Es war kurz nach Mitternacht. Meine Finger klammerten sich zitternd um das Handy in meiner Hand, während meine Atmung von Schluckauf begleitet wurde.
Es war Freitag. Eigentlich Samstag. Und damit stand das Eishockeyspiel genau vor der Tür. Für mich hieß das Panik und ein Albtraum nach dem nächsten.
Ohne weiter nachzudenken, entsperrte ich mein Handy und wählte Sullys Nummer. Ich hielt es mir ans Ohr und lauschte dem altbekannten Tuten bis es durch ein leichtes Knacken unterbrochen wurde.
»Sully«, hauchte ich und presste mir das Handy noch enger ans Ohr. Mein Herz pochte viel zu schnell.
»Harry?« Sofort hörte ich wie alarmiert er klang. Und verschlafen. Gott, warum tat ich das nur immer wieder? Wieso bürdete ich ihm meine Probleme auf? Ich riss ihn aus dem Schlaf, nur um über etwas zu sprechen, über das ich eigentlich nicht weiter nachdenken wollte.
»Sorry, ich hätte nicht anrufen sollen«, meinte ich hastig und war bereits im Begriff aufzulegen, als mich seine Stimme aufhielt.
»Hey, was war's diesmal?« Sie war so sanftmütig, dass mir ganz schwer ums Herz wurde.
»Ich- es... Ich lag nur da«, flüsterte ich und rollte mich noch enger zusammen. Ich zog mir die raschelnde Decke bis unters Kinn und lauschte jedem Atemzug, den ich von Sully wahrnehmen konnte.
»Es war so real.«
Ich spürte die Tränen hinter meinen Augen brennen, doch ich kniff meine Lider zusammen und tat alles, dass sie nicht zur Wirklichkeit wurden.
»Ist es aber nicht. Es ist nicht real, Harry.«
Ich versuchte tief durchzuatmen und mich ganz allein auf seine Worte zu konzentrieren. Worte, die er mir jedes einzelne Mal sagte, wenn ich ihn nach einem Albtraum anrief. Worte, die ich Woche für Woche mehr und mehr zu glauben begann.
»Dir ist etwas wirklich Furchtbares passiert. Du hattest einen Unfall, du bist nur haarscharf davon gekommen, aber du lebst noch. Du bist fit, du kannst laufen.«
Ich schluckte. Laufen. Ja, das war womöglich der einzige Rettungsanker in den letzten zwei Jahren gewesen.
»Die Angst, die du hast, erinnert dich tagtäglich daran, was du durchmachen musstest. Aber denk auch daran, was du alles geschafft hast. Du hast gekämpft und tust es noch. Tag für Tag. Und das ist verdammt stark. Du bist stark, Harry. Vergiss das nicht.«
Meine Atmung beruhigte sich und ich kuschelte mich noch tiefer in die Kissen meines Betts.
»Danke, Sally.« Ein Lächeln umspielte bei den Worten meine Lippen und als ich Sully am anderen Ende amüsiert auflachen hörte, wuchs es zu einem Grinsen. Das flaue Gefühl der Panik steckte noch immer in mir, doch das leichte Geplänkel mit Sully war die beste Ablenkung.
»Ich glaube, langsam bereue ich es, dir den Spitznamen Harry gegeben zu haben«, gluckste er. Der kratzige Ton in seiner Stimme jagte mir eine Gänsehaut über die Arme.
»Quatsch. In Wahrheit liebst du es doch, wenn ich dich Sally nenne.«
Wieder lachte er.
»Nenn mich wie du willst. Aus deinem Mund klingt jeder Name schön.«
Überrumpelt schnappte ich nach Luft. Das hat er nicht gesagt. Oder?
Und schon spürte ich wie mir die Hitze in die Wange schoss.
»Schleimer«, entgegnete ich verspätet. Ich klang nicht ansatzweise so cool, wie es mir vorgenommen hatte. Es war zum Verrücktwerden. Sully musste nur eine Sache sagen und konnte mich damit leichtfüßig aus dem Takt bringen. Nur eine kleine Bemerkung und in meinem Kopf setzten die Fantasien ein. Die utopischen Hirngespinste von ihm und mir. Einem uns. Wo ich doch genau wusste, dass er außerhalb meiner Liga spielte. Er war witzig, selbstbewusst und irrsinnig charmant. Seine Haare waren ein einziges Chaos, genauso wie die wilde Mischung seiner Augenfarbe und das viel zu breite Grinsen, wenn er lachte. Er war... unerreichbar. Und das sollte ich mir besser vor Augen führen als blödsinnige Träume zu spinnen.
DU LIEST GERADE
Greatest Pretenders
Fiksyen Remaja* E I S H O C K E Y - R E I H E | B A N D 1 * »Weißt du eigentlich, dass ich dermaßen auf dich stehe, Harper? So dermaßen.« Während Harper Dewey ihrem Golden Retriever Rüden all ihre Geheimnisse verrät und aus Comicbüchern vorliest, ist Sullivan...
