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P.O.V. Bradyn

In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Mein Atem geht zu langsam, um mich mit genügend Sauerstoff zu versorgen, aber ich genieße die schmerzende Leere in meinem Brustkorb.
An Micas Seite sitzt dieser kleine schwarzhaarige Typ und redet auf ihn ein.
Vor seiner Stunde habe ich noch geglaubt, Mica hört ihm willig zu, interessiert sich für jedes einzelne Wort, das über diese schmalen Lippen kommt.

Doch wenn ich ihn jetzt genauer betrachte ... Seine Schultern sind eingefallen, sein Blick aus diesen tiefblauen Augen flüchtet immer wieder Richtung Wohnzimmer, Richtung Ausgang. Sein Blick streifen mich. Immer mal wieder. Flüchtig.
Und wann immer ich es bemerke, zerreißt es mich innerlich, denn seine Augen huschen weiter. Fast so, als wollen sie mich nie wieder länger als eine Sekunde ansehen.

Ich lehne mich zurück und bringe den Stuhl unter mir zum Kippen.
Bald kann ich hier raus und muss Micas Nähe nicht mehr ertragen, ich werde ihn nie wiedersehen. Ich versuche mir einzureden, dass das etwas Gutes ist, dass es meinen Kopf klarmachen wird.
Der Nebel, der mit Micas Ankunft kam, soll sich verziehen.

Tiffany ist seit einiger Zeit in ein Gespräch mit einem Mann mittleren Alters vertieft.
Ich schnappe immer wieder Wortfetzen auf, sie erregen allerdings nie mein Interesse.
Liz schenkt mir ein Lächeln, als ich meinen Blick ein weiteres, unzähliges Mal über den Tisch gleiten lasse, nur um eine kurze Momentaufnahme von Mica zu erhaschen.

Ich lächle zurück, bemerke aber, wie steif sich mein Gesicht anfühlt.
"Ich glaube, wir sollten uns auch auf den Weg machen", trifft Tiffanys süße Stimme auf mein Trommelfell.
Sie erhebt sich zusammen mit dem Mann in Jeanshose und Krawatte, der versucht seinen Fokus auf ihrem Gesicht zu halten.

Die Erlösung naht!
Ich springe beinahe auf und lege schützend einen Arm um ihre Hüfte.
"Nicht so stürmisch", lacht sie auf und streicht meine Wange.
Ich schiele zu Mica.

Unsere Augen treffen sich. Erst will ich meinen Blick senken, aber Mica fesselt mich.
Tiffanys Finger tanzen über meine Wange, aber ich starre in blaue Augen und nicht in ihre braunen.
Schuld muss mir ins Gesicht geschrieben stehen, als ich meine Verlobte ansehe. Doch sie lächelt und führt mich aus dem Essbereich.

Die Luft kühlt sich augenblicklich ab, auch wenn wir vor dem Kamin zum Stehen kommen, um uns von Liz zu verabschieden.
Sie steht zusammen mit Marie, eine der Ältesten aus dem Kirchenvorstand bei einem Glas Eierlikör und schaut in die Flammen.

"Liz."
Behutsam lege ich eine Hand auf ihren Rücken und gebe ihr zu verstehen, dass wir aufbrechen.
"Oh, ihr wollt auch schon gehen? Kommt gut nach Hause. Schön, dass ihr da wart."
Die Umarmung, die folgt, ist herzlich und warm. Und sie erinnert mich an Mica.

Zwischen ihm und seiner Mutter bestehen so viele Unterschiede und doch erinnert sie mich in diesem Moment an ihn.
"Das Essen war wie immer köstlich", säuselt Tiffany, aber ich beachte sie nicht mehr.
Mica und sein ... Ja, was ist dieser kleine Bastard für ihn?
Mica und sein Date kommen ebenfalls um die Ecke, auf dem Weg sich zurückzuziehen.

Würden sie miteinander schlafen? Würde Mica dieselbe Lust in den Augen haben, wie mit mir, auch wenn er seiner Begleitung nicht mal richtig zuhören wollte?
Er hat mich nicht ein einziges Mal so angesehen, wie er den Jungen mit den dünnen Beinen ansieht. Nicht ein einziges Mal sind seine Augen von meinem Gesicht geglitten, wenn wir uns unterhalten haben.

Ich schaue in Micas Richtung mit all diesen unerwünschten Erinnerungen in meinem Kopf.
Der schmächtige Typ neben ihm sieht zu alt für Mica aus. Wie alt mag er sein? Anfang dreißig?
Was kümmert mich das?
Warum sehe ich ihn überhaupt an?

"Das ist also dein alter Schulfreund."
Ich zucke zusammen. Eine hohe Stimme entkommt dem dünnen Hals des Fremden.
Ich rümpfe die Nase. Sie haben also über mich gesprochen?
Langsam und ohne großes Interesse zu zeigen, wende ich mich den beiden ganz zu.

Mica wirkt nervös. Seine Augen gleiten über meinen Oberkörper, ich kann den schwarzen Schleier der Lust in ihnen erkennen.
"Bradyn", nicke ich knapp in die Richtung des Schwarzhaarigen.
"Emil."
Überraschenderweise streckt er mir die Hand entgegen.

Der Arme hat anscheinend keine Ahnung, dass ich seinen potenziellen Freund gefickt habe.
Ein Grinsen erobert mein Gesicht und ich fixiere Mica.
"Einen netten, kleinen Freund hast du da."
Blaue Augen blicken mich in Schock an.

"Ich denke, ich kann dir jetzt schon versichern, dass ich sympathischer bin als du", sagt Emil mit vorgestreckter Brust.
An Mica gewandt, lacht er: "Das meintest du also, mit unterschiedlichen Interessen."

Jetzt bin ich es, der verbittert auflacht.
"Unterschiedliche Interessen?"
"Ja. Einer von uns hat sich entschieden einen anderen Weg einzuschlagen. Erinnerst du dich?"
Micas Worte haben für einen Außenstehenden kein Gewicht, doch mich zwingen sie beinahe in die Knie.

"Alles in Ordnung, Jungs?"
Liz tritt zu uns, ihr Sinn für schlechte Stimmung muss angeschlagen haben.
"Alles bestens. Mach's gut, Liz. Mica."
"Bradyn."

Ich wende mich ab und verlasse das Zimmer, warte im Flur, bis sich Tiffany endlich von Marie verabschiedet hat und reiße die Haustür auf.
Die frische Luft begrüßt meine brennenden Augen.
"Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe", flüstere ich zu mir selbst.
Von jetzt an werde ich nach vorne blicken, nicht zurück, wo Mica steht.

Dennoch blicke ich mich ein letztes Mal um und sehe den Schmerz, den ich angerichtet habe.
Meine Lippen teilen sich.
Micas Hand legt sich um Emils und er zieht ihn die Treppe hoch. 

Er wirft keinen Blick zurück.

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Song: Right Where You Left Me - Taylor Swift

Was soll man machen, wenn man nicht in den Kopf des anderen gucken kann?

Ich war heute im Wald einen Schneespaziergang machen - es war ein Traum! Wie im Märchenwald!

Okay, ich habe leider nicht mehr Zeit, also bye, bis morgen.
Ich danke euch so sehr für's Lesen♡♡♡♡
Fühlt euch umarmt!

Lisa xoxo

magical boy✨[boyxboy] ✔Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt