"Wartest du auf irgendwas?" Ertappt schaute ich hoch und legte mein Handy endgültig weg. Bilal hatte mir nur noch einen Mond-Emoji geschickt, nachdem er zuhause angekommen war, und danach hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Ich versuchte mir keine Sorgen zu machen, zumal es sowieso erst Mittag war und ich Zeit mit meiner besten Freundin verbringen wollte. "Bilal meldet sich seit heute morgen nicht." Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute Dua mich an. "Ist er nicht ein vielbeschäftigter Mann?" "Ja... er wird sich auch noch melden. Ich bin nur- Oh Gott, ich bin eine Klette, oder?" Dua lachte, verneinte aber nicht. "Ok, ok. Zurück zum Wichtigen. Hamza?"
"Was soll mit ihm sein?"
"Was sagst du dazu, dass er nach dir gefragt hat?"
Mein Gegenüber nahm einen großen Schluck von ihrem Eistee und schaute auf einen Punkt hinter mir. "Ich hab ihn letztens gesehen." Jetzt war ich diejenige, die ihre Augenbrauen hochzog. "WAS? Wann, wo, wieso und wieso erzählst du mir nichts?"
"Ein Tag nach eurer Nikkah, auf dem Weg zur Uni und weil es nichts zu erzählen gibt?"
"Dua-"
Sie verdrehte ihre Augen, aber die minimal hochgezogenen Mundwinkel entgingen mir trotzdem nicht. "Keine Ahnung, er war wegen der Arbeit unterwegs. Ich bin ihm zufällig über den Weg gelaufen. Er hat mich erkannt, zwei Sätze mit mir geredet und dann bin ich gegangen." Sie war wirklich hart zu knacken. "Probieren wir es anders. Wäre Hamza was für dich?" Ihr kleines Lächeln verschwand, während sie mich musterte. "Ich starte bald meine Bachelorarbeit."
"Okay? Und?"
"Keine Zeit. Und du weißt, wie wichtig Bildung für meinen Vater ist." Ich schob eine Pommes in meinen Mund und kaute nachdenklich darauf rum. "Du wirst ihn ja nicht direkt morgen heiraten." Dua hustete empört, und spülte erneut mit Eistee nach. "Ich werde sowieso niemanden heiraten." Wenn ich in den letzten 10 Jahren etwas über meine beste Freundin gelernt habe, dann, dass sie selten Raum für ihre eigenen Emotionen schaffte. Sie verdrängte alles, was sie schwach erscheinen lassen könnte und fokussierte sich stattdessen auf Fleiß und Disziplin. Dua war einer der talentiertesten und kreativsten Köpfe, die ich kannte. Sie hatte unzählige Interessen und tat die willkürlichsten Dinge, aber manchmal fragte ich mich, ob das ihre Art und Weise von Verarbeitung war.
"Ich fand ihn sehr respektvoll und nett. Und er sieht nicht schlecht aus. Zufrieden?" Ich grinste. "Mehr als zufrieden. Ich werd dich mit weiteren Infos versorgen." Jetzt grinste auch sie.
Trotz des grauen Wetters verbrachte ich einen wunderschönen Tag mit Dua und als ich Nachmittags zuhause ankam, rief ich Adnan an, und tauschte mich auch mit ihm aus. Es war mir wichtig, dass er an Teilhabe unserem Familienlieben hatte, und dass er sich Stück für Stück wieder zugehörig fühlte. Vielleicht war der Weg lang, und vielleicht reichte es auch erstmal, dass er sich nur mir öffnete, aber ich erhoffte mir, dass wir eines Tages wieder die Familie sein konnten, die wir vor so langer Zeit einmal waren.
Auch nach dem halbstündigen Telefonat mit meinem Bruder hatte ich keine neue Nachricht von Bilal und so langsam stresste es mich. Ich schrieb ihm erneut, dass er mich anrufen solle, wenn er Zeit hatte, und setzte mich dann daran, meine Anmeldung für den Master-Studiengang vorzubereiten. Ich wollte den Semesterbeginn nicht verpassen, und auch, wenn ich nur wenige Wochen offiziell Ferien hatte, musste es weitergehen. Bilal würde sehr bald sein Praktikum beginnen, und es würde mich umbringen, keine Beschäftigung zu haben, während er jeden Tag einem quasi Vollzeitjob nachgeht. Gegen kurz vor zehn betete ich Maghrib und als ich danach auf mein Handy schaute, zierte endlich eine Nachricht aus Bilals Chat meinen Bildschirm.
Sorry, dass ich mich erst jetzt melde. Bin beim Training, rufe dich gleich an
Die Nachricht hatte mich erst vor einer Minute erreicht, und drei Punkte erschienen unten links, bevor ich eine zweite Nachricht erhielt.
Vermisse dich x
Mein Herz schmolz, und ich grinste wie ein Vollidiot über die zwei Worte, die all meine hinterfragenden Gedanken der letzten Stunden vernichteten.
DU LIEST GERADE
wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
