Bilals POV
"Findest du, das steht mir?" Amanah drehte sich zu mir um, um mir das neue Kopftuch zu zeigen, das sie sich gestern gekauft hatte. Ich musste nicht hinschauen, um zu wissen, dass es ihr stand; tat es aber trotzdem, da ich sie so oder so bereits betrachtete. Ich nickte, bevor ich mich gähnend streckte und mir müde über das Gesicht fuhr. "Steh endlich auf." Das bildschöne Mädchen näherte sich dem Bett, griff nach ihrem Kissen und ließ es schwungvoll auf meinem Oberkörper landen. Lachend zog ich mir die Decke zum Kinn, ohne dabei die Anstalt zu machen, aufzustehen. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal so gut geschlafen hatte, wie die letzten zwei Tage und da ich hier sowieso keine Verpflichtungen hatte, nutzte ich dies aus. Nicht, dass ich besonders lange schlief. Ich hatte sechseinhalb Stunden drinne, und mehr würde mein Körper auch nicht akzeptieren, aber im Vergleich zu den mickrigen vier Stunden, die ich zuhause an guten Tagen bekam, war das hier ein Traum. Selbstverständlich könnte ich mich anlügen und behaupten, es läge an dem Urlaub, den ich offensichtlich mehr als nur gebraucht hatte. Oder ich gestand mir ein, dass Amanah mich eine Ruhe verspüren ließ, die ich seit Jahren nicht mehr in mir hatte. Wenn ich neben ihr lag, und sie mich mit ihren dunklen Augen anschaute, sich an mich schmiegte und mit ihren Fingern über meinen Arm fuhr, fiel es mir so einfach, all meine Gedanken abzuschalten und mich der Müdigkeit hinzugeben.
Jetzt aber wollte sie alles andere, als dass ich mich meiner Müdigkeit hingab. Die Zeit hier verging viel zu schnell. und sie wollte so viel wie möglich unternehmen. Sie drehte sich wieder zum Spiegel und probierte ein weiteres Tuch an, welches ich ihr gekauft hatte. "Wie heißt nochmal deine Freundin." Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaute Amanah mich durch den Spiegel an. "Welche und warum?" Ich grinste und setzte mich auf. Mir entging nicht, wie ihre Augen für den Bruchteil einer Sekunde auf meinem Oberkörper verharrten, der von einem eng anliegenden Shirt bedeckt wurde. "Hamza hat-" Weiter kam ich nicht, denn sie begann zu strahlen und klatschte freudig in die Hände. "WAS HAT ER?" Ihre aufgeregte Art brachte mich zum Grinsen, und jetzt war ihre Aufmerksamkeit voll und ganz bei mir. "Ich wusste es! Ich wusste es, als ich in die Küche- nein! Nein, schon vorher. Ich hab gesehen, wie er sie angeguckt hat, als wir im Auto saßen. Und dann-" Als sie mich lachen sah, stoppte sie mitten in ihrem Satz. "Was?" Ich schüttelte meinen Kopf, aber sie sprach nicht weiter. "Nichts. Er hat nicht direkt nach ihr gefragt. Er versucht unauffällig zu sein aber ich bin nicht dumm." "Sie heißt Dua. Oh mein Gott. Darf ich ihr davon erzählen?" Ich erhob mich vom Bett und ging auf Amanah zu. Ihre Augen folgten jedem meiner Schritte und als ich vor ihr zum Stehen kam, schaute sie zu mir hoch. "Hat sie irgendwas gesagt?". Amanah schüttelte ihren Kopf und schluckte. Trotz der Zweisamkeit, die wir hier teilten, reagierte ihr Körper noch immer wie am ersten Tag auf meine Nähe. "Ich- Sie ist sehr in ihrer eigenen Welt gefangen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Hamza gegenüber abgeneigt ist." Ich senkte meinen Kopf und platzierte einen sanften Kuss auf ihre Wange, die sich als Reaktion rötlich färbte. "Dann haben wir wohl eine neue Aufgabe für uns gefunden." Mit diesen Worten ließ ich von ihr ab und verschwand im Bad, um mich fertig zu machen.
Die Zeit hier in Istanbul war einer der schönsten, die ich seit langem hatte. Es war, als wären Amanah und ich nie voneinander getrennt gewesen. Nie Fremde gewesen. Als hätten wir nicht wesentliche Jahre voneinander verpasst. Wir beide hatten uns extremst verändert, und doch war alles so gleich. Das stumme Verstehen, die verweilenden Blicke, der Einklang, den ich so nur mit ihr hatte. Nichts fühlte sich befremdlich oder neu an, und doch war jede Berührung, jedes ihrer Lacher, jedes Wort, so intensiv, dass ich glaubte, in ihrer Präsenz neue Welten zu entdecken. Gleichzeitig musste ich in der Realität bleiben. Das hier war ein dreitägiger Urlaub, der sich seinem Ende näherte. Hier konnte ich all meine Zeit mit ihr verbringen. Neben ihr aufwachen, mit ihr beten und den ganzen Tag Dinge unternehmen. Sobald uns der Alltag in Deutschland einholen würde, würde all das anders aussehen. Mein Praktikum würde sehr bald starten. Sie würde ihren Master angehen. Wir wohnten getrennt, ich hatte eine Familie, um die ich mich sorgen musste und und und. Ich wusste, dass das Mädchen meiner Kindheit mit den endlos weiten Augen und dem kecken Grinsen, welches mein Herz schneller schlagen ließ, mir niemals das Gefühl geben würde, nicht genug zu sein. Und genau das war meine Angst. Dass ich nicht genug sein würde, und sie es mir niemals sagen würde, weil sie sich entgegen aller Rationalität für mich entschieden hatte. Ich wollte genug für sie sein. Aber der Gedanke, es nicht sein zu können, verließ mich nicht. Auch nicht in den nächtlichen Stunden, wenn sie mich anschaute, als sei ich alles für sie, und mich vergessen ließ, was mich zuhause erwarten würde.
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wär sie nicht da gewesen
RomanceViel zu früh musste der 24 jährige Bilal erwachsen werden. Viel zu früh musste er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen und dafür sorgen, dass seine Familie nicht den Abgrund traf. Wie viel Leid er dafür einstecken musste, war ihm gleichg...
