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kapitel 43

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Man sagt, wenn das Leben zu gut läuft, solltest du dir Sorgen machen. Entweder, weil dir diese Dunya anstelle der Akhirah gegeben wurde; oder, weil jedem Sturm ein Moment der Ruhe voranging. Ich hätte wissen müssen, dass die letzten Monate zu perfekt waren. Zu makellos, für mein Leben. Aber mein naives Ich hatte wohl nicht gelernt. Mal wieder.

Es war drei Tage nach dem achten Todestag meines Vaters. Meine Mutter hatte eine Schicht um acht, weswegen ich sie aufwecken wollte, nachdem mein Wecker mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Als ich leise anklopfte, und wenig später die Türe zum Schlafzimmer meiner Mutter öffnete, entdeckte ich sie im Sujud. Fajr war bereits vorbei, aber ich war davon ausgegangen, dass sie freiwillige Rakaat verrichtete. Ich machte mich fertig, da auch ich zur Arbeit musste, aber als sie 20 Minuten später immer noch nicht ihr Zimmer verlassen hatte, startete ich meinen zweiten Versuch. "Mama?" Ich klopfte etwas stärker, bevor ich die kühle Klinke umfasste, und die Türe ein weiteres Mal aufzog. Sie war noch immer im Sujud, und in diesem Moment wusste ich es. Ich wusste es, bevor ich auf sie zutrat, bevor ich sie berührte. Sie anschaute. Mein Verstand wusste es, und doch kam ich neben ihr in die Hocke. Doch berührte ich sie sachte, in der Hoffnung, sie würde wirklich immer noch beten. Aber sie regte sich nicht. Nicht einen Millimeter, und als meine Hände ihre Schultern umfassten, sackte sie seitlich zusammen.

Was danach geschah, konnte ich nicht genau sagen. Es ertönte ein markerschütternder Schrei, von dem ich nicht wusste, ob er meiner Kehle entwichen war, und wenig später stand Rima neben mir. Ich versuchte ihr den Anblick zu ersparen, versuchte sie zurückzuhalten, aber es war zu spät. Und ihre Schreie waren noch viel entsetzlicher als die vorherigen. Ich wusste nicht, wie was passiert war. Wusste nicht, ob ich den Krankenwagen gerufen hatte. Ob ich meiner Mutter zwei Rippen gebrochen hatte, bei dem Versuch sie zu reanimieren. Ich lag auf dem staubigen Parkettboden, als die Rettungskräfte ankamen, und schüttelte meinen Kopf, wurde hysterisch. Warum knieten sie neben mir? Warum blendeten sie mich mit dieser kleinen Taschenlampe, die mich Sterne sehen ließ, anstatt meiner Mutter zu helfen? "SIE- Sie! Nicht Ich. Es ist-" Meine Stimme machte mir Angst, und ich hörte Geschluchze und Rufe und Laute und mein gesamter Kopf drehte sich. Aus meinem Augenwinkel erkannte ich noch drei weitere Gestalten, die im Wohnzimmer um Rima standen. Alle schauten mich an. Die Frauen waren am Weinen. Rima. Amanah. Khala Saloua. Ich öffnete erneut meinen Mund, während ich mich gegen die Hände der Rettungskräfte wehrte, aber Amanah schüttelte im Hintergrund den Kopf. "MIR GEHT ES GUT VERDAMMT NOCHMAL" Ich rappelte mich auf, kam taumelnd auf meinen beiden Beinen zu stehen, um den Leuten endlich zu zeigen, um wen es ging. "Bilal nicht-" Ich drehte mich um, doch anstelle meiner Mutter befand sich eine weiße Plane, die etwas unter sich barg. Jemanden unter sich barg.

"Nein, ihr-" "Setzen sie sich bitte hin, Herr Shukri." "Nein- Nein, nein nein." Zwei starke Hände drückten mich fest auf den Boden, während die Luft in meiner Lunge abschnürte. "Bitte, das ist- Meine Mutter muss zur Arbeit und ich-" Ich wusste nicht, ob ich Amanah angerufen hatte, aber das verweinte Mädchen hatte ihren Weg zu mir gefunden und hielt meine Hand. Anschauen konnte sie mich aber nicht. "Herr Shukri-" Auf der anderen Seite stütze mich einer der Rettungskräfte. "ihre Mutter war zum Zeitpunkt der Ankunft bereits..." Ich wollte es nicht hören. Ich wollte es nicht hören und ich wollte niemanden hier haben. Ich wollte nicht angefasst werden und ich wollte nicht, dass Rima dabei war. "...tot. Und ziemlich wahrscheinlich auch schon Stunden zuvor. Sie war sehr lange in der von ihnen aufgefundenen Position verblieben. Hatte Druckspuren an Stirn und Knie. Wir-" Ich bekam offiziell keine Luft mehr. Ich spürte, wie mein Herz in meiner Brust zu explodieren drohte, während Rima im Hintergrund unbeherrscht nach Luft japste. Meine Lunge war verschlossen, und ich sah die Panik in den Augen der vielen Leute. Ich hörte gedämpft Stimmen, Rufe, Weinen, ein schrilles Piepen, und dann war alles schwarz.

Jedenfalls so lange, bis ich ein weiteres Mal aufwachte. Dieses Mal auf einer harten Liege, in einem zellenartigen Raum. Einem zellenartigen Raum, der sich zu bewegen schien. Ich sah erneut einen Mann in Uniform, und neben der Liege, auf der ich mich befand, saß Amanah. Beide ihre Hände umklammerten meine, und ihre Stirn war darauf abgelegt. Und dann hörte ich die schrille Sirene. Ich war in einem Krankenwagen. "B-iht-te l-h-as-sen s-" "Herr Shukri. Sie sind in einem Zustand der Panik." Die Augen des Rettungshelfers verließen meine, und er schaute matt auf den Boden. "Es tut mir leid, was passiert ist, aber es gab keine Möglichkeit mehr, Ihre Mutter zu retten. Sie hingegen, Sie müssen uns jetzt vertrauen, bis sie wieder stabil sind." Stabil. Bis ich wieder stabil bin? Stabil. Ich lachte, ich lachte oder weinte, oder schrie... Ich konnte es nicht sagen. Meine Kehle war rau, mein Gesicht und Oberteil nass, mein Kopf dröhnte und drehte sich und alles, was ich sah, war das Bild meiner Mutter. Das Bild meiner Mutter im Sujud. Meine Mutter, wie sie in sich kollabiert. Ihre leblosen Augen nach hinten gerollt, die Lider fast komplett geschlossen. Ich musste kotzen. Ich-

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt