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Die letzte Tasche wiegt schwer in meinen Händen. Schwerer, als ich sie in Erinnerung habe.
Aber wahrscheinlich ist es nur der Abschied, der es mir erschwert, sie in den Kofferraum zu heben. 
Sollte ich mich nicht leicht und frei fühlen?
Bei einem Abschied für immer anscheinend nicht.

Emils schrilles Lachen dringt an meine Ohren.
Er steht bei meiner Mutter in der Tür und hält sich die Hand vor den Mund.
Ich bleibe neben meinem SUV stehen und schaue am Haus hoch.
Da oben war einmal mein Zimmer und ich habe jeden Abend am Fenster gesessen und Origami gefaltet.

Ich habe in den Himmel gestarrt und mich gefragt, ob ich jemals hier untern stehen und für immer gehen würde.
Und jetzt ist es soweit.
Es ist anders, als bei meinem Auszug oder den anderen Abschieden nach kurzen Besuchen über die Festtage.

Ich weiß mit einer brennenden Überzeugung, dass ich dieses Haus nie wiedersehen werde.
Also präge ich es mir ein.
Die verregneten Giebel und die breiten Fenster des Wohnzimmers.
Die weit ausladenden Baumkronen hinter dem Haus, die im Sommer wunderbaren Schatten spenden.

Vor mir ragt mein Elternhaus beinahe imposant in den blau-grauen Himmel.
Ein trauriges Lächeln bewegt meine Lippen.
Es ist besser so.

Langsam gehe ich wieder ins Haus.
Meine Mutter streicht über meinen Rücken. Für sie ist es ein Abschied, wie jeder andere auch. Nur für einen unbestimmten Zeitraum. Dann würde ich wieder in ihrem Flur stehen und meine Tasche auf den Boden fallen lassen.

Doch ich habe den Zeitraum bestimmt.
Wenn sie nicht zu mir kommen, dann ...
Empfinde ich es als schlimm, sie vielleicht nie wiederzusehen?
Ich kann mir die Frage nicht beantworten.

Manchmal fühlt es sich so an, als ob ich vergesse, dass ich eine Familie im Bundesstaat New York habe.
Ich vergesse all das hier, sobald ich in Kalifornien bin.

"Ich habe euch noch ein paar Sandwiches gemacht", sagt meine Mutter leise und ich werfe ihr einen entnervten Blick zu.
"Ich habe dir doch gesagt, dass -"
"Keine Widerrede."

Mit diesem Machtwort geht sie noch oben.
"Bist du fertig?", frage ich Emil.
Die Stimmung zwischen uns ist komisch, aber erträglich.
"Wenn du meine Taschen eingeladen hast; ja."

Er grinst mich an und trinkt seinen Kaffee aus.
"Werden wir weiterhin miteinander reden, wenn wir wieder Zuhause sind?", flüstere ich, mit einem Blick über meine Schulter, um sicherzugehen, dass wir auch wirklich unter uns sind.
"Von mir aus, ja. Ich habe gesagt, dass ich im Guten auseinander gehen will."

Mit einem leichten Schulterzucken räumt er die Tasse in den Geschirrspüler und lässt mich in der Küche zurück.
Leise seufzend lehne ich mich an die Arbeitsfläche und blicke aus dem Fenster.
Ein belegtes Räuspern lässt mich zusammenzucken.

"Hey."
Ich fahre herum.
"Was willst du hier?"
"Deine Mutter hat mir gesagt, dass ihr heute abfahrt. Ich sollte vorbeikommen und mich verabschieden."

Instinktiv weiche ich zurück, als Bradyn den Raum betritt, um ihm nicht um den Hals zufallen.
"Ich weiß, das ist nicht gerade ... angepasst. Aber ich konnte schlecht Nein sagen. Unter welchem Vorwand?"
Verlegen schiebt er die Hände in seine Hosentaschen.

Ich weiche seinen Blicken aus.
Wenn ich ihm zu lange in die Augen blicken werde, wird mein Körper weich werden.
Ich werde einknicken und Bradyn seinen Willen bekommen.
Ich schaue wieder aus dem Fenster und konzentriere mich darauf, genug Luft in meine Lungen zu bekommen.

"Vielleicht hättest du einfach mal gelogen? Dir was ausgedacht? Ich dachte, dass kannst du so gut."
Meine Stimme klingt angespannt, beinahe drohend.
Aber mein ganzer Körper zittert und lässt mich höchstwahrscheinlich nicht gerade bedrohlich aussehen.

magical boy✨[boyxboy] ✔Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt