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Jonny sitzt auf einem der Stühle am Esstisch und scheint sich köstlich über meinen Gast zu amüsieren. Sein Gesicht ist knallrot, weil er sich sein Lachen verkneifen will.
Und dann sehe ich warum.
Emil steht bei meiner Mutter und hält ihr seinen Lebkuchen unter die Nase. Und er redet und redet und redet, erklärt ihr das Rezept. Und meine Mutter sieht aus, als ob sie am liebsten davonlaufen würde.

Und so geht es den ganzen Tag.
Emil lernt Mila kennen, die ihm höflich auf alle Fragen antwortet und auch nicht zurückzuckt, als er ihre Hand greif und ihre Nägel betrachtet.
Emil lernt Ben und Laura kennen, die sich kurz darauf wieder in ihr Zimmer verziehen, mit einem verstörten Blick in meine Richtung.
Ben kann es sich nicht verkneifen eine anzügliche Bewegung mit seinem Becken zu machen, bevor er im Flur verschwindet.

Emil fragt nach meinem Dad. Aber mein Dad taucht nicht auf.
"Er hat wieder solche Rückenschmerzen. Heute Abend kann er vielleicht runterkommen", heißt es vonseiten meiner Mutter.
Ehrlich gesagt wundert es mich, dass er nicht mich und Emil herauswirft.
Aber das wird das Werk meiner Mutter sein, da bin ich mir sicher.
An Weihnachten will sie ihren Frieden.

Wenn ich Emil von meiner Leine lasse, beobachte ich ganz genau, welche Reaktionen seine Gegenwart auslöst.
Meine Mutter wirft ihm immer wieder einen zweifelnden Blick zu. Fast so, als ob sie nicht ganz glauben kann, wer da vor ihr steht.
Emil bemerkt ihre Abneigung. Das spüre ich ganz deutlich an der Art, wie er mich ansieht, wie er sich im Nacken kratzt oder plötzlich die Hand vor den Mund schlägt, um nicht laut zu Lachen.

Irgendwie tut er mir schrecklich leid.
Er passt hier nicht her und das wusste ich von vornherein und habe ihn trotzdem eingeladen, nur um mir etwas zu beweisen. Und Bradyn.
Aber ich tue mir auch selbst leid, spätestens als meine Mutter mich zu sich winkt und mit mir den Raum verlässt.

Sie führt mich in den Haushaltsraum neben der Küche und lehnt sich mit verschränkten Armen an die Waschmaschine.
Ich sage kein Wort und blicke auf meine Schuhe.
Ihr tiefes Seufzen verheißt nichts Gutes.

"Ich will ehrlich sein Mica. Es ist wirklich nett, dass du uns deinen ... Freund vorstellen willst, aber ... der Zeitpunkt ist mehr als ungünstig. Ich habe das Weihnachtsfest so lange geplant, unser Tisch ist voll besetzt und -"
"Sollen wir gehen?", frage ich. Ich sehe, was für Schwierigkeiten es meiner Mutter bereitet, über mich und meinen Freund zu sprechen.

"Nein! So habe ich das nicht gemeint, Mica, wirklich nicht! Ich hätte mir nur nicht so eine Überraschung gewünscht. Du kennst doch meine lange Vorplanung und die Nachbarn und ..."
Ich lese zwischen den Zeilen. Unsere betagten Nachbarn werden am Weihnachtsabend bei Tisch mit einem Freund von ihrem jüngsten Sohn konfrontiert werden, von dem sie noch nie etwas gehört haben.

Sie werden überrumpelt und verärgert sein. Schlimmer noch; sie werden sich hinter Moms Rücken die Mäuler zerreißen.
Ich wünschte, ich könnte von ihr verlangen, dem Gleichgültig entgegenzublicken. Aber ich weiß, dass kann sie nicht.
Ihr war ihr Prestige schon immer wichtiger als alles andere.

"Schämst du dich für mich?"
"Mica, jetzt ist Schluss! Ich lasse mir doch nicht das Wort im Mund umdrehen! Natürlich schäme ich mich nicht. Du hast mich einfach überrumpelt und dir ausgerechnet die Feiertage dafür ausgesucht."
Ich ziehe den Kopf ein. Ich wollte mutiger sein, als ich auf Kalifornien hierher aufgebrochen bin. Doch diesen Vorsatz habe ich buchstäblich bei meiner Ankunft über Bord geworfen.

Meine Mutter lässt ihre Arme fallen und sieht mich ernüchtert an.
"Ich mache mir Sorgen um dich, Mica. Erst erfahre ich, dass du eine Art Doppelleben führst und jetzt -"
"Du hast doch nie wirklich nachgefragt, wie mein Leben überhaupt aussieht!", fahre ich aus meiner Haut.
Im Tunnelblick visiere ich nur noch meine Mutter an, die gerade für alles Übel verantwortlich ist.
Wie kann sie nur?

"Wenn mein Sohn es nicht schafft, mich in den ersten Wochen nach seiner Ankunft in seinem neuen Leben regelmäßig anzurufen, um mir zu berichten, wie es ihm ergeht, dann werde ich ihm nicht jedes Wort aus der Nase ziehen und ihn weiß Gott nicht mit meinen Fragen belästigen! Ich meine, es ist ja wohl offensichtlich, dass du beinahe vor uns geflohen bist."

Ich bleibe still. Kann nichts auf ihre Worte erwidern.
Stück weit hat sie recht und ich sehe, wie sehr ich sie mit meinem Schweigen verletzt habe. Ich habe ihnen nie eine Erklärung gegeben, warum ich nach Kalifornien gegangen bin.
Ich habe nie gedacht, dass ich ihnen eine schulden würde, nachdem sie mir nie zugehört haben.

"Mica, Emil ist wirklich sehr nett und so ... adrett ... Ich kann ja verstehen, wenn du ihn magst - versteh mich nicht falsch, er ist wirklich sehr sympathisch - aber was willst du denn mit ihm?"
Als ich sie weiterhin nur stumm anblicke, fährt sie fort: "Langfristig gesehen, meine ich. Er ist so ... aufgedreht. Das passt doch gar nicht zu dir, Mica. Ich kenne doch meinen kleinen Jungen, der seinen Mittagsschlaf nach einen anstrengenden Tag braucht und der Origami faltet! Mica ... sieh mich an."

Ich folge ihrer Aufforderung und hebe die müden Augen.
"Ich meine das nicht böse - auch wenn ich immer noch ein bisschen beleidigt bin, dass du nicht eher zu mir gekommen bist. Verstehe mich also bitte wirklich nicht falsch! Emil ist ein anstrengender Gegenpol zu dir und ich glaube nicht wirklich, dass er in unsere Familie passt."

"Muss er denn nicht zu mir passen?", frage ich taub.
Sie sieht mich perplex an.
"Ja, aber ich habe dir doch schon gesagt, dass ich sehe, dass er nicht zu dir passt."
Ich schaue sie einfach nur an und kann fast nicht glaube, dass sie diese Worte gerade wirklich ausspricht.
"Und wer würde denn zu mir passen?"

"Ich weiß nicht ... jemand stärkeres. Nicht so ein schmächtiger Bursche. Muskeln, groß ... Ein ruhiger Fels in der Brandung. Jemand, der leiser redet auf jeden Fall."
Bradnys Ebenbild blitzt vor meinen Augen auf.
Ich blinzele meine Mutter an und ersetzt ihr gealtertes Gesicht, die feinen Linien unter ihren Augen und ihre weichen Konturen von Nase und Hals durch eine markantes Kinn und seine grünen Augen, die die Unendlichkeit versprechen.

"Dir wäre ein maskuliner Mann lieber, anstatt eines femininen", bringe ich auf den Punkt.
"Ja", sagt sie schlicht.
Ich will sie angreifen, weil sie meine Männerwahl nicht unterstützt, aber der Fakt, dass sie überhaupt irgendeine Männerwahl akzeptieren würde, lässt mich verstummen. Erneut.

Ich werde wieder zu dem belehrbaren, kleinen Jungen, der anscheinend alles falsch macht im Leben. Der selbst zu seinem kleinen Bruder aufblicken müsste.
"Ich sehe, dass du nicht glücklich bist. Und vielleicht fühlst du dich mit mir nicht wohl genug, um darüber zu reden - das ist okay. Aber ich will, dass mein Mica glücklich wird. Das wünsche ich mir schon dein Leben lang für dich."

Mit diesen Worten streift sie einmal meinen Arm und zieht die braune Holztür hinter sich zu.
Ich bleibe zurück mit der Waschmaschine und den unzähligen weißen Handtüchern, während im Wohnzimmer mein sogenannter Freund mit meinen Geschwistern plaudert und wer weiß was, über mich erzählt.

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Song: Funeral - Phoebe Bridgers (Stellenweise passen die Lyrics sooo gut zu Mica!!!)

Es schneit! juuhuuu!
Aber es bleibt nichts liegen. :(

Ich hoffe, ihr enjoyed die Stimmung im Hause Roger hrhr

Team Emica anyone???
;)

Love,
Lisa xoxo

magical boy✨[boyxboy] ✔Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt