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POV: Davi

Noch leicht verschlafen steuerte ich meinen Wagen durch die Straßen Göttingens. Jessica hatte mich am Vortag angerufen, da sie dringend noch einen Fahrer für die letzten Kisten brauchte.

"Dobermann im Griff (Griff), Goldkette blitzt (blitzt)
Der Anzug mit den Nadelstreifen sitzt (sitzt)
Im Magazin Clips (Clips), zeig kein Gesicht
Deutscher Rap besteht aus Kids wie Kollegah Adlibs..."

"Schon wieder Montag!", stöhnte ich genervt, als ich mit meinem Wagen auf dem Hof vor der Werkstatt angekommen war. Mein Auto parkte ich auf der vorgesehenen Fläche und ließ mit einem lauten Seufzen meinen Kopf auf das Lenkrad fallen; durch das lärmige Hupen schreckte ich wieder hoch. Ich stieg aus und schloss meinen Wagen ab.

Mit einem großen Pott schwarzem Kaffee lief ich die Stufen zum Büro hoch und ließ mich schlussendlich auf dem ledrigen Bürostuhl nieder. Nachdem ich den ersten Schluck des heißen Wachmachers zu mir genommen hatte, griff ich zu der Maus und öffnete das Mail-Programm. - NoraJung@gm... Bewerbung als Kfz-Mechatronikerin... Sehr geehrte Frau Winkler, als leidenschaftliche Mechatronikerin mit fünfjähriger Berufserfahrung... - "Jawoll", stieß ich laut, freudig aus und drehte mich zu dem Regal um, auf dem das Foto von Jessica stand. "Siehst du, es geht doch bergauf.", lachte ich das Bild zufrieden an und zückte mein Handy, um die Daten an Jessica weiterzuleiten.

"Hammer, bitte ruf sie sofort an
und mach' ein Vorstellungsgespräch
klar. Du kannst das Gespräch
auch gern selber führen.
Bis morgen."

Ich tippte die Telefonnummer von den Bewerbungsunterlagen auf dem Ziffernblatt des Telefons ein und wartete auf das Freizeichen. Eine sympathische Frau nahm nach kurzer Zeit das Gespräch an und war bereit noch am selben Tag ein Vorstellungsgespräch zu führen, da sie derzeit Urlaub hätte.

~*~

Ich wischte noch einmal über die Nachbildung der ursprünglichen Oberflächenstruktur und hatte die Zeit komplett außer Acht gelassen. "Davi!", rief Phil quer durch die Halle. Mit meinem linken Knie hockte ich auf dem Beifahrersitz, während ich mich mit dem rechten Bein außerhalb des Wagens auf dem Fußboden stütze. Als ich mich zügig mit meinem Oberkörper rückwärts aus dem Fiat Punto bewegen wollte, stieß ich mit meinem Hinterkopf gegen den Rahmen der Tür. "Ahh... Fuck!", stieß ich schmerzerfüllt aus und griff mir an den Hinterkopf. "Ist heute echt nicht dein Tag, was? Zuerst fällst du fast die Treppe runter, schmeißt beim Fallen den Werkzeugwagen um und jetzt das.", mit diesen Worten lief Phil auf mich zu und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Erinnere mich ruhig dran. Was ist denn?", fragte ich genervt und rieb mir weiterhin über die leicht schmerzende Stelle. "Eine gewisse Frau Jung ist da. Sie meint, dass sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen ist.", sagte Phil und nickte in die Richtung des Eingangs. "Super, hoffentlich mache ich mich jetzt nicht auch noch zum Ei.", ich verdrehte meine Augen und schloss schwungvoll die Tür.

"Hallo, Frau Jung. Davi Hilpert, wir hatten heute Morgen telefoniert.", mit einem freundlichen Händedruck begrüßte ich sie. Frau Jung hatte schulterlanges braunes Haar, sie war ein wenig kleiner als Jessica und strahlte mich pausenlos an. In ihren braunen Augen konnte man sich nahezu widerspiegeln. "Wasser? Kaffee?", fragte ich kurz.
"Nein, aber vielen Dank der Nachfrage, Herr Hilpert.", freundlich lehnte sie ab und ich verwies nach oben, in das Büro.

"Bitte setzen Sie sich.", ich schloss die Tür und setzt mich in den Bürostuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches. "Einmal kurz vorweg, Frau Winkler, welche Sie in Ihrer Bewerbung angesprochen haben, wird bald die Leitung einer Zweigstelle in Berlin übernehmen. Daher müssen Sie heute wohl mit mir vorliebnehmen.", lachte ich und lehnte mich zurück.
"Ich denke doch, dass dies kein Problem darstellen sollte, oder?", lachend zwinkerte sie mir zu und überschlug ihre Beine.
"Sehr gut, also Frau Jung dann..."

Nach einer halben Stunde war das Vorstellungsgespräch erfolgreich beendet.
"Wie soeben besprochen, ich werde morgen mit Frau Winkler sprechen und dann melden wir uns bei Ihnen. Ich bin zuversichtlich, dass wir Sie bald in unserem Team begrüßen können.", sagte ich zufrieden und verabschiedete die Bewerberin.

"War sie schon da?
Was hast du für Eindrücke
sammeln können?"

Mit der E-Zigarette stand ich vor der Werkstatt und überlegte mir, was ich Jessica antworten könnte. In unserem Chat bei WhatsApp wischte ich über den Bildschirm und zog dadurch das kleine Mikrofon nach oben. "Ich weiß noch, wie ich dich am Freitag gefragt habe, wo wir eine gleichwertige Arbeitskraft finden sollen. Jess... Ich glaube, wir haben sie gefunden, die Bewerberin ist der absolute Wahnsinn und ihr letztes Zeugnis hast du ja selbst gesehen.", voller Stolz schickte ich die Sprachnachricht ab. - Jetzt können wir uns alle etwas entspannen, ab August ist Sören auch mit an Bord. Das wird ein fantastisches Jahr werden, ich spüre es. -

"Dann mach alles fertig,
wenn du dir sicher bist.
Du musst solche Entscheidungen
zukünftig auch alleine treffen können."

Mit einem breiten Grinsen begab ich mich zurück in das Büro und suchte in den Unterlagen nach einem Personalfragebogen sowie einer Vorlage für einen Arbeitsvertrag. Frau Jung rief ich noch am selben Tag an, nachdem ich die Dokumente vorbereitet hatte. 

Verloren - 3Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt