Kapitel 1

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-Julie-

Ich versuche mich zu sammeln und zu verstehen, was ich gerade tue. Meine schwitzige Hand umklammert fest den Rucksack und ich blicke ein letztes Mal zurück. Ein letztes Mal lasse ich den Blick über das Haus schweifen, in dem ich aufgewachsen bin. Es hat sich nie wirklich verändert, es war immer schon klein, schäbig und alt. In der Auffahrt steht Moms dunkelblauer Truck. Wenn man genauer hinsieht, kann man Rostspuren erkennen und wie der Lack schon abblättert.
Ich nehme einen tiefen Atemzug und nicke. Ich muss es einfach tun, ich habe keine andere Wahl und ehrlich gesagt sehe ich es als meine letzte Chance. Lange habe ich darüber nachgedacht, vielleicht auch zu lange, aber eines nachts wusste ich, dass mir nichts anderes übrigbleibt. Ich muss es einfach tun.
Mein Körper setzt sich in Bewegung. Selbstsicher mache ich einen Schritt vor den anderen und beginne zu lächeln. Ich tue es wirklich. Ich verschwinde von hier, ich verschwinde aus Calgary und werde beginne neu. Mein Herz beginnt schneller zu pochen, ich spüre es deutlich in meiner Brust und je schneller es wird, desto mehr lächle ich. Mein Körper ist voller Aufregung und in meinem Kopf überschlagen sich die verlockenden süßen Vorstellungen von einem neuen Leben.
Die Sonne geht vor mir langsam auf und ich muss dem schwachen orangen Sonnenlicht etwas entgegen blinzeln. Aber es stört mich nicht weiter, da ich bei der Bushaltestelle angekommen bin. Ich stelle die schwere Tasche ab und sehe mich um. Es ist am Morgen und ich bin alleine. Schließlich ist Sonntag, da bleibt jeder Zuhause in seinem warmen Bett. Außer ich. Denn ich beginne heute ein neues Leben und werde mein altes hinter mir lassen.
Der Bus kommt nach ein paar Minuten und ich steige ein. Den Fahrer lege ich ein paar Münzen hin, er drückt mir dafür nen kleinen abgerissen Zettel in die Hand und lasse mich weiter hinten auf einen Platz fallen. Der Bus ist fast leer, bis auf ein paar arme die so an einem Sonntag arbeiten müssen. Während ich aus dem Fenster blicke, sehe ich wie Calgary an mir vorbeizieht. Die Stadt, die ich nicht mehr länger mein Zuhause nennen werde. Und scheiße nochmal, es fühlt sich verdammt gut an.
Ich schließe meine Augen, bis zum Flughafen ist es immer hin noch ein Stück.
Ganz leise höre ich die tobende Stimme meiner Mutter in meinem Kopf, als sie gestern Abend nach Hause kam. Ich konnte es sofort riechen, dass sie getrunken hatte. Ich war wütend auf sie aber gleichzeitig tat sie mir leid. Sie tat mir einfach leid, weil sie es nicht schafft nach vorne zu blicken und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ich will nicht sagen, dass er mir leichter fiel abzuschließen, aber ich wusste der Tag würde kommen und ich habe mich seelisch darauf vorbereitet. Meine Mom nicht. Sie hat bis zu diesem einen Tag geglaubt, dass alles wieder gut werden wird. Aber so war es nicht. Dad hatte Krebs und es gab keinen Ausweg mehr. Es war zu spät.
Dann ist Mom in tiefes Loch von Trauer gefallen und ich hatte versucht für sie da zu sein. Ich hatte es wirklich versucht und mir alle Mühe gegeben, aber sie hat jeden um sich herum weggestoßen, auch ihre eigene Tochter. Als ich gemerkt hatte, dass sie fast jeden zweiten Abend stinkend nach Alkohol nach Hause kam, wusste ich nicht mehr weiter. Wir haben keine Verwandten in Calgary und die Freunde von meinen Eltern spalteten sich nach dem Tod meines Vaters immer mehr von meiner Mom ab. Da merkte ich auch, dass es Dads Freunde waren. Ich habe ihr nun ein halbes Jahr hilflos zugesehen, wie sie dem Alkohol verfällt. Ich wollte sie darum bitten aufzuhören, habe ihr erklärt, dass der Alkohol keine Lösung ist aber sie hörte nicht auf mich. Ich habe mir schließlich Rat bei einer Psychologin gesucht. Mom weiß nichts davon, dass sie morgen bei ihr vor der Türe stehen wird, nachdem sie meinen Brief auf dem Küchentisch gefunden hatte. Ich konnte nicht einfach verschwinden und sie nicht wissen lassen, was ich vorhabe. Also habe ich ihr folgendes geschrieben:

Hey Mom,
ich weiß du wirst nicht verstehen, warum ich das hier tue, aber ich hatte keine Wahl. Du hast mir keine Wahl gelassen, also bin ich aus Calgary verschwunden und fange wo anders neu an. Ich hatte wirklich versucht dir zu helfen, aber ich bin 17 und habe mein Leben noch vor mir. So leid es mir tut, dass ich dich alleine gelassen habe aber ich muss es einfach tun.
Ich bin mir sicher, du wirst es irgendwann verstehen, wenn du dein Leben wieder in dem Griff hast und keinen Alkohol mehr anrührst, dann wirst du mich verstehen warum ich abgehauen bin.
Es tut mir leid, aber es musste sein.
Tue mir nur einen Gefallen: such mich nicht. Du wirst von mir hören, aber bitte lass mich mein Leben neu beginnen und lass mich das verarbeiten was passiert ist. Dad fehlt mir auch, nicht nur dir. Er fehlt uns allen.

Ich liebe dich, Mom. Pass auf dich auf.

Julie

An meiner Wange spüre ich wie eine Träne hinunterkullert, als ich daran denke, dass sie in ein paar Stunden diesen Zettel finden wird. Ich hoffe sie ist mir nicht allzu sehr böse, aber ich wusste einfach nicht was machen sollte. Zuhause hält mich nichts mehr. In diesem kleinen Vorort vor Calgary kennt jeder jeden und jeder weiß über den anderen Bescheid. Das mochte ich noch nie und es machte mich ehrlich gesagt krank. Ich musste von dort einfach weg, und da Dad jetzt auch nicht mehr ist, kann ich noch leichter verschwinden.
Ich bin mir sicher, dass Jackson bald beginnen wird, mich zu suchen und mich mit Nachrichten und Anrufen überhäufen wird, sobald er gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Jackson Nolan ist zwar seit einem Jahr mein Freund aber ich werde ihm nicht antworten. Ich kannte ihr schon seit meiner Kindheit, aber wir waren nie wirklich Freunde. Wir gingen in die selbe Klasse, hatten die zwar selben Freunde aber als wir älter wurden, hatten wir Interesse aneinander. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde ich liebe ihn. Ich mag ihn, sehr sogar, aber von Liebe kann ich nicht reden. Wir haben unsere ersten gemeinsamen Erfahrungen zusammen erlebt, manchmal die tolle Zeit genossen, aber wir haben uns hauptsächlich gestritten. Er hatte mich immer wieder betrogen und ich wollte ihn verlassen. Aber er drängte mich dazu es nicht zu tun. Er heulte mir immer wieder vor, wie sehr er mich brauchte, aber ich glaubte ihm kein Wort davon. Ich weiß nicht was in seinem Kopf vorging, aber in letzter Zeit versuchte ich so gut es ging ihm aus den Weg zu gehen. Er hatte sich verändert, er wurde brutaler und benutzte mich. Für was, kann ich nicht sagen, aber ich war in seinen Fängen und Spielchen gefangen.
Bis heute. Denn ich habe nicht nur von meiner Mom genug, sondern auch von Jackson. Ich mache nicht mehr länger mit. Ich habe nie einer Fliege etwas zu leide getan, also womit habe ich das verdient. Ich bin immer in die Schule gegangen, habe nie geschwänzt, habe immer brav meine Hausaufgaben gemacht und habe nie bei den Streichen mitgemacht, die die anderen in meiner Klasse an den Lehrern vollzogen. Ich bin ein geduldiger Mensch, lüge nur in den schlimmsten Notfällen und liebe meine Eltern von ganzen herzen.
Der Bus hält an und ich sehe aus dem Fenster. Vor mir lese ich in großem Schriftzug:
Calgary International Airport
Ich packe meine große Tasche vom Beisitz, werfe nochmal einen Blick zurück, ob ich alles bei mir haben und steige aus dem Bus. An mir tummeln sich Menschen vorbei, Geschäftsleute, Einheimische, Touristen, die einen suchen den richtigen Weg, die anderen telefonieren. Und ich stehe mitten unter ihnen und suche mir den Flug nach L.A.
Ich werde zu meiner Tante Rosie nach Santa Monica fliegen. Sie ist mir als erstes in den Sinn gekommen, denn sie ist die älteste Schwester meine Dads und die einzige Tante, die aus ihrem Leben etwas gemacht hat. Sie lebt in Santa Monica und ist Immobilienkauffrau. Sie hat eine erwachsene Tochter, meine Cousine Trish, aber sie lebt mittlerweile in New York und arbeitet sich als Balletttänzern nach oben. Ich habe sie zuletzt auf Dads Beerdigung gesehen, genau wie Tante Rosie. Die beiden sind mir von allen am besten in Erinnerung geblieben.
Sie weiß allerding nichts von meinen Plänen, dass ich ab jetzt in Santa Monica lebe und bei ihr Unterschlupf suche. Ich war noch nie bei ihr zu Hause, deshalb musste ich mir die Adresse suchen. Ich habe eine gefühlte Ewigkeit in Dads Sachen gesucht, bis ich sein Adressenbuch entdeckt habe. Wie gesagt, meine Verwandten sind auf der Erde verstreut, deshalb hat er sich alle Adressen aufgeschrieben. Ich habe es mir zur Sicherheit eingepackt, falls mich Tante Rosie vor die Tür setzt und ich mir jemand neuen suchen muss. Aber das bezweifle ich. Sie ist wirklich eine reizende Frau und ich mochte sie immer am liebsten von allen. Ich freute mich jedes Mal, wenn sie angerufen hatte und sich erkundigt hatte, wie es ihrer Lieblingsnichte ging. Seit Dads Tot hat sie selten angerufen. Wahrscheinlich deshalb, weil sich Mom und Tante Rosie nie gut verstanden haben.
Ich blicke mich um und lese die Worte Check In. Ich laufe darauf zu, nehme nochmal einen tiefen Atemzug und bin fest entschlossen das zu tun. Es ist meine Chance, neu zu beginnen und mein Leben endlich in die Hand zu nehmen. L.A. und Tante Rosie, ich komme.

Es ist das erste Kapitel meiner neuen Story. Ich hoffe sehr, das sie euch gefällt und würde mich über eure Meinung freuen. 

Eure SummerOF_Love

SAVE ME (Band 1)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt