Kapitel 26,5 - Edward Sicht

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Wenige Minuten zuvor

Eine unglaubliche Wut ergriff Besitz von mir. Der letzte klare Gedanke, den ich fassen konnte, war dass ich schnellstmöglich einen großen Abstand zwischen Isabella und mich bringen musste, denn ich spürte, wie mir die Kontrolle entglitt.

Dann, sobald ich die andere Seite des Raumes erreicht hatte, war es, als schaltete sich mein Verstand aus. Eine ungeheure Zerstörungswut tobte in meinem Innern und ich griff nach dem Erstbesten, was mir in die Hände fiel. Ich bemühte mich gar nicht erst, das Knurren zu unterdrücken, das in meinem Brustkorb vibrierte.

Ich hätte seinen Tod hinauszögern, ihn noch viel schmerzhafter machen müssen! Dieser verdammte, verschissene Mistkerl! Ich würde seine klägliche Leiche aus dem Fluss fischen und sie in tausend Stücke reißen! Wie hatte er es wagen können? Und wie hatte ich mich bloß so in ihm täuschen können? Es war mir unbegreiflich, wie ich so blind hatte sein können.

Zerfetzte Bücher flogen um mich herum, doch meine Wut war zu gewaltig, um rational darüber nachzudenken, ob es das Richtige war, diese Kunstwerke zu zerstören. Was nützten mir Bücher und Wohlstand, wenn ich nicht einmal in der Lage war, Isabella vor einem jämmerlichen Menschen zu schützen?

Vermutlich hätte ich so weitergemacht, bis ich das ganze Zimmer in Schutt und Asche gelegt hatte, wenn da nicht plötzlich zwei kleine, warme Hände auf meinen Schultern gelegen hätten. Ich erstarrte augenblicklich. Das letzte, was ich wollte, war sie zu verletzen.

Ich drehte mich in ihre Richtung und nahm, während ich mich bewegte, den Zustand des Zimmers in mich auf. Eines der beiden Bücherregale lag in Einzelteilen an der Tür und die Gegend um mich herum glich einem Schlachtfeld. Entsetzen erfüllte jede Faser meines Körpers. Hatte ich sie verletzt? Schnell suchten meine Augen Isabellas zierlichen Körper ab, doch abgesehen von dem beinahe zornigen Ausdruck auf ihrem Gesicht, konnte ich kein Zeichen von Schmerz erkennen. Umso intensiver nahm ich allerdings jede Kontur und Kurve des zarten Körpers unter dem dünnen Kleid wahr.

„Ich hätte dich treffen können", stieß ich aus und realisierte im selben Moment, in was für eine Gefahr ich sie gebracht hatte. Wenn ich das Regal ein wenig weiter nach links geworfen hätte, hätte es sie gegen die Wand geschleudert.

Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob mein Verhalten richtig war oder daran, was sie fühlen musste, ließ ich mich von meinem Egoismus übermannen und zog ihre schmale Gestalt fest in meine Arme. Ich versuchte, ihr nicht wehzutun, doch mein Körper brauchte ihre Nähe und ich musste mich vergewissern, dass es ihr wirklich gut ging.

Isabella entwich ein kleines Keuchen und ihren warmen Körper so dicht an meinem zu spüren, stellte erstaunliche Dinge mit meinem Kopf an. Ich konnte mich kaum noch auf einen klaren Gedanken konzentrieren und das passierte mir grundsätzlich nicht. Das einzig Wichtige waren ihre Nähe, ihre Wärme, ihr wundervoller Geruch. Sie beruhigte mich.

Ich senkte den Kopf und schmiegte mein Gesicht in ihre Halsbeuge, vergrub es in ihrem wohlriechenden Haar. Es war nicht nur der Duft ihres Blutes, der mich alles vergessen ließ, sondern auch ihr eigener Duft, der Duft ihrer Haut und ihres Haars. Ich konnte ihren stürmischen Herzschlag an meiner Brust spüren, hörte ihre schnelle Atmung. Als mir bewusst wurde, dass es meine Nähe war, die sie zu diesen Reaktionen veranlasste, wurde mein Körper von einer wohltuenden Wärme eingenommen.

Dann geschah etwas, das mein Herz zum Stoppen gebracht hätte, hätte es noch geschlagen. Isabella schmiegte sich enger an mich heran und dann spürte ich ihre weichen, warmen Arme um meine Hüfte herum. Etwas in meiner Brust schien zu bersten und ein erstickter Laut entwich meiner Kehle. Ich wusste nicht mehr, was ich tat, als ich meine Lippen auf ihre warme Haut legte. Es war nicht unweit der Stelle, an der ich sie nur wenige Stunden zuvor gebissen hatte, doch meine jetzigen Absichten waren ganz andere. Ich musste einfach herausfinden, wie ihre Haut schmeckte, wie sie sich unter meinen Lippen anfühlte. Isabellas Antwort war ein leises Zittern, das ihren Körper auf eine ganz wunderbare Weise erbeben ließ.

Doch dann zog sie sich zurück und eine ungeheure Enttäuschung breitete sich in mir aus. Ich hatte gedacht . . . Noch immer trunken von ihrer Nähe, bemerkte ich erst, was sie vorhatte, als sich ihre weichen Lippen auf meine legten.

Gefühle und Gedankenfetzen überrannten mich, was dazu führte, dass ich mich bewegungsunfähig fand. Sie hatte mich vollkommen überrumpelt. Und ihre Lippen auf meinen gaben mir mit einem Mal das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und dabei küsste sie mich nicht einmal richtig. Ihre Lippen ruhten einfach nur bewegungslos auf meinen und nichtsdestotrotz verzauberte mich diese Berührung vollkommen. Dass sie nicht wirklich zu wissen schien, was sie tun musste, und dass das hier vermutlich ihr erster Kuss war, weckte ein paar wilde Instinkte in mir, die ich mühsam unterdrückte. Langsam, ganz langsam.

Isabellas Augen waren weit aufgerissen und sie schaute mich beinahe ängstlichen an, als befürchtete sie, etwas falsch gemacht zu haben. Ich konnte gar nicht in Worte fassen, wie falsch sie damit lag. Vorsichtig löste ich meine Umklammerung um ihre Hüfte und legte meine Hände an ihre erhitzten Wangen. Sie blinzelte und schloss ihre Augen. Ich tat dasselbe, um mich völlig dem Moment hinzugeben und begann behutsam, meine Lippen zu bewegen. Wie lange hatte ich genau das hier tun wollen? Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, seitdem ich das erste Mal daran gedacht hatte, sie mit meinen Lippen in Besitz zu nehmen.

Nach einigen endlosen Sekunden begann sie ebenfalls, ihre wunderbaren Lippen zu bewegen, erst ein wenig unbeholfen, doch nach kurzer Zeit hatten wir unseren Rhythmus gefunden. Und obwohl ich seit Tagen den richtigen Moment abgewartet hatte, um sie zu küssen, war ich nicht auf die Empfindungen in meinem Innern vorbereitet gewesen, die nun auf mich einstürmten. Diese Tatsache mochte auch zum Teil daran liegen, dass mich Isabellas Mut, die Initiative zu ergreifen, so überraschte. Und daran, dass ihre Lippen sich mit jeder Sekunde stürmischer gegen meine eigenen pressten. Dieser Kuss war ganz und gar nicht zurückhaltend und ich konnte ihr Herz an meiner Brust hektisch schlagen spüren und hören.

Um ihr näher sein zu können, aber gleichzeitig nicht zu viel von ihr zu verlangen, ließ ich meine Hände an ihrem Gesicht hinabgleiten und verschränkte sie schließlich mit ihren Händen, die ich dann hinter ihren Rücken führte. Sie so dicht an mir zu spüren, jede Wölbung ihres Körpers zu fühlen und ihren schnellen Atem in meinen Ohren widerhallen zu hören, ließ mich meine guten Vorsätze beinahe vergessen. Fasziniert bemerkte ich, wie auch sie keinesfalls zurückwich, sondern sich enger an mich schmiegte.

Es hatte absolut keinen Zweck, das Stöhnen, das sich meiner Kehle entrang, zurückhalten zu wollen. Um ehrlich zu sein, registrierte ich es erst, als es meine Lippen bereits verlassen hatte. Ich spürte Isabellas Herzschlag für einen Moment holpern, als ich meine Zungenspitze über ihre warmen Lippen gleiten ließ. Sie schmeckte wie der Himmel!

Was dann passierte, überwältigte mich mehr als alles andere. Mit einem Mal sah ich Bilder vor meinen Augen, die nicht meine eigenen waren. Sie zeigten mich selbst und es schwangen so viele Gefühle in Isabellas Gedanken mit, dass mir schwindelig wurde. Dort waren Zärtlichkeit, eine tiefe Zuneigung und ein nicht zu verleugnendes Verlangen. Und die dazugehörigen Bilder meiner selbst lagen viel weiter in der Vergangenheit, als ich es für möglich gehalten hatte. Sie hegte tatsächlich schon seit einer ganzen Weile Gefühle für mich.

Diese Erkenntnis raubte mir beinahe den letzten Tropfen klaren Verstandes und ich rang mit mir, ihr nicht das störende Kleid vom Körper zu reißen und sie ganz und vollkommen Mein zu machen. Ich musste geduldig sein. Und wenn ich ehrlich war, störte es mich in diesem Moment nicht einmal allzu sehr, dass ich mich damit begnügen musste, sie zu küssen.

Ein besitzergreifendes Grollen verließ meine Brust, als ich ihren Kuss gierig in mir aufsog. Wie konnte es möglich sein, dass dies ihr erster Kuss war und sie mich dennoch so um den Verstand brachte?

Ihr Name verließ meine Lippen und darin lag mein Versprechen, sie nie wieder aus den Augen zu lassen. Nie wieder würde ich sie einer solchen Gefahr wie Aro preisgeben und nie wieder würde ich ihre Ängste als eine Kleinigkeit abtun. Für einen kurzen Moment entfernte ich mich von ihren verlockenden Lippen, um meine Stirn gegen die ihre zu lehnen. Diese intime Geste fühlte sich unglaublich normal und richtig an, dass ich für einen Moment die Augen schließen musste, um mich zu sammeln.

Dann, ohne jegliche Vorwarnung, sackte Isabella plötzlich in meinen Armen zusammen. Im ersten Moment fühlte ich mich vollkommen machtlos und wusste nicht im Geringsten, was geschehen war. Sie schien das Bewusstsein verloren zu haben. Verdammt! Ich war mir nicht sicher, ob ich lachen oder lieber fluchen sollte. Relativ schnell entschied ich mich für letzteres und stieß eine Reihe unzivilisierter Flüche aus.

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