fühlen. Gleichzeitig hatte ich schon eine Menge seiner Zeit in Anspruch genommen, Hoffnung geschaffen, von der ich selber nicht wusste, ob sie existieren sollte und als wär das nicht genug, waren unsere Familien mehr als investiert in unser Kennenlernen.
Seufzend schleppte ich mich von meinem Bett ins Badezimmer. Ich würde definitiv sehr bald noch einmal Istikhara² beten müssen, aber dafür mussten erstmal meine Tage enden. Mein Spiegelbild schaute mir spöttisch unter dem hellgelben Licht entgegen und ich drehte mir selbst den Rücken zu. Heute stand zuerst Uni an, und dann, wer hätte es gedacht, würde ich mit Yunus essen gehen. Es ging jedes Mal von ihm aus. Nach jedem Treffen vereinbarte er das Nächste und ich sagte zu, ohne zu wissen, ob es das war, was ich wollte. Aber ich hatte mir selber die Grenze gesetzt. Heute würde ich einen Entschluss fassen müssen. Ihm zu liebe und mir zu liebe.
Etwas abseits der Bibliothek stand ich in einer ruhigen verschatteten Ecke und scannte fast schon paranoid meine Umgebung. So sollte es sich ganz sicher nicht anfühlen, wenn man auf seinen potentiell zukünftigen Partner wartete. Es sollte nicht unangenehm sein. Man sollte sich nicht wünschen, nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, weil man nicht wollte, dass Leute davon ausgingen, es würde etwas vorgehen, was zwar der Fall war, aber scheinbar nicht meine Wahrheit sein wollte. Ich fühlte mich schlecht. Schlecht und gemein und undankbar für die Gedanken, die ich hatte; aber gleichzeitig konnte ich sie nicht abstellen. Aus der Ferne erkannte ich Yunus' schlaksige Figur auf mich zukommen. Oh Gott. Er hielt einen Blumenstrauß in der Hand. Am liebsten wäre ich in dem Moment von der Erdoberfläche verschwunden. Mein Gesicht wurde heiß, und ich wusste, dass es nicht aus Verlegenheit, sondern aus Scham geschah und dann schämte ich mich dafür, dass ich mich dafür schämte, dass er versuchte aufmerksam zu sein. Die Uni war vielleicht einfach nicht... der richtige Ort?
Mit einem zurückhaltenden Grinsen kam er vor mir zum Stehen. "Salamu aleikum". Er hielt mir den kleinen Strauß roter Rosen entgegen. Ohne zu zögern, ergriff ich diesen und ließ ihn in meiner Handtasche verschwinden. Er schaute oben etwas heraus, aber damit konnte ich leben. "Wua aleikum salam. Dankeschön." Ich lächelte, und auch, wenn es mir unangenehm war, war es eine nette Geste, von der ich mich geschmeichelt fühlte. "Und, bist du gut vorangekommen?" Wir starteten unseren Smalltalk, wie jedes Mal. Uni, Arbeit, Wetter und von vorne. Gerade, als wir zum Gehen ansetzten wollten, erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Oder besser gesagt, jemand.
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
