thirty six➹

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Ich weine mich in den Schlaf und werde mit angeschwollenen, rot unterlaufenen Augen und einer dicken Wange wach. Meine Knochen tun weh und aus dem Bett will ich auch nicht. Aber was solls, ich wurde suspendiert. Ich muss nicht zur Schule, also auch nicht aus dem Bett. Die restlichen zwei Wochen werde ich also höchstwahrscheinlich genau dort verbringen. Mir ist gerade nicht mal nach Musik oder Büchern und das muss schon was heißen. Ich will gerade nicht mal leben. Ich will diese zwei Wochen einfach nicht erleben und dann endlich aus dieser Hölle fliehen. Vielleicht dachte ich immer, dass meine Eltern das Beste für mich wollen, und vielleicht tun sie das auch, aber unbewusst versuchen sie mir Erfolg aufzuzwingen und das mit allem, was ihnen recht ist. Ich durfte mich nie mit Freunden treffen und nach draußen nur für die Schule oder zum Lernen. Selbst bei Familientreffen wurde nur noch mehr Druck aufgebaut, da meine Eltern immer übertreiben haben, wenn sie von meinen Erfolgen erzählt haben. Ich habe das alles nur nie realisiert... Vielleicht haben mir Jackson, Daniel und Troy tatsächlich irgendwie dem Spaß am Leben gezeigt. Ich habe mich doch immer bei ihnen amüsiert, auch wenn es gewöhnungsbedürftig war.

Zwei Stunden liege ich einfach da, hören meinen Eltern beim Schreien zu und ignoriere die Versuche meiner Mutter, in mein Zimmer zu kommen. Aus Angst habe ich gestern die Zimmertür abgeschlossen. Aus Angst vor meinem eigenen Vater... das alles scheint mir zwar suspekt, aber es ist so. Er hat mich schon fest öfteren angeschrien, aber handgreiflich wurde er nie. Ich weiß ja selbst, dass es nur eine Backpfeife war, aber diese war kräftig. Ich würde soweit gehen und sagen, mein Vater ist stärker als Jackson. Immerhin ist meine Wange angeschwollen...

Aber das soll jetzt erstmal egal sein. Erst nach diesen zwei Stunden schaffe ich es, mich aufzurichten und nach meinem Handy zu greifen. Ich könnte jetzt doch etwas Musik gebrauchen. Zunächst fallen mir allerdings einige Nachrichten von Jackson und den anderen beiden auf. Ein Seufzen verlässt meine Lippen, ehe ich diese wegstreiche. Ich will und kann eben mit niemandem reden.

4.49 Uhr Zeit mir dir Uhr meines Handys am Nachmittag an, als ein Anruf einer mir unbekannten Nummer eingeht. Ich seufze kurz auf, beiße mir auf die Lippe und nehme schlussendlich den Anruf an. Es könnten Troy oder Daniel sein, dessen Nummern habe ich nämlich nicht.

,,Hallo?", frage ich leise und nehme aus Nervösität den Saum meines Pullovers in die Hand. Man hört vorerst aber bloß ein leises knacken vom anderen Ende der Leitung. Gearde als ich meine Frage wiederholen will, ertönt dann aber doch eine Stimme. ,,Wie wäre es mit halb sieben im bread stick's?", wird in den Lautsprecher geraunt. Doch ich kenne die Stimme nicht. ,,W-Was?", frage ich unsicher, da ich nicht recht weiß, wie ich reagieren soll. ,,Na was wohl? Du bist zwar ein elender Nerd, aber dein Arsch ist schon geil. Also?" ,,Entschuldige mal!", rufe ich empört, will ihm gerade einen Vortrag darüber halten, die unverschämt er ist, da kommt er mir zuvor und lacht rau. ,,Du musst nicht so tun, als wärst du unschuldig. Jeder weiß, dass du vom Lehrerkollegium durchgenommen wirst und ich bin mir sicher, dass du ziemlich geil sein musst, wenn du überall einsen bekommst."

Ein dicker Klos bildet sich in meinem Hals und Tränen stauen sich in meinen Augen auf. Stumm beende ich den Anruf und lege meine Handy beiseite. Kann das alles noch schlimmer werden? Kann ich nicht einfach mal von allen in Ruhe gelassen werden?

Laut schluchzend vergrabe ich meinen Körper unter der dicken Bettdecke. Ich will das alles nicht mehr. Dieses stetige Schikanieren und Runtermachen nagt an meinem Selbstbewusstsein, dass sowieso noch nie das Stärkste war. Ich versuche meinen Gefühlsausbruch zu kontrollieren, unterdrücke ein Wimmern und meine Tränen. Dennoch führt das alles so weit, dass ich wenige Minuten später eine Mail an meinen Tutor in China schreibe und ihn dort um Erlaubnis für früheres Erscheinen bitte, ehe ich mir Hals über Kopf ein Flugticket für nächste Woche Mittwoch buche. Auch extra Gepäck bezahle ich mitsamt des Tickets, sodass einiges meines Ersparten draufgeht. Aber ich will und kann das hier nicht. Nicht mehr! Und in sechs Tagen bin ich entgültig weg. Zum Glück!

Vorsichtig raffe ich mich auf, kleide mich halbwegs anständig und versuche mich auch sonst irgendwie akzeptabel herzurichten. Meine Eltern sind arbeiten und das ist meine Chance, schon mal ein paar wichtige Dinge für meinen anstehenden Umzug zu besorgen. Mit einem der Busse fahre ich nach Downtown und besorge neben Klamotten, Drogerieartikeln und anderen Kram, den ich irgendwie für die ersten Wochen dort gebrauchen kann, bevor ich in meine eigene, winzige Wohnung ziehe, auch noch drei Koffer. Zwei davon sind unfassbar riesig und einer fürs Handgepäck gedacht. Allesamt sind schwarz und alleine sie in meinen Händen zu wissen, stimmt mich ein wenig zuversichtlich.

,,Es kann nur noch besser werden, Milo.", flüster ich mir selbst zu, als ich all das Neugekaufte in mein Zimmer schaffe und wieder abschließe.

nerdy ass ➹Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt