~5~

12K 1.2K 267
                                        

Taehyung

Wohlwollend mustere ich den zierlichen Jungen, der sich dank der Sportklamotten deutlich von der Masse der Schüler in den dunklen Uniformen abhebt.

Er trägt nun ein weisses Tanktop, darüber seine Jacke und eine schwarze Jogginghose. Dass er angestarrt wird, scheint Jungkook nicht im Geringsten zu interessieren, er behält den Kopf gesenkt und eilt mit schnellen Schritten in die Ecke der Mensa, wo Yoongi und ich Vorgestern noch sassen. Als er sieht, dass sein Platz frei ist, meine ich Erleichterung in seinem Gesicht zu erkennen, wenn auch nur ganz kurz. Er setzt sich mit seinem Tablett hin und beginnt still und alleine für sich zu essen.

Ich hätte ehrlich gesagt, erwartet, dass er meine Klamotten nicht mit einer Kneifzange anrühren und stehen lassen wird, sodass ich sie mir zur sechsten Stunde für Sport anziehen kann, doch ich lag falsch. Er gibt sich abweisend und kalt, doch eigentlich schreit sein Innerstes geradezu nach Hilfe.

"Taehyung, ich finde das eine ganz, ganz dumme Idee!", meldet Yoongi sich zu Wort und sieht mich missbilligend an. Verwirrt lege ich den Kopf schief. "Was genau?", frage ich ihn neugierig und stütze meinen Kopf in meiner Hand ab. Der Ältere nimmt das letzte bisschen Reis und stopft es sich in den Mund. "Jungkook zu helfen", erklärt er und zeigt mit dem Daumen nach hinten, zum Braunhaarigen, "Ich meine, wenn wir für ihn da sind, dann legen wir uns praktisch mit der ganzen Schule an!"

"Wenn du nicht willst, von mir aus", zucke ich mit den Schultern, "Ich werde versuchen ihm zu helfen. Was du dabei tust, ist mir herzlich egal, Yoongi."

Ich weiss nicht, wieso ich so verbissen darauf bin, ihm sein Leben erträglicher zu machen. Er ist einer von vielen Menschen, die Hilfe brauchen und bis zu meinem jetzigen Standpunkt hat es mich nie interessiert, wer Hilfe braucht, wenn es nicht meine Familie war. Für mich galt immer der Satz "Rette dich selbst."

Ich habe mich nie darum gekümmert, bis Miu in mein Leben getreten ist. Sie ist die erste Person gewesen, der ich helfen wollte, um alles in der Welt. Ich wollte sie beschützen, sie tatsächlich retten.

Doch er ist nicht Miu und trotzdem habe ich den Drang stärker als je zuvor. Ich will für ihn da sein. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass ich Miu kennengelernt habe. Denn selbst wenn ich ihr geholfen habe, so habe ich das den anderen auch nicht. Es verwirrt mich.

"Wieso willst du ihm eigentlich so dringend helfen? Ich meine, du kennst den Kerl nicht einmal!", schnaubt Yoongi und stellt unsere Teller zusammen. Ich sehe direkt in seine Augen, bohre meinen Blick in seinen und versuche so viel Ernsthaftigkeit hinein zu legen, wie ich kann. "Vielleicht, weil ich weiss, wie die Gesellschaft ist, weil ich weiss, wie dreckig es einem ganz unten geht und weil ich weiss, wie viel man für eine Hand die einem aufhilft tun würde."

Jetzt, wo ich die Worte ausspreche, die mir einfach in den Sinn kommen, wird mir klar, dass es das sein muss.

Er erinnert mich nicht an meine Familie. Er erinnert mich nicht an Miu.

Er erinnert mich an mich selbst. An mein früheres Ich. Als ich heute in seine Augen geschaut habe, da sah ich mich selbst.

Yoongi lehnt sich sichtlich überrascht zurück und seufzt tief. "Na schön", sagt er, "Aber wenn ich mir das Genick breche, weil man mich die Treppe runterschubst, dann wirst du die Beerdigung finanzieren!"

Ich lache belustigt und nicke. "Alles klar, das werde ich", stimme ich zu, woraufhin ein kleines Lächeln über das Gesicht des Älteren huscht. "Und wie willst du sein Vertrauen gewinnen?", fragt er anschliessend und hebt die Augenbrauen. 

"So wie jeder normale Mensch das wohl tut. Nett zu ihm sein, für ihn da sein, ihn besser kennen lernen", zähle ich ruhig auf. Yoongi weitet seine Augen und stöhnt theatralisch auf. "Meine Güte, Tae!", seufzt er tief, "Das wird ja ewig dauern! Oder aber er vertraut uns niemals und wir haben uns umsonst die Mühen gemacht!"

Ich verdrehe die Augen. "Meine Güte, sei nicht so eine Dramaqueen! Der Anfang ist bereits die Hälfte des Weges." Der Schwarzhaarige schnaubt und verschränkt die Arme vor der Brust. "Ich will ja sehen, wie du das anstellst, wirklich!"

"Oh, ich habe bereits damit begonnen", grinse ich breit und der Ältere runzelt die Stirn. "Ach ja?", fragt er, "Wann? Wie? Und wie hat der Kleine reagiert?" Seine Augen glitzern vor Neugier und er versucht gar nicht erst, diese zu verstecken. Ich lache wieder leicht. "Heute Morgen", meine ich und fahre mir mit der Zunge über die Lippen, "Und indem er die Klamotten trägt, ist er sogar darauf eingegangen."

Stripper [Vkook]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt