H a r p e r

4.8K 357 101
                                        

Nervosität gehörte zum Leben. Keiner mochte sie wirklich, aber ein Mittel gegen sie existierte ebenso wenig.

Die Nervosität, die ich jetzt jedoch spürte, war anders als bei vorherigen Malen. Sie machte Angst und versetzte mir zugleich eine kribbelige Freude. Meine Hände zitterten, waren verschwitzt und kalt wie Eisklötze. Mein Körper wurde überfallen von einer Hitzewelle nach der nächsten, nur um kurz darauf überall Gänsehaut zu haben.

Trotz alldem hatte ich ein Grinsen im Gesicht. Ich konnte es kaum abwarten. Sullivan und ich würden ausgehen auf ein Date. So richtig.

Allein bei dem Gedanken drehten meine Synapsen durch. Ich war noch nie auf einem Date gewesen. Ich wusste nicht, wie ich mich geben sollte. Wohin wir gehen würden. Ob es nur ein lockeres Abhängen war oder eben mehr. Ich würde noch durchdrehen.

Seufzend schloss ich die Augen und atmete tief durch. Bereits seit einer halben Stunde stand ich vor dem Spiegel und entschied mich immer wieder um, was ich heute Abend tragen sollte. Meine letzte Wahl war auf eine gelbe Bluse mit kleinen weißen Punkten gefallen, deren Ärmel bis zur Mitte meiner Oberarme hinunter hingen. An den Beinen trug ich eine normale Jeans.

Entschlossen atmete ich auf. »Ich glaub, dabei bleibt es«, murmelte ich zu mir selbst. Ich musterte mich noch ein letztes Mal, bevor ich dem Spiegel den Rücken kehrte.

»Was meinst du?« Buttons spitzte die Ohren und hob den Kopf von meiner Matratze. Ich schaute ihn fragend an und er begann mit dem Schwanz zu wedeln. Das reichte mir als Zustimmung.

Meine Füße trugen mich zu ihm hinüber, ich gab ihm einen Kuss auf die Nase und schnappte mir mein Handy vom Nachttisch. Ich warf einen Blick auf die Uhr und atmete noch einmal tief durch. Es war vier Minuten vor halb. Um halb sieben wollte Sully mich abholen. Mein Herz machte unweigerlich einen Hüpfer und pochte mir bis in die Ohrläppchen.

Mit zittrigen Beinen und einem leichten Übelkeitsgefühl verließ ich mein Zimmer und stieg die Treppe in den Flur hinunter. Mit jeder Sekunde schien mein Puls sich zu erhöhen und meine Umgebung mehr und mehr zu verschwinden.

Bereits unter normalen Umständen war ich nervös in Sullys Nähe, da war es unter diesen neuen Date-Voraussetzungen kaum auszuhalten.

Mir entfuhr ein eigentlich amüsiertes Schnauben, das viel kläglicher und verzweifelter ausfiel als es gedacht war. Beinah hätte ich mich daran verschluckt.

Wie ich in das heutige Hier und Jetzt gerutscht war wusste ich auch nicht. Ich hatte tatsächlich ein Date. Ein Date mit einem Jungen, der auch noch verdammt attraktiv und selbstbewusst war. Ein Junge, den ich mir selbst in meinen kühnsten Träumen niemals erhofft hatte. Bisher hatte ich es immer vermieden, um mir selbst nicht irgendwelche Flausen in den Kopf zu setzen, aber in den letzten Tagen hatte ich Sully immer wieder gemustert. Hatte jeden Zentimeter seines Gesichts, jede Unebenheit, jede kleine Falte aufgesaugt. Ich hatte seinen Anblick genossen und mir dabei mehr und mehr vor Augen gehalten mit welch dicker Augenbinde ich in den letzten zwei Monaten rumgelaufen war.

Denn Sully war gutaussehend. Er hatte markante Gesichtszüge, aber nicht zu scharf, sodass er aussah wie eins dieser überkandidelten Fashion-Models. Seine Augen waren wachsam und freundlich und hatten eine wirklich schöne runde Form. Seine Lippen waren schmal, sein rechter Mundwinkel reichte immer etwas weiter nach oben als der andere und seine Unterlippe stand stets einen Spalt von der anderen ab. Es war ein ansehnlicher Anblick und dass mir das erst jetzt bewusst wurde, war eine wahre Schande.

Ich schüttelte den Kopf, um meine Gedanken wieder zur Ordnung zu rufen.

Meine Füße trugen mich hinüber zum Wohnzimmer. Ich blieb im Türrahmen stehen und sofort landete Dads Blick auf mir. Seine Augenbrauen wanderten nach oben und auch den Rest seiner Überraschung vertuschte er nicht.

Greatest PretendersGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt