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kapitel 44

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tw: dieses kapitel schneidet -wenn auch nur kurz- themen, wie den tod, sv, depressive verstimmungen und gedanken an. sollten diese themen triggernd auf euch wirken, bitte ich euch, euch dies nicht durchzulesen! außerdem seid ihr nicht alleine und die zukunft hält sehr viele wunderschöne momente offen. 

bitte glaubt nicht, alleine mit euren probleme zu sein. nutzt hilfsangebote und sprecht mit eurem umfeld. 
hier die nr zur telefonseelsorge:   0800 1110111 
wenn ihr glaubt, niemandem zum reden zu haben oder einfach mal ein offenes ohr braucht, könnt ihr mir auch gerne privat schreiben.


Als die Tür am besagten Freitag zum letzten Mal ins Schloss fiel, stand ich wortlos auf, und ging in mein Zimmer. Ich wusste nicht, wer sich ausgedacht hatte, dass die Familie einer verstorbenen Person Leute bei sich empfangen musste, nur damit sie ihr Beileid aussprachen, aber ich hielt nichts davon. Mit jeder weiteren Person, die mir sagte, wie leid es ihr tat, wuchs das Bedürfnis in mir, den heutigen Tag endlich zu Ende zu bringen, und als es dann so weit war, verkroch ich mich in mein Loch. Ich legte mich in die beißende Dunkelheit, und starrte die Decke an. Mein Kopf war leer. Nicht ein einziger Gedanke beschäftigte mich, während ich in der Schwärze meines Zimmers versank. Die Tür schob sich leise auf und ein gelblicher Schimmer bestrahlte das Innere der kleinen Kammer. Ohne ein Wort zu sagen, trat Amanah ein und setzte sich neben mich. Sie und ihre Eltern hatten die letzten Tage alles gestemmt. Sie waren nicht von unserer Seite gewichen. So, wie sie es versprochen hatte. Und doch brauchte ich Ruhe. Einsamkeit.

Ihre kühle Hand fand mein Gesicht und ich schloss meine Augen. Sie würde mir nicht glauben, dass ich schlief. "Bilal, du musst nicht alles in dich reinfressen. Ich hoffe, du weißt das." Ich sagte nichts. "Rima schläft. Ich habe mit Mama gesprochen. Wir denken, es ist keine schlechte Idee, ihre psychologische Hilfe zu suchen. Sie ist erst acht. Sie sollte professionell begleitet werden." Schweigen. "Willst du immer noch nicht mit zu uns? Ihr solltet nicht alleine durch das alles und-" "Wir kommen klar." Ihre Hand verließ mein Gesicht, ihre Nähe trotzdem noch immer spürbar. "Wir können auch noch einige Tage hier bleiben. Bis sich alles geregelt hat. Bis es euch besser geht." Ich drehte mich auf meine Seite, meine Augen noch immer der Dunkelheit entgegenstarrend. "Ehrlich gesagt brauche ich momentan einfach Ruhe. Ich- hab alles unter Kontrolle. Ihr habt genug für uns gemacht. Danke." Für einen Moment glaubte ich zu hören, wie Amanah ihren Atem anhielt. Dann legte sie ihre Hand in meinen Nacken. Ihr Daumen fuhr sanft über die sensible Haut. "Bist du dir sicher?" Auch wenn sie es nicht sah, nickte ich. "Rima kann das nicht alleine machen. Sie braucht dich." "Ich weiß." Meine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. "Ich krieg das hin. Ich brauche einfach Ruhe, damit ich meine Gedanken sortieren kann. Geht nach Hause, ihr habt eine lange Woche hinter euch." Ich konnte förmlich die Sorge in ihren Augen sehen. Aber ich brauchte weder Sorge, noch Mitgefühl. "Wenn es das ist, was du willst und brauchst, dann machen wir das. Aber ich bin nur einen Anruf entfernt, okay?" Stille.

Etwa eine halbe Stunde später war es ruhig in unserer Wohnung. Nur noch Rima und ich und der Geist, der mich ab jetzt verfolgen würde. Ich schaltete mein Handy aus, entfernte die SIM-Karte und schleuderte das Gerät in die gegenüberliegende Ecke meines Zimmers. Ich wollte von niemandem hören.

Jeder vergehende Tag fühlte sich an, wie Folter. Jeder vergehende Tag brachte noch weniger Sinn mit sich, als der vorangehende. Während ich in der Woche des Todes meiner Mutter noch auf Autopilot funktionierte, funktionierte ich inzwischen gar nicht mehr. Ich verließ das Haus nicht. Vernachlässigte alles, was man vernachlässigen konnte. Rollte nur zum Beten von meiner durchgelegene Matratze und war währenddessen mit meinen Gedanken überall, außer anwesend. Ich aß nicht, hatte keinen Hunger, keinen Durst, keinen Antrieb. Wenn ich Rimas markerschütternde Schreie hörte, setzte ich mich wortlos neben ihr Bett, hielt ihre Hand, bis sie einschlief und verkroch mich wieder auf meine Matratze. Ich duschte nicht, wechselte nicht meine Kleidung, sprach mit niemandem und ignorierte jedes Klingeln, jedes Klopfen an der Türe. Manchmal kam Rima unter Tränen in mein Zimmer, legte sich neben mich und schlief dort ein. Ich ließ sie, wusste aber nicht, wie ich ihr helfen konnte. "Iss von dem Essen in der Küche. Nicht die Tür aufmachen, wenn es klingelt. Okay, Aabo?" Sie nickte schniefend, und das war, was sie tat. Wenn sie Hunger hatte, bediente sie sich an der Menge an Essen, welche uns die Gäste gebracht hatten. Wenn sie Mama vermisste oder Angst bekam, legte sie sich neben mich. Wenn sie nachts alleine weinte, leistete ich ihr Gesellschaft und danach verkroch ich mich in meine vier Wände. Mamas Zimmer hatte ich seither weder betreten, noch geöffnet. Ich hatte es abgeschlossen und den Schlüssel auf dem obersten Schrank im Wohnzimmer verstaut. Mir war klar, dass sie nicht zurückkehren würde. Dass niemand jemals in dieses Zimmer zurückkehren würde. Aber ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht.

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt