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kapitel 30

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Adnan war wieder in Berlin. Dua verbrachte die meiste Zeit in der Uni, um ihr letztes Projekt abzuschließen. Und ich hatte frei. Es fühlte sich surreal an, nichts mehr für die Uni tun zu müssen. Jeden Tag aufzuwachen und keine Verpflichtungen zu haben. Jedenfalls keine, an denen ich keinen wirklichen Gefallen fand. Ich versuchte viel in meinen Hifdh zu investieren. Ich hatte erst vor etwa einem Jahr mit dem Auswendiglernen des Qurans begonnen und vor mir befand sich definitiv eine lange Reise, aber umso mehr schätzte ich die viele Freizeit aktuell, die ich mit dem Erlernen meiner Religion füllen konnte.

Und dann war da natürlich noch Bilal. Ich blickte in den Spiegel und meine dunklen Augen starrten mir entgegen. Bilal und ich würden gleich etwas essen gehen und im Inneren hoffte ich, dass er langsam seine Entscheidung treffen würde... natürlich nur, wenn sie mir zu Gunsten ausfallen würde. Ich hatte nicht vor ihn unter Druck zu setzen, und ich würde ihm so viel Zeit geben, wie er benötigte, aber es wurde nicht unbedingt einfacher, ihn von Woche zu Woche zu sehen und ihm nicht von Mal zu Mal mehr zu verfallen. Kurz nachdem Walid und meine Mutter nach Hause kamen, machte ich mich fertig und gab beiden einen Kuss auf die Stirn, bevor ich mich zum Bus begab.

Wir hatten uns auf einen kleinen arabischen Imbiss geeinigt. Zum Einen, weil es an diesen Orten immer das beste Essen gab, und zum Anderen, weil ich Bilal finanziell nicht belasten wollte. Das hatte ich ihm selbstverständlich nicht gesagt, sonst wären wir heute nicht hier. Aber ich hatte von Anfang an klargemacht, dass ich ihm nicht zur Last fallen wollte, und ich wusste, dass er jeden Cent für seine Familie brauchte.

Ich war etwas zu früh da, setzte mich aber trotzdem bereits rein, als ich die grauen Wolken den Himmel zieren sah. Bilal kam einige Minuten zu spät, was nicht unbedingt typisch für ihn war und er sah mal wieder fertig aus. Seine Augen waren müde, seine Schultern hängend und seine Bewegungen gestresst. Er kam vor mir zum Sitzen und strich sich mit seinen Händen grob übers Gesicht. "Tut mir leid." Ich musterte ihn, während er seine Augen rieb und dann auf die Tischplatte schaute. "Alles okay?" Er nickte. "Ich hatte eben meine letzte Klausur für dieses Semester. Die Nacht war lang." Wie auf Knopfdruck gähnte er und hielt sich die Hand vor den Mund. "Sorry." Erst jetzt blickte er auf und seine geröteten Augen musterten mich behutsam. Allein die Art und Weise, wie er mich anschaute, hinterließ eine Gänsehaut auf meinen Armen. Als sein von Sorge geprägtes Gesicht dann auch noch durch ein leichtes Lächeln gebrochen wurde, wäre es fast um mich geschehen gewesen. "Oh man." Grinsend verschränkte er die Arme auf den Tisch und legte anschließend seinen Kopf darauf ab. "Was?" Er schüttelte seinen Kopf, verweilte aber weiterhin in dieser Position. "Nix. Ich freu mich dich zu sehen." Mein Herz begann zu rasen und ich schmunzelte. "Wollt ihr bestellen?" Ein Mitarbeiter trat an unseren Tisch und Bilal richtete sich auf. "Eh." Auf arabisch gab Bilal seine Bestellung auf und schaute dann zu mir. "Ich nehm' auch ein Schawarma." Der Mitarbeiter wechselte einige Worte mit Bilal und begab sich dann hinter die Theke. Der arabischsprechende Bilal brachte einen ganz anderen Charme mit sich und ich wusste nicht, ob irgendetwas diese Version von ihm übertreffen konnte. Der syrische Akzent passte nicht wirklich zu ihm und umso attraktiver war es, wenn die Worte so unbeschwert von seiner Zunge rollten.

"Gehts dir gut?" Bilal grinste mich an und ich spürte die Röte in meinen Wangen. "Ja, bestens, danke der Nachfrage." Er nickte, das Grinsen noch immer auf seinen Lippen. "Weißt du, was ich schon ewig ansprechen wollte? Du kommst nicht mehr zur Dienstagssitzung. Ich mein du bist sowieso nicht sonderlich oft gekommen, aber...irgendwann warst du gar nicht mehr da." Mein Gegenüber lehnte seinen Kopf an die Wand neben sich und überflog mit seinen Augen das Innere der Imbissbude. "Ja, irgendwelche Ideen, woran das lag?" Schulterzuckend fixierte Bilal einen Punkt hinter mir. "Daran, dass du jemanden kennengelernt hast, der nicht ich war?"
"Hmm oder vielleicht daran, dass jemand anderes mich nicht wollte?" Bilal zog seine dunklen Brauen hoch, sein Blick überall, nur nicht auf mir. "Du bist mir aus dem Weg gegangen?" Ich hasste es, wie mein Körper jedes Mal mein Inneres verriet. Erneut wurden meine Wangen warm und jetzt war ich dankbar dafür, dass Bilal mich nicht anschaute. "Du doch offensichtlich auch." Für einen kurzen Moment trafen sich unsere Augen, bevor er kopfschüttelnd die Arme verschränkte und seinen Blick löste. "Ich bin dir noch nie in meinem Leben aus dem Weg gegangen. Nicht als Kind, nicht in den letzten 12 Jahren und schon gar nicht nachdem ich vor Monaten nach so langer Zeit wieder in eurer Wohnung war." Er schaute mich wieder an. "Ich wusste einfach, dass ich dir nicht das bieten kann, was du brauchst. Und ich wollte dir nicht so-" Mit einer schnellen Handbewegung deutete er auf sich selber "gegenübertreten. Ich wollte ein Mann für dich sein. Ein richtiger Mann." Meine Augen sahen nur ihn, meine Ohren hörten nur seine Worte, alles in mir registrierte nur ihn. Was auch immer ich getan hatte, um ihn zu verdienen, musste gewaltig gewesen sein. Denn es fühlte sich nicht fair an, diese Worte einzig und allein für mich zu haben. "Du hast so eine verzerrte Selbstwahrnehmung, das ist verrückt. Und hätte man uns im Studium nicht direkt am Anfang gelehrt, dass man keine nahestehenden Leute therapieren sollte, würde ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen." Der Kellner brachte uns die zwei Shawarma Sandwiches und erst als er verschwand, sprach ich weiter. "Ich komme liebend gerne wieder zur Dienstagssitzung, wenn es dich glücklich macht." Mein Ton war neckend und Bilal lachte leise, bevor er in sein Sandwich biss. "Würde es. Aber ich hab mich dazu entschieden, die Leitung jemand anderem zu übergeben." Verwirrt schaute ich zu ihm auf, aber seine Aufmerksamkeit galt voll und ganz dem Essen. "Meine Zeit wird immer knapper und vor allem aktuell-" Jetzt schaute er auf. "Bevor ich sage, was ich vorhabe zu sagen: Amanah bitte sei dir bewusst, dass ich wirklich alles gebe, was ich geben kann. Aber meine Zeit und mein Geld sind begrenzt. Ich würde dir am Liebsten die ganze Welt vor die Füße legen, aber jeder hat seine Mittel und meine sind nunmal... etwas geringer." Mein Herz schlug ungesund schnell gegen meine Brust, während sich meine Lungen verengten. "Ich möchte nur, dass du dir zu 100% sicher bist, bevor ich-." Er räusperte sich kurz, vermied dann meine Augen und sprach mit geladener Stimme die nächsten Worte. "Ich werde die Dienstagssitzung abgeben, weil ich das Gefühl habe, in der Zukunft mehr Zeit für eine bestimmte Person haben zu wollen. Fühl dich nicht unter Druck gesetzt und nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, aber ich stehe an einem Punkt, an dem ich mir sicher bin, was ich möchte. Es fällt mir nicht unbedingt leichter in deiner Anwesenheit meine Blicke zu senken, dich nicht anzuschauen oder dir- nicht zu nah zu kommen." Seine Stimme war rau und dick und ein Schauer lief mir über den Rücken. "Überstürz bitte nichts. Wenn du dich bereit fühlst, dann bete Istikhara. Ich tue das zwar schon seit Wochen, aber ich werde es wieder tun. Das- Sorry falls das zu viel war oder unangebracht, aber-"
"Nein, red weiter." Meine Stimme war heiser. Mein Schawarma unangerührt, aber in diesem Moment gab es wesentlich Wichtigeres.

"Ich sage es erst dir, um dich nicht zu überrumpeln. Aber sobald ich deinen Segen habe, würde ich gerne nochmal mit deinem Vater sprechen. Und wenn ich deinen Segen nicht bekomme, dann werde ich das schweren Herzens akzeptieren müssen." Bilal griff nach dem Wasser und trank knapp die Hälfte aus, bevor er sich angespannt durch die Haare fuhr. Er war nervös. "Du redest sehr verschlüsselt." Ich glaubte zu wissen, worauf er hinaus wollte, und doch wollte ich es ihn sagen hören. "Was möchtest du mit meinem Vater besprechen?". Seine Zähne gruben sich in seine Unterlippe und ich war mir sicher, dass seine Augen mich absichtlich mieden. "Sollen wir vielleicht eine Runde spazieren?"

Es war kühl und der Himmel noch immer von Wolken bedeckt. Der Herbst war im Gange, aber mein ganzer Körper stand unter Flammen. Stillschweigend gingen wir nebeneinander her, bis ich es nicht mehr ertrug. "Also?" "Ich- tut mir leid, du hast dir diesen Moment bestimmt romantischer vorgestellt. Ehrlich gesagt hab ich-" Ich blieb stehen. "Bilal." Auch er kam zum Stillstand, drehte sich jedoch nicht zu mir um. "Was ich mir vorgestellt habe, wurde schon längst übertroffen. Das einzige, was mir wichtig ist, ist, dass es halal ist. Ich brauche keine zwanghaft romantischen Dates, keine leeren Worte oder rote Rosen bei jedem Treffen. Ich brauche Allahs Segen. Und, dass du endlich aussprichst, was du zu sagen hast. Jetzt drehte er sich um. Er vergrub seine Hände in den Jackentaschen, trat näher und schaute auf die Pflastersteine, die zwischen ihm und mir lagen. "Ich kenne dich seit... Gott seit wann kennen wir uns? 20 Jahren? Du warst meine erste Freundin. Meine erste beste Freundin und das erste und einzige Mädchen, in das ich mich jemals verguckt habe. Seit über 12 Jahren haben wir keinen Kontakt mehr gehabt und trotzdem warst du immer fester Bestandteil meiner Gedanken. Ich hatte Pläne, aber dann ist Aabo gestorben und mit ihm alle Träume meiner Zukunft. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du wieder in mein Leben trittst. Jedenfalls nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Und ich habe versucht, krampfhaft so weiterzumachen, wie davor. Aber Allah hat mir bereits mit 16 gezeigt, dass er meine Pläne binnen Sekunden ändern kann, wenn er möchte. Und er hat es erneut getan. Ich kann nicht verleugnen, dass ich dich in meinem Leben will, auch wenn ich Angst vor der Zukunft habe. Aber ich lege mein Vertrauen in Allah. Ich habe mit offenen Karten gespielt. Dir gesagt, was ich dir bieten kann. Die Entscheidung ist allein deine." Es begann zu nieseln, aber Bilal war noch nicht fertig. "Und um nach dieser Ansprache auch noch deine Frage zu beantworten: Ich würde bei deinem Vater gerne um deine Hand anhalten. Aber nur mit deiner Einverständnis."

Es war dieser Moment. Dieser Moment, von dem ich nicht wusste, ob er jemals übertroffen werden konnte. Oder ob ich ihn überlebte. Ich war zu nichts im Stande. Nicht dazu, mich zu bewegen. Nicht dazu, etwas von mir zu geben. Nicht dazu, meine Augen von meinem besten Freund zu reißen, der voller Demut vor mir im Regen stand. Es war dieser Moment und dieser Mann, für den ich all die Nächte Dua gemacht hatte.

"Du musst mir nicht jetzt eine Antwort geben. Lass dir so viel Zeit, wie-"
"Du hast meinen Segen." Meine Stimme war nichts weiter als ein stiller Windstoß inmitten eines Wirbelsturms. Aber Bilal ließ sich noch nie von Stürmen beirren. Er suchte immer nach der Ruhe im Chaos. Und er fand sie. Jedes Mal.

Seine Augen hoben sich, seine Pupillen geweitet, seine Miene ernst. "Ich habe deinen Segen?" Ich nickte. "Es regnet." Seine Stimme war tiefer als sonst und er sah unglaublich müde aus. Es regnete tatsächlich. "Komm." Und er begann loszulaufen. "Bilal!" "ES REGNET!" Ich rannte hinterher, und meine Mundwinkel hoben sich. Bilal rannte schneller, und ich wusste, ich konnte nicht mithalten. Er stieß einen kehligen Jubel aus, und irgendetwas in mir sagte, dass es nicht am Regen lag. 

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jetzt beginnt der Spaß

btw werde ich höchstwahrscheinlich die alten kapitel nochmal überarbeiten weil mir bereits einige denkfehler hier und da aufgefallen sind, upsi daisy

wär sie nicht da gewesenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt