Kapitel 19,5 - Edwards Sicht

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Wenige Stunden zuvor

Sie schlief. Ihr Gesicht war zur Hälfte von ihrem braunen Haar verdeckt und im Schlaf wirkte sie so entspannt und sorglos, wie ich sie im wachen Zustand bisher selten gesehen hatte.

Am gestrigen Nachmittag hatte es ein paar solcher Augenblicke gegeben, sogar gelächelt hatte sie. Bei der Erinnerung daran hoben sich meine Mundwinkel ohne mein Zutun, sodass ich nun auf Isabella hinablächelte. Ebenfalls ganz von allein legte sich meine Hand an ihre Wange und ich bewunderte die Sanftheit ihrer Haut. Dann strich ich die Haare, die ihr ins Gesicht fielen, nach hinten über ihre Schulter. Dieser Drang, sie zu berühren, war in den letzten Tagen immer häufiger in mir aufgewallt. Normalerweise hatte ich meinen Körper unter Kontrolle. Seit mehr als 500 Jahren. Doch wann immer ich mich in ihrer Gegenwart aufhielt, schien mir diese Kontrolle ein Stück weit zu entweichen.

Während ich Haar um Haar beobachtete, wie es geräuschlos auf der Matratze landete, drang eine ganze Welle des Dufts ihres himmlischen Blutes in meine Nase. Im selben Moment entfachte sich ein reißendes Feuer in meiner Kehle, das jeden Atemzug zu meiner persönlichen Hölle machte. So schnell wie möglich brachte ich einen großen Abstand zwischen Isabella und mich.

Den Rücken gegen die Zimmerwand gepresst, verweilte ich mit geschlossenen Augen und kämpfte gegen meinen Durst an. Ich wollte ihr nicht wehtun. Ich konnte ihr nicht wehtun. Es war ein Glück, dass sie schlief, denn andernfalls hätte ich mir diese Reaktion nicht erlauben dürfen.

Meine Fangzähne bohrten sich in mein Zahnfleisch hinein, doch ich nahm den Schmerz kaum wahr. Zu sehr war ich mit meinen Gedanken beschäftigt, die sich alle um das Mädchen vor mir auf dem Bett drehten.

Wie lange wollte ich noch damit weitermachen? Ich wusste selbst nicht, was in mich gefahren war. Ich konnte sie nicht ewig bei mir behalten und sie vor Aro und seinen Männern beschützen. Was versprach ich mir überhaupt davon, sie hierzubehalten? Und wie lange noch würde ich es schaffen, der Anziehung ihres Blutes zu widerstehen?

Das alles waren Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Eine Tatsache, die mich ungemein frustrierte. Das einzige, was ich wusste, war, dass ich auf jeden Fall verhindern musste, dass ihr etwas zustieß. Für ihr kurzes Leben hatte sie schon viel zu viel durchmachen müssen.

Aus diesem Grund konnte ich diesem schrecklichen Brennen in meiner Kehle, das selbst jetzt, da ich ein wenig Abstand zwischen uns gebracht hatte, nicht nachließ, nicht nachgeben. Ich würde mich nicht mehr zurückhalten können, sobald ich einmal angefangen hatte zu trinken.

Man sollte meinen, dass mir in den vielen Jahren meiner Existenz jedenfalls ein annährend so köstlicher Duft in die Nase gestiegen war, aber es war das erste Mal. Ich wollte nur eine Sache mehr, als meine Zähne in ihre Halsschlagader zu versenken: sie am Leben erhalten. Das war ihr Glück.

In der nächsten Sekunde befand ich mich vor meiner Haustür, die geräuschlos hinter mir ins Schloss fiel. Es war besser, wenn ich etwas gegen den brennenden Durst in meiner Kehle unternahm. Und zwar schnell. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so oft jagen gegangen zu sein wie in den letzten Tagen. Nicht einmal in meinen ersten Wochen als Vampir.

Dies lag zu einem Großteil auch an der Energie, die ich damit verschwendete, zu versuchen, in Isabellas Gedanken einzudringen. Zweimal hatte ich sie mittlerweile hören können, allerdings völlig ohne dass ich mich dafür hatte anstrengen müssen. Es blieb ein Mysterium.

Ich schlug den Kragen meines Gehrocks hoch und machte mich auf die Suche nach einem geeigneten Opfer. Da es noch früh am Morgen war und die Straßen um mich herum dunkel waren, konnte ich mich in meiner normalen Geschwindigkeit fortbewegen, was wirklich eine Wohltat war.

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