Bilals POV
Auch wenn mein Körper sich dagegen wehrte, hievte ich mich von der Matratze und stolperte in der Dunkelheit zur Tür. Ich hatte seit Stunden kein Auge mehr zugelegt, und ich könnte den Morgen auch nutzen, um zu versuchen, mich irgendwie wieder aufzurappeln. Leise öffnete ich die Zimmertür und ein warmes Morgenlicht erhellte das Innere meines Zimmers. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen, und ich lehnte mich gegen den Türrahmen, bemüht, leise zu sein, um Amanah nicht zu wecken. Mein Körper war ausgelaugt. Es fiel mir schwer, mich auf den Beinen zu halten, und mir fehlte jegliche Energie. In den letzten Wochen hatte ich mehr Masse verloren, als ich in den letzten Jahren durch hartes Training zugelegt hatte. Ich musste wieder bei 0 starten.
Mein Blick fiel auf Amanah. Sie schlief seelenruhig. Ihre wilden Haare auf meinem Kissen ausgebreitet und sie trug mein T-Shirt. Aber man sah ihr die Anstrengung der letzten Tage an. Die leicht angespannten Augenbrauen. Die geschwollenen Lider. Es war an der Zeit, ihr das zurückzugeben, was sie für mich aufgeopfert hatte.
In zähen Schritten zwang ich mich in Richtung Wohnzimmer. Heute würde ich ihr Frühstück machen. Das klang nach einer bewältigbaren Aufgabe für den Tag. Das würde ich schaffen. Ich zog die Vorhänge auf und öffnete die Balkontüre, um frische Luft ins Innere zu lassen. Das Gewitter von gestern war verzogen und ein rosaner Schleier zog sich durch den Morgenhimmel. Es würde wieder besser werden. Irgendwann.
Ich entfernte mich vom Balkon und mein Blick fiel auf die verschlossene Türe neben dem Sofa. Die Türe, die mich in eine andere Welt befördern würde. Eine Realität, die ich nicht akzeptieren wollte. Meine Finger suchten das Regal an der Wand nach dem kleinen, metallischen Schlüssel ab, und ganz hinten, inmitten von Staub, ertasteten sie die Kühle des Objekts, welches eine Wunde aufreißen würde, die nicht einmal begonnen hatte, zu heilen. "Bismillah". Mit unruhiger Hand schob ich den Schlüssel in sein Schlüsselloch und drehte so lange, bis es nicht mehr ging. Dann umfasste ich die Klinke und zog die Türe mit gesenktem Blick auf. Mein ganzer Körper bebte, während ich erst einen, dann einen zweiten Schritt in das Zimmer meiner Mutter setzte. Und dann hob ich meine Augen.
Der Anblick ihres Sterbeortes zog jegliches Leben aus mir und beförderte mich augenblicklich zurück an den Morgen, an dem ich sie fand. Wie ein flackernder Film suchten mich Szenen des besagten Tages heim, während ich versuchte dagegen anzukämpfen. Gegen die Schreie, die meine waren. Das Weinen und die wirren Stimmen. Gegen den Anblick von Mama, am Boden. Und dann fixierten meine Augen diesen Punkt. Ihr Teppich lag noch immer da. Offen und zur Qibla ausgerichtet, als würde sie jederzeit zurückkehren, um zu beten. Nur dass sie das nicht tat. Ich sah sie da. Im Sujud. Ihre Stirn auf dem Boden. Mich, an genau derselben Stelle, und es war das letzte Mal, dass ich sie sah, bevor ich es wusste. Bevor ich verstand, was geschehen war. Der Raum war leblos ohne sie. Grau, und unglaublich deprimierend, und ich fragte mich, ob sie ihn vielleicht schon immer so wahrgenommen hatte. Ob ihr Leben hier eine Qual für sie war. Ein ständiger Kampf. Meine Brust verkrampfte sich bei dem Gedanken, und noch viel mehr bei dem, dass ich so viel mehr Zeit mit ihr hätte verbringen sollen. Als sie noch da war...
Ich spürte die Panik in mir steigen. Spürte meine Lungen sich verengen. Vielleicht war ich noch nicht so weit. Vielleicht brauchte ich einfach meine Zeit. In hektischen Schritten verließ ich das Zimmer und knallte die Türe so schnell zu, als würde mich im Inneren jemand jagen. Etwas. Schweratmend lehnte ich mich gegen das hölzerne Brett. Einatmen. - Aus. Es dauerte, bis ich mich wieder gefasst hatte. Bis ich vernünftig atmen konnte. Vernünftige Gedanken fassen konnte. Und ehe ich auf weitere blöde Ideen kam, begab ich mich in die Küche, um Frühstück anzurichten. Ich hatte weder Hunger, noch Lust darauf, etwas zu machen. Aber ich wusste, dass ich irgendwo beginnen musste. Jeden Tag einen Schritt, und nach 100 Tagen könnte ich die zurückgelegte Distanz nicht mehr überschauen. Ich brauchte keine Motivation. Ich brauchte Disziplin. So hatte ich die letzten 24 Jahre meines Lebens gelebt, und so würde ich die weiteren überstehen.
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
