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POV: Lukas // Alligatoah

"Kein Funken Charme – Nur ein dreckiges Lächeln
So hast du mein Herz gestohlen – das perfekte Verbrechen
In meiner Brust, kann man Schätze entdecken
Du konntest nichts dafür – das perfekte Verbrechen..."

"Mäuschen...", sprach ich schlaftrunken, als ich langsam von dem klingelnden Handy, auf dem Nachttisch von Jessica, wach wurde. "Schatz...", ich drehte mich auf die andere Seite, als ich meinen Arm ausstreckte, war die Seite ihres Bettes leer. Die Bettseite von Jessica war kalt, sofort schlug ich meine Augen auf. Wieder begann ihr Telefon meine Stimme abzuspielen, ich rutschte ein Stück weiter auf ihre Seite und sah den Namen von Ena auf dem Bildschirm. "Ena?", mit einem unwohlen Gefühl nahm ich den Anruf an und hörte sie nur schwer Atmen.
"Lukas?", unter Tränen fragte sie nach mir und ich richtete mich auf, sodass ich im Bett saß.
"Wo ist Jessie?". Fragte sie.
"Ich kann es dir nicht sagen, Liebes. Sie scheint schon länger nicht mehr neben mir zu liegen.", ich stand aus dem Bett auf und verließ das Schlafzimmer. "Auf der Terrasse und im Wohnzimmer kann ich sie nicht finden.", ich lief weiter in die Küche. "Hier ist sie auch nicht."
"Was soll denn das?! Ich höre seit Wochen kein Lebenszeichen von ihr und jetzt, wo ich sie brauche...", Ena schluchzte laut.
"Was ist passiert?", fragte ich trocken.
"Tim... Er... Igor...", mehrfach begann sie ihren Satz. "Igor hat mich angerufen, er ist unverletzt... Basti hat einen gebrochenen Arm und mehrere Kratzer im Gesicht... Tim...", lautstark begann sie in Tränen auszubrechen.
"Ena... Bitte versuch dich zu beruhigen, denk an das Baby... Was... Was ist mit Tim?", in meinem Arbeitszimmer kam ich zum Stehen und rührte mich nicht von der Stelle. Ich spürte, wie ich innerlich unruhig wurde und leicht zu zittern begann.
"Er ist ansprechbar, aber was mit ihm ist, können sie noch nicht sagen. Er wird immer noch untersucht.", schwer schluckte ich bei diesen Worten.
"Ena, hör' mir jetzt gut zu. Ich ziehe mich an und suche meine Freundin, sobald ich Jessica gefunden habe, setze ich sie auf die Beifahrerseite meines Wagens und wir kommen nach Bielefeld. Du rufst jetzt Steven, deine Eltern oder gar Davi an, ich habe mal gehört, dass in schlechten Zeiten auch auf ihn Verlass ist. Ich will nicht, dass du jetzt alleine bist. Und bitte... Um Gottes willen, bitte beruhige dich.", ich fuhr mir durch meine Haare und richtete meinen Blick im Dunkeln auf den Fußboden des Zimmers.

"D... Danke, Lukas.", wisperte sie.
"Nicht dafür, es kommt alles in Ordnung.", sprach ich.

Ich steuerte meinen Wagen, ohne auch nur einen Anhaltspunkt zu haben, durch die Straßen Berlins. Nach über zehn Jahren, die ich bereits in der Hauptstadt wohnte, hatte ich mich noch nie so orientierungslos gefühlt. Bevor ich das Haus verließ, warf ich einen Blick in den Keller und stellte fest, dass das Fahrrad von Jessica fehlte. Den ersten Ort, der mir von der Entfernung her am plausibelsten war, war die neue Wohnung von Linda. - Verdammt... Nichts frei... - "Drauf geschissen!", fluchte ich und stellte meinen Wagen im Halteverbot direkt vor dem Eingang des Hauses ab. Nervös stieg ich aus, nachdem ich die Warnblinker eingeschaltet hatte. Zitternd, geschuldet der Nervosität sowie dem mangelnden Schlaf, führte ich meinen Zeigefinger zu dem silbernen Knopf neben dem Klingelschild, welcher den Namen 'Hecht' auswies. Nachdem ich mehrfach hintereinander geklingelt hatte, hörte ich die verschlafene Stimme von Linda über die Gegensprechanlage. "Linda? Ich bin's, Lukas. Ist Jessica bei dir?", fragte ich besorgt. "Lukas? Hast du mal auf die Uhr geschaut? Es ist kurz vor zwölf... Ich muss morgen früh raus.", antwortete sie schnippisch. "Das war keine Antwort auf meine Frage, Frau Hecht.", knirschte ich. "Keine Ahnung, wo Jessie ist.", sagte sie genervt. "Ja, danke für nichts.", ich entfernte mich von dem Gebäude und stieg verärgert in meinen Wagen. - Ihr Verhalten der letzten Wochen und jetzt das? Warum redet sie denn nicht mit mir? Was ist denn bitte bei uns passiert, dass sie nicht mehr so ist, wie ich sie mal kannte? - Mein nächstes Ziel im Umkreis war die Werkstatt, doch als ich an dem abgesperrten Gelände vorbeifuhr, war nicht mal ein kleines Licht zu sehen. "Gut... Tegeler See, letzte Chance...", flüsterte ich verzweifelt und fuhr weiter.

Ich war schätzungsweise noch zwei Minuten Fahrtzeit von Jessicas mir bekannten Rückzugsort entfernt. Die Scheinwerfer meines Wagens leuchteten auf der besseren Landstraße voraus; durch das Fernlicht wurde eine dunkel bekleidete Person auf einem hellen Fahrrad angestrahlt. - Das ist doch... - "Jessie!!!", rief ich erleichtert, was sie durch die geschlossenen Fenster gar nicht hören konnte. Ich fuhr ein wenig schneller, als sie plötzlich ihren linken Arm herausstreckte und den Lenker herumzog. Wir beide bremsten kurz vor einer Kollision. Jessica stand direkt vor meinem Wagen und sah mich verängstigt durch die Windschutzscheibe an. An ihrem Blick, den geschwollenen Augen und den getrockneten Striemen im Gesicht konnte ich sehen, dass sie geweint hatte. 

Verloren - 3Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt