POV: Jessica
Ich stellte meinen Wecker aus und blickte zu der anderen Seite des Bettes, auf der Lukas noch friedlich und seelenruhig schlief. Bevor ich mich aufsetzte, hielt sich mein Blick an der Decke des Schlafzimmers fest. Mir entfleuchte ein schwerer Atemzug und ich stieß mich von der Kante des Bettes ab, um in den letzten Arbeitstag in der Werkstatt in Göttingen zu starten. Mit meinem Handy in der Hand lief ich in die Küche, um die vorbereitete Kaffeemaschine einzuschalten. Im Badezimmer machte ich mich kurz frisch und stand ungefähr zehn Minuten später mit der Kaffeetasse und einer Zigarette auf dem Balkon meiner Wohnung.
Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Schlafzimmer, um ein paar der letzten Kleidungsstücke herauszunehmen. Da heute für mich keine Reparaturen mehr geplant waren, sondern die offizielle Übergabe des Büros, hatte ich den Blaumann in Göttingen bereits an den Nagel gehängt. Bevor ich die Wohnung verließ, hauchte ich Lukas einen zärtlichen Kuss auf die Wange.
Seit fünf Minuten saß ich in meinem Wagen vor der Werkstatt und blickte gebannt auf das Gebäude, ein schmerzhaftes Ziehen ging durch meine Brust und eine Träne lief mir aus dem Auge. Das Lied auf meiner Playlist bei Spotify wechselte und die Stimme von Lukas war zu hören, was mich wieder ein wenig schmunzeln ließ.
"Melodie!
Und Ruhe
Und ich gab jedem Trauerfeierlied dieselbe Chance
Keins war genug monumental und herzzerreißend,
Von Queen bis Elton John..."
Ich stellte den Motor ab und stieg aus meinem Wagen. Als ich in der Halle stand, sah ich die verschiedensten Szenen der vergangenen Jahre, die sich vor meinem geistigen Auge abspielten. In der Küche bereitete ich mir einen weiteren Kaffee zu und blickte aus dem Fenster heraus, in den Hinterhof.
"Guten Morgen.", stöhnte Ena und schmiss ihre Tasche auf den Stuhl am Tisch.
"Ich wünsche dir auch einen schönen guten Morgen.", sagte ich und sah meine beste Freundin fragwürdig an.
"Was?", ein genervter Blick lag auf mir. Aus dem Schrank nahm ich eine weitere Tasse und schenkte ihr ebenfalls einen Kaffee ein.
"Ärger im Paradies?", fragte ich mit großen Augen und trank einen Schluck aus meiner Tasse.
"Wie kommst du darauf?", Ena verdrehte ihre Augen und steuerte wieder den Stuhl mit ihrer Handtasche an, um ihr Handy herauszuholen.
"Weil du am Dienstag und gestern schon da warst. Du hast dich mal sehr über die Möglichkeit 'Homeoffice' gefreut.", antwortete ich und nickte in Richtung der Tür, dass wir nach oben gehen würden.
Wir stellten unsere Handtaschen ab, ich schloss die Tür des Büros und ließ mich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch nieder. Erwartungsvoll sah ich Ena an, welche sich in dem Bürostuhl zurücklehnte, nachdem sie den Computer gestartet hatte.
"Wir leben jetzt in einer WG... Fabeck, Fabeck und Weitkamp.", sagte sie genervt und atmete tief durch.
"Was?", lachte ich recht ungläubig.
"Ich finde das nicht lustig, meine Mutter stand mit einem kleinen Koffer am Mittwochabend bei uns vor der Tür... Hätte ich bloß meine Fresse gehalten und beiden einen Dolch in die Hand gedrückt.", verzweifelt griff sie wieder nach der Kaffeetasse.
"Ist es wirklich so schlimm?", - Diese Frage hätte ich mir auch sparen können. -
"Warum sollte ich sonst heute hier sein? Es ist ja wirklich schön, dass sie mittlerweile Tim eine Chance gibt, ihm auch sehr offen gegenübersteht, aber ich glaube, keiner freut sich, mit Schwiegermutti unter einem Dach zu leben. Weißt du, wie klasse das gestern Abend war... Sowas kann ich gar nicht erzählen, entweder glaubt mir das keiner oder lacht.", sie lehnte sich nach vorn, um den Computer zu entsperren.
"Was war denn gestern Abend?", fragte ich.
"Sie ist zeitig ins Bett gegangen und wir dachten, dass sie schon schläft."
"Oh nein... Ich kann mir denken, wo diese Geschichte hinführt."
"Na ja, wir hatten auf dem Sofa angefangen. Meine Beine waren um die Hüfte von Tim geschlungen und er trug mich gerade die Treppe hoch; glaubst du, wir hatten uns voneinander gelöst und irgendwas mitbekommen. Sie kam im Obergeschoss gerade aus dem Badezimmer raus... Anstatt sie einfach wieder rückwärts reingeht oder in das Gästezimmer läuft, sagt sie auch noch, dass wir jungen Leute doch bitte ordentlich aufpassen sollen.", ich schluckte und sah Ena mit großen Augen an. "Spar' dir jetzt bitte deine Sprüche, Jess."
"Mir fehlen gerade echt die Worte.", sagte ich trocken.
"Tim wird heute Abend so sauer sein, er hat keine Ahnung, dass ich jetzt wieder im Büro sitze.", Ena rieb sich die Augen uns begann an die Decke zu starren.
"Jedenfalls nicht zu solchen Zeiten.", sagte ich, um sie etwas aufzuheitern.
"Ha ha...", sagte sie kurz. "Jess, was mach' ich denn jetzt? Ich halte das keinen weiteren Tag mehr aus."
"Eine Nacht wirst du es noch aushalten, oder?"
"Und dann?", ihr Blick schweifte zu mir. Vom Fußboden hob ich meine Tasche an und kramte nach meinem Wohnungsschlüssel.
Den kleinen Schlüsselbund legte ich auf dem Schreibtisch ab und zog meine Augenbrauen nach oben. "Der Mietvertrag läuft erst Ende März aus. Wenn Elisa interessiert ist, kann sie auch gern die Nachmieterin werden. Aus Zeitgründen hätte ich folgende Idee. Wenn sie nur bis Ende März in der Wohnung bleiben möchte, muss sie mir die eineinhalb Mieten nicht zahlen, dafür die farbigen Wände weißen. Sollte sie die Wohnung übernehmen wollen, bin ich ebenfalls raus und bekomme nur eine Ablöse für die Küche, die war schweineteuer. Bis auf das Bett wollte ich dem Nachmieter, also wenn ich einen guten finden würde, alle Möbel überlassen."
"Oh mein Gott... Du bist die Beste, danke.", Ena sprang auf, griff nach dem Schlüsselbund und fiel mir um den Hals.
"Ja... ja... Ist doch keine Ursache, wenn es gerade mal so klappt.", lachte ich und strich ihr über den Rücken.
"Dann starten wir mal in deinen letzten Tag.", strahlend hielt sie mich an den Schultern fest, ich nickte kurz.
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Verloren - 3
Hayran KurguMeine Fanfiction zur aufgelösten Band Trailerpark geht in die dritte Runde. Ich wünsche euch sehr viel Spaß beim lesen und mitfiebern. Der dritte Teil ist die Zerreißprobe für die Gruppe, doch wen trifft es am meisten? Die Geschichte ist frei erfu...
