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kapitel 7

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Es war jedes Mal wieder aufs Neue ungewohnt, wie lange es im Sommer hell blieb. Um kurz vor 19 Uhr brachten Dua und ich die letzten Stufen zur Moschee hinter uns, und die Stimmung erinnerte mehr an einen helllichten Vormittag als an eine einbrechende Dämmerung. Eine Woche nach dem Angriff verfolgten mich noch immer Angstzustände, Panikattacken und schwierige Nächte, aber meine Freunde, vor allem Dua, gaben alles, damit ich die Blockade, die sich in meinem Kopf gebildet hatte, überwand. Unsere Uni hat ein psychologisches Angebot, bei dem man Therapiestunden umsonst wahrnehmen konnte, und während ich die Mails dazu all die Jahre ignoriert hatte, schien jetzt der richtige Zeitpunkt für ein professionelles Gespräch eingetroffen zu sein. Ich wollte nicht behaupten, es hätte nichts gebracht, aber das Essentiellste, was ich mitnehmen konnte, war, dass ich meine Angst nicht überhand gewinnen lassen sollte, und dass es wichtig war, unmittelbar wieder am Sozialleben teilzuhaben. Eine zu lange Pause könnten mich von der Außenwelt isolieren und mich zu paranoid werden lassen. Nichts weltbewegendes, aber ich versuchte die Ratschläge umzusetzen. Einfach fiel es mir dennoch nicht, und meinen Eltern ebenso wenig. Ich fühlte mich seit jeher schlicht und einfach nicht mehr wohl in Deutschland. Das Land, das eigentlich meine Heimat sein sollte. Aber wem machte ich hier was vor. Wenn ich etwas gelernt hatte, dann, dass sie uns unsere Heimat nehmen konnten, wie sie wollten. Sie hatten es mit meinen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und all den Generationen davor in Falasteen getan, und jetzt taten sie es hier mit uns.

Ich seufzte schwer, als ich bemerkte, in was für Gedanken ich mich schon wieder rumtrieb und schlug sie beiseite. Immerhin hatte ich mich dazu gebracht, mein Schicksal nicht komplett sich selbst zu überlassen und vielleicht mit etwas Eigenleistung Bilals Aufmerksamkeit zu erlangen. Und genau deswegen war ich eine Woche nach dem besagten Tag hier in der Moschee. Er hatte am Esstisch mit meinen Eltern von der Dienstagssitzung gesprochen und ich wollte sie mir anschauen. Nicht nur, weil Bilal sie organisierte, sondern auch, weil ich mein religiöses Wissen erweitern und neue Schwestern kennenlernen konnte. Dua schlenderte den kurzen Weg bis zur Moschee vor mir entlang, und drinnen angekommen warf sie mir einen vielsagenden Blick zu. Bilal stand -mal wieder- halb im Türrahmen des Sekretariats und schaute gestresst auf das Notizbuch in seiner Hand. Sein Blick huschte für einen kurzen Moment über uns, ehe er sich seinem Handy widmete, und richtete sich dann wieder auf, als hätte er zu spät bemerkt, dass ich es war.

"Du bist gekommen." Es war eine Feststellung, dessen Ton ich nicht lesen konnte. "Ja, ich dachte, ich schau mir das Ganze Mal an." Er nickte bestimmt, während er sich gestresst durch die langen Haare fuhr und etwas in sein Notizbuch kritzelte. "Sorry, ich mach immer alles auf den letzten Drücker. Heute wird leider nicht das interessanteste Thema besprochen, aber an sich ist es immer sehr lehrreich." Ich versuchte die tausenden Gedanken in meinem Kopf stummzuschalten und ein Mal etwas Gescheites zu sagen, aber Bilals Anwesenheit war wie ein schriller Schrei mitten in meinem Gehirn und löschte jeden Gedanken in seiner Wurzel aus. Kurz gesagt, mein Hirn war leer. Also entschied ich mich, mich den vereinzelten Leuten, die an uns vorbei in den Vortragssaal schritten, anzuschließen. "Und Amanah" Ich blickte hoch und sah, wie Bilal unter seiner hektischen Miene besorgt seine Augenbrauen zusammenzog. Sein Auge war schon bei der letzten Begegnung deutlich abgeschwollen, aber ein kleiner Riss zierte die sensible Haut darunter und ich musste schlucken, um die Trockenheit in meiner Kehle loszuwerden. "Wie kommst du nachher nach Hause? Soll ich dich fahren?" Mein Herzschlag verschnellerte sich und meine Irrationalität schrie JA! "Ich fahr mit dem Bus inshaAllah. Aber danke" 

Bilal vergrub eine Hand in seiner Hosentasche und musterte den Boden, der sich zwischen uns erstreckte. Ein weiterer riesen Aspekt, den ich an ihm schätzte. Er senkte konstant seine Blicke. Schaute mich nicht länger an als notwendig und ließ mich wissen, dass er unseren Glauben respektierte und priorisierte. "Bist du dir sicher? Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, nach dem letzten Mal. Also ich würde mich besser fühlen, wenn ich dich auf dem Heimweg einfach absetze. Natürlich nur wenn deine Eltern damit einverstanden sind." Er pausierte kurz und schien nachzudenken, bevor er weitersprach. "Und natürlich nur, wenn du dich nicht unwohl fühlst." Oh, ich fühlte mich alles andere als unwohl in seiner Nähe, aber das konnte ich schlecht sagen. "Ich schätze das sehr, aber ich bin mit Dua hier." Ich deutete auf meine Freundin, die noch immer neben mir stand. Ihre Aufmerksamkeit galt vermeintlich ihrem Handy, aber ich wusste, dass sie dies nur tat, um uns glauben zu lassen, sie würde nicht zuhören. "Wir fahren zusammen, aber danke. Wirklich." Bilal wirkte erleichtert und nickte dann. "Na dann, ich muss rein. Ihr solltet auch langsam-" Er schob sich an uns vorbei und schritt auf den bereits vollen Vortragsraum zu. "Viel Spaß. Salamu Aleikum." Mein "Wua aleikum salam" war leise und mein Herzschlag eindeutig zu laut. "Darüber reden wir noch ausfühlich." Dua grinste und ergriff meinen Arm, um mich ebenfalls hinter sich in den Raum zu ziehen. Er war nicht sonderlich groß, aber ordentlich gefüllt. Rechts saßen die Männer und links die Frauen. Die meisten eher jung, in unserem Alter. Einige Gesichter waren mir bekannt, wie Yunus, der uns für eine Sekunde anblickte, oder all die Schwestern, die ich über die Jahre hier kennenlernen durfte. Manche kannte man besser, andere nur flüchtig, aber alle hier waren unfassbar lieb und die besten Bekanntschaften hatte ich in der Moschee gemacht. Ich umarmte einige zur Begrüßung, anderen winkte ich aus der Ferne oder flüsterte ihnen ein leises Salamu Aleikum zu, bevor Dua und ich uns auf zwei freien Stühlen niederließen. "Amanah, Salamu Aleikum!" Vor mir saß Mahida. Wir hatten uns einige Male unterhalten und verstanden uns, aber sahen uns meistens nur im Kontext der Moschee. "Salamu Aleikum, na?" Sie lächelte mich an und drehte sich in ihrem Stuhl um. "Hast du vorhin mit Bilal geredet?" Oh. "Ja, wieso?" Ich befeuchtete meine Lippen, die sich plötzlich ganz trocken anfühlten, aber imitierte das Lächeln meines Gegenübers. "Woher kennt ihr euch?" Ihre Stimme war ein leises Flüstern, und doch triefte dieses Flüstern vor Neugierde. Meistens beließen wir es bei Smalltalk. "Unsere Mütter sind gute Freunde. Wir sind quasi zusammen aufgewachsen." Ich wollte es dabei belassen, da mein Bauchgefühl mir sagte, sie hatte tiefgehendere Motive, als nur Neugierde, aber Mahida sprach weiter. "Das ist beneidenswert". Sie grinste und kam mir etwas näher, um unerwünschtes Lauschen zu vermeiden. "Das wünschen sich viele hier, glaub mir. Du willst nicht zufällig ein paar gute Worte über mich bei ihm verlieren? Oder bei seiner Mutter?" Sie überspielte die Aussage mit einem Lachen, um sie als Spaß zu vermitteln, aber ich wusste, dass Ernsthaftigkeit dahinter steckte. Eine unangenehme Fülle schien sich in meinem Bauch auszubreiten, die sich verdächtig nach Eifersucht anfühlte und ich hasste mich dafür. Weder hatte ich einen Anspruch auf Bilal, noch wusste Mahida von meiner traurigen Schwärmerei. Ich wollte ihr diplomatisch antworten, aber mir fiel nichts ein.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt