Seine sicht
Sie schaut nach unten. Nicht in meine Augen. Nach unten, während ihr Träne für Träne die Wange hinunterläuft. Ich hebe ihr Kinn an, sodass sie mir in die Augen schauen muss.
„Werden sie mir wehtun?“, fragt sie leise mit brüchiger Stimme.
Dieses Mädchen hat eine besondere Ausstrahlung als alle anderen, die ich bis jetzt getroffen habe. Sie hat Angst und wurde gezwungen. Sergio hat recht, er würde verdammt viel Kohle mit ihr machen.
„Gerade brauche ich jemanden, der weiß, was zu tun ist … doch hier bin ich falsch, kann das sein?“, frage ich sie und amüsiere mich an diesem Anblick.
Aus irgendeinem Grund will ich meine Augen nicht von ihr nehmen.
„Belleza, antworte, wenn ich dich etwas frage.“
Zögerlich nickt sie und schluckt schwer. Meine Finger fahren an ihren Seiten entlang bis zu ihrer Taille. Ihr Körper spannt sich an, und sie zuckt zusammen. Andere Frauen würden alles tun, um mit mir ins Bett zu springen.
„So unschuldig“, flüstere ich hauchzart in ihr Ohr. In meinem Kopf spielt sich immer wieder dieses Szenario ab, wie sie stöhnend unter mir liegt.
„Belleza, ich gehe erst mal, aber wir werden uns nochmal sehen“, sage ich und gehe ein paar Schritte nach hinten, um ihren Körper zu betrachten.
Als ich mein Jackett nehme und gehen will, hält sie mich am Arm fest.
„Sergio meinte, er tut meiner Schwester etwas an, wenn ich sie nicht zufriedenstelle“, schluchzt sie.
„Ich kümmere mich darum“, sind meine letzten Worte, bevor ich in Ihre großen Augen schaue und verschwinde.
Als ich das Bordell verlassen will, kommt Sergio mit seinen Krücken auf mich zugehumpelt.
„Patrón, hat sie sich gewehrt? Es tut mir leid, ich werde ihr sofort Manieren beibring—“
Ehe er ausreden kann, unterbreche ich ihn.
„Sollte auch nur einer daran denken, sie zu berühren, wird das Konsequenzen mit sich ziehen. Entendido?“, erkläre ich ihm eiskalt.
„Entendido?“, wiederhole ich streng mit angespanntem Kiefer.
„Ja– ja, natürlich, wie Sie sagen, Patrón“, stottert er, und ich verschwinde.
Ich steige in mein Auto und fahre los. Ich habe nicht gedacht, sie wiederzusehen. Zu Hause wartet Anna auf mich, denn sie weiß, was zu tun ist. Und sie – sie wird es schon noch lernen.
...
„Cielo, niemand kann dich zufriedenstellen außer ich, das weißt du doch. Also warum gehst du noch ins Bordell, wenn ich hier bin? Erklär’s mir.“
Anna legt ihre Arme um meinen Hals und schaut mich wartend an.
„Du bist nur eine Nutte.“
„Vasco, siehst du mich immer noch als Nutte an? Ich dachte, nach den vielen Malen hast du auch etwas gefühlt.“
Enttäuscht geht sie ein paar Schritte nach hinten und schaut mich verständnislos an.
„Verschwende nicht meine Zeit“, sage ich und schicke sie nach Hause. Langsam geht sie mir mit diesem ganzen Gefühlszeug auf die Nerven. Es ist nur Sex.
Ich sitze nun in meinem Arbeitszimmer, als es plötzlich klopft.
„Herein“, sage ich, und Marco kommt zum Vorschein.
„Sie wollten was von mir, Patrón?“
„Von dem Mädchen, das ihr mit Larissa vertauscht hattet. Ich will alles über sie wissen – ach ja, und bring sie da aus dem Bordell raus“, befehle ich ihm.
„Ja, Patrón, mache ich sofort. Wohin soll ich sie denn bringen?“, fragt er.
Ich stehe auf und knöpfe die ersten Knöpfe meines Hemdes auf.
„Zu ihr nach Hause“, antworte ich, und er nickt.
Nachdem mir Marco ihre Liste gebracht hatte, musste ich mich erst mal um den Pendejo in meinem Keller kümmern. Ich betrete den kalten Keller und sehe, wie Santiago mit einem blauen Auge gefesselt auf dem Stuhl sitzt. Er wurde übel zugerichtet, nur das war erst der Anfang.
„Santiago, schön, dich wiederzusehen. War das dein Plan? Eine Frau zu uns zu schicken, die unsere Waffenlieferung genau im Blick behält, und du verpisst dich ins Ausland? War das dein perfekter Plan?“, frage ich ihn, während ich mich beherrschen muss, ihm nicht auf der Stelle die Kehle aufzuschlitzen.
„Du musst noch viel lernen, doch jetzt erst mal zeige ich dir, was dir dein ‚guter Plan‘ gebracht hat. Ich wusste ja, dass du nicht zu nutzen bist, aber ich habe wirklich mehr von dir erwartet.“
Ich nehme mir ein Messer zur Hand.
„Por favor—“, wimmert er wie ein kleines Kind. Dieses Geheule kann ich mir nicht länger anhören, also lege ich das Messer an seine Stimmbänder und ziehe mit der scharfen Seite eine Linie. Mit großen Augen schaut er auf das Blut, dann ist es still.
„Du weißt doch, dass ich dieses Geheule nicht leiden kann“, erwähne ich nebenbei, während ich mit der scharfen Seite des Messers seine Finger entlangfahre.
Keine zwei Sekunden später hacke ich ihm einen Finger ab und grinse. Ich liebe diese Stille, in der er innerlich schreit.
„Ach ja, und Santiago, falls ich dich wieder hier unten besuchen muss, kannst du dir sicher sein, dass es nicht nur bei einem Finger bleibt. Hast du verstanden?“, frage ich mit ernster Tonlage.
Zögerlich nickt er, und ich verschwinde nach oben, um mich von seinem Blut zu befreien.
Nachdem ich geduscht und mich umgezogen habe, setze ich mich ins Wohnzimmer. Heute wird Alonzo zu mir kommen. Es ist schon länger her, dass ich ihn gesehen habe.
„Don Vasco, was soll ich heute zum Essen vorbereiten? Vielleicht etwas Spezielles, da Sie heute Besuch bekommen“, ertönt hinter mir die Stimme von Liza. Ich habe sie neu eingestellt.
„Frag Anastasia“, antworte ich und gehe in mein Arbeitszimmer.
Auf meinem Tisch liegt bereits ihre Akte, die ich mir zur Hand nehme. Ihr voller Name ist **Luna Malik**. Sie ist am 30.06.2007 in New Jersey geboren. Sie hat nur einen Realschulabschluss und danach direkt angefangen, in einem Café zu arbeiten. Straftaten hat sie keine. Mit 13 starb ihre Mutter bei der Geburt ihrer jüngeren Schwester Ria. Mit 16 starb ihr Vater an einer Überdosis Drogen. Nach dem Tod ihrer Eltern wohnte sie bei ihrer Freundin Cassy, da keiner ihrer Verwandten sie aufnehmen wollte. Außerdem verzichtete sie auf professionelle Hilfe oder ein Kinderheim für ihre kleine Schwester. Keine weiteren Angaben.
Interessant. Das erklärt auch, warum die Polizei ihr Verschwinden nicht gemeldet hat. Sie hat nur ihre Freundin und ihre kleine Schwester.
Schon wieder klopft es.
„Ihr Besuch ist angekommen“, höre ich von draußen.
Ich lege ihre Akte in eine Schublade und mache mich auf den Weg zu Alonzo.
„Lange her“, sage ich, als ich ihn im Wohnzimmer stehen sehe.
„Vasco. Lange nicht gesehen, du bist aber groß geworden“, sagt er gespielt und umarmt mich brüderlich.
Ich deute auf das Sofa, und wir setzen uns.
„Erzähl, wie läuft das Geschäft?“, frage ich ihn und reiche ihm ein Glas Wein.
„Könnte nicht besser sein. Zurzeit ist alles perfekt. Wie sieht’s denn bei dem großen Don Vasco aus?“, kichert er gut gelaunt.
„So wie immer“, erwidere ich kurz und knapp.
„Gut. Und wie läuft das Liebesleben?“, fragt er mit einem Grinsen im Gesicht.
„Liebe hat in diesem Leben nichts zu suchen, das solltest du doch wissen, Alonzo“, antworte ich ihm mit einem leichten Lächeln.
„Ja, ich weiß, dachte nur, dass sich deine Denkweise geändert hat.“
„Warum geändert?“, frage ich nun neugierig.
„Vielleicht hat dir ja eine Frau den Kopf verdreht“, meint er belustigt.
Ich schüttele den Kopf, als Liza uns plötzlich zum Essen ruft.
Alonzo und ich plaudern noch eine ganze Weile, bis er in sein Zimmer und ich in meins gehe. Eigentlich wollte ich schlafen gehen, doch Marco ruft mich an.
„Was ist jetzt los?“, frage ich ihn und ziehe mir mein Hemd aus.
„Luna macht Probleme. Sie will die Polizei rufen, da wir nicht von ihrem ‚Grundstück‘ gehen“, erklärt er mir genervt.
Ein Grinsen bildet sich auf meinen Mundwinkeln, als ich daran denke, wie sie wohl aussieht, wenn sie wütend ist.
„Also, was soll ich jetzt machen?“, fragt er leicht überfordert.
„Warte mal. Gib mir deinen ‚Patrón‘, ich rede mit ihm“, ertönt ihre engelsgleiche Stimme im Hintergrund.
„Lass das – nein—“, höre ich Marco, der versucht, die Situation im Griff zu behalten.
„Marco, gib ihr das Telefon“, befehle ich und lehne mich an die Wand.
„Also, wenn Sie Ihren Bastarden nicht sofort sagen, dass sie sich verpissen sollen, rufe ich die Polizei und zeige euch an. Oder schwingen Sie Ihren Arsch hierher. Lass mich, ich darf reden, wie ich will“, keift sie außer Atem.
Zu gern würde ich sie jetzt sehen. Ihre freche Seite gefällt mir.
„Belleza … warum bist du so aggressiv?“
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Lovely Silence To Death
RomansaDurch ein Missverständnis trifft sie auf ihn. Vasco Garcia. Der skrupellose Mafiosi vor dem sich jeder und alles fürchtet. Er will sie nicht mehr gehen lassen. Ist es liebe oder doch nur das Gefühl macht über sie haben zu wollen? Textausschnitt: Er...
