Manche Menschen brauchten ihre Wollsocken, ihren weiten Pullover und eine Tasse Tee, um sich entspannen zu können. Um den Alltag um sie herum zu vergessen und ihren Kopf von Gedanken zu befreien.
Andere Menschen hingegen benötigten den Kick. Sie brauchten das Adrenalin. Sie trieben gerne Sport, strengten sich an und schwitzen den Stress aus ihrem Körper.
Ich für meinen Teil gehörte der zweiten Gruppe an. Denn sobald ich meine Laufschuhe an den Füßen, die Kopfhörer in den Ohren und die Musik auf voller Lautstärke laufen hatte, waren die Gedanken in meinem Kopf wie weggepustet – ganz so als hätten sie nie existiert. Doch es war noch etwas Anderes, das mich beim Laufen anzog wie das Licht die Mücken. Es war dieses Freiheitsgefühl, das einen durchströmte, das einem in jeden Knochen, in jede Faser fuhr und nicht mehr losließ. Es war das Gefühl, alles schaffen zu können was man wollte. Und eben dafür lebte ich.
Denn ich wusste, dass ich vermutlich nie viel erreichen würde in meinem Leben. Ich würde kein Genie werden, kein hoch angesehener Politiker oder ein Superstar werden – weder meine schauspielerisches Talent war überragend, noch hatte mich der liebe Gott mit einer engelsgleichen Stimme gesegnet. Fürs Modeln besaß ich nicht die ausreichende Größe – und meinem Vater nach zu viel Grips. Was blieb also übrig? Ein durchschnittlicher Beruf in einer durchschnittlichen Kleinstadt mit einem durchschnittlichen Leben. Auch wenn ich mich mit der Zeit irgendwie damit abgefunden hatte, strebte ein kleiner Teil in mir immer noch danach raus in die Welt zu reisen. Ich wollte die Welt sehen.
Oder zumindest eine Großstadt.
Das Einzige, was ich nicht wollte, war in dieser Kleinstadt zu vergammeln.
Doch da spielte mir mein vernunftgesteuerter und leider auch äußert realistischer Menschenverstand in die Karten und sagte mir, dass es wohl immer ein Wunsch bleiben wird, die Welt bereisen zu wollen.
Somit besaß allein das Laufen die Möglichkeit den Wunsch eines besseren Lebens in meinem Kopf auszuleben. Denn dann sagte mir niemand, dass ich aufhören sollte zu spinnen. Mir sagte niemand, dass ich mir lieber eine vernünftige Zukunft ausmalen sollte.
Schwer atmend blieb ich stehen und stützte mich prustend auf meinen Knien ab. Mein Blick sprang hinüber zu Buttons, einem Golden Retriever Rüden, welcher mir hechelnd und schwanzwedelnd entgegen blickte. Unglaublich, dass ich mich öfter bewegte als er und dennoch eine schlechtere Kondition besaß. Es war zum verrückt werden.
Dennoch konnte ich dem Drang nicht widerstehen Buttons kurz über den Kopf zu streicheln. Dieser bellte erfreut auf und stieß seinen Kopf gegen meine Handfläche. Lächelnd nahm ich mein Tempo wieder auf und setzte meine tägliche Joggingrunde fort. Ich verließ das kleine Waldstück, machte ein ausladende Runde über die Felder und kehrte letztendlich nach Hause zurück. Dabei passierte ich unter anderem die alte Holzbrücke, welche über den Mountain River führte und die einzige Möglichkeit bot jenen zu überqueren. Der Fluss mündete in einen kleinen See, der gerade einmal hundert Meter von unserem Haus entfernt lag. Zu Sommerzeiten tummelten sich dort haufenweise Frösche oder Kröten und hielten mich nicht selten in der Nacht vom Schlafen ab. Doch zur Zeit wurde ich glücklicherweise davon verschont, denn der See war dank der frostigen Temperaturen zugefroren.
Der Mountain River hingegen floss trotz alledem und schlängelte sich auch im Winter durch die Kuhweiden und kleinen Wäldchen unserer Kleinstadt. Man konnte sagen er bildete das Herzstück des kleinen Städtchens. Zumindest trug diese teilweise seinen Namen.
Eastwich Mountain – wie die Kleinstadt hieß – lag im Norden von England. Klein, zurückgezogen und der Inbegriff einer perfekten Kleinstadt. Keine Intrigen, keine Geheimnisse. Eine Stadt, in der man sich vertraute und damit war sie zeitgleich sterbend langweilig. Das einzige Highlight, das sie zu bieten hatte, war das schuleigene Eishockeyteam, welches mehr Erfolg einheimste als es meiner Meinung nach verdient hatte. Doch diese Meinung beruhte auf einem Spiel, das ich mir damals in der sechsten aus Loyalität angesehen hatte. Seitdem hatte ich nie wieder etwas aus Loyalität getan. Zumindest nicht aus Loyalität zu Menschen. Buttons gegenüber tat ich hingegen eine Menge.
Demnach konnte man meine Meinung nicht zwingend als professionell bezeichnen.
Wie dem auch sei – als das kleine Farmhaus, das ich bereits seit über einem Jahrzehnt mein Zuhause nennen konnte, in meinem Sichtfeld erschien, legte ich einen letzten Sprint hin und opferte all meine übrige Energie. Durchgeschwitzt und doch mit einem Lächeln auf den Lippen drosselte ich letztendlich mein Tempo und drehte noch einige Kreise, um meinen Puls zu senken. Ich hob meine Arme über den Kopf und amtete tief durch. Die eisige Luft strömte in meine Lungenflügel und ließ mich von innen nach außen erschaudern.
Mir war es egal wie viele Menschen mir von Sonne und Wärme vorschwärmten. Wie viele sich danach sehnten ihren Urlaub am Mittelmeer zu verbringen und sich in der Sonne brutzeln ließen. Sie konnte sagen was sie wollten, doch ich liebte den Winter. Ich liebte die Kälte, wenn sie dir in jeden Knochen kroch und eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Wenn du dich ganz tief in deine dicken Pullover vergraben, Tee schlürfen und vor den Kamin setzen konntest. Für mich persönlich war der Winter die beste Jahreszeit, es schneite, es gab gebratene Mandeln und du konntest dich in dein Zimmer verkriechen, ohne dass dich jemand zu einer Poolparty einlud. Meiner Meinung nach ein ziemlich perfektes Leben.
Während das Lächeln von meinem Gesicht nicht zu weichen schien, dehnte ich meine Beine und Arme. Dabei fiel mein Blick auf Buttons, der mich mit schief gelegtem Kopf anschaute und sich wohl fragte, was in Gottes Namen sein Frauchen dort gerade tat. Man musste zu seiner Verteidigung sagen, dass es vermutlich wahrlich komisch aussehen musste, wie ich mich so weit hinunter beugte, dass ich beinahe meine Fußspitzen küssen konnte.
Während mich der Golden Retriever Rüde auch weiterhin skeptisch anblickte, beendete ich meine Dehnübungen und kramte den Haustürschlüssel aus meiner Jackentasche hervor. Kaum war ich fündig geworden, steckte ich ihn in sein vorgesehenes Schloss und drehte ihn herum.
Ich schlüpfte nach drinnen und schloss hinter Buttons die Tür. Während sich dieser ins Wohnzimmer verzog, stülpte ich mir die Schuhe von den Füßen und stellte sie ins Regal zu den anderen. Danach huschte ich die Treppe nach oben, suchte mir frische Kleidung und sprang unter die Dusche. So sehr ich es auch liebte Sport zu treiben, so sehr hasste ich den Schweiß. Einerseits war er natürlich ein Zeichen dafür, dass man sich angestrengt hatte, doch anderseits war er einfach nur eklig. Vor allem wenn er langsam wieder zu trocknen und die Haut zu kleben begann. Allein bei dem Gedanken schüttelte es mich.
Doch ich dachte nicht länger darüber nach, sondern genoss vielmehr das kühle Wasser, welches auf meinen Körper niederprasselte. Zufrieden schloss ich die Augen und hielt mein Gesicht mitten in den Strahl.
Nachdem ich meinen Körper vom Schweiß befreit und meine Haare einshampooniert und wieder ausgewaschen hatte, stieg ich aus der Dusche, trocknete mich ab, schlüpfte in die bereit gelegten Klamotten und wickelte meine Haare mit dem Handtuch zu einem Turban auf dem Kopf ein. Grinsend begutachtete ich mich damit im Spiegel.
Den Blick von meinem eigenen Spiegelbild wieder abgelenkt, verließ ich das Bad und machte mich auf den Weg nach unten, wo ich in der Küche meinen Dad antraf.
»Morgen!«, begrüßte er mich und blickte dabei über den Rand seiner Teetasse. Er saß an dem kleinen Esstischchen und las seine Zeitung. »Warst du wieder laufen?«, fragte er und ließ seinen Blick dabei hinauf zu meinem Haarturban wandern. Grinsend nickte ich.
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Greatest Pretenders
Fiksyen Remaja* E I S H O C K E Y - R E I H E | B A N D 1 * »Weißt du eigentlich, dass ich dermaßen auf dich stehe, Harper? So dermaßen.« Während Harper Dewey ihrem Golden Retriever Rüden all ihre Geheimnisse verrät und aus Comicbüchern vorliest, ist Sullivan...
