-14-

41 4 0
                                        

POV: Timi

Ich zog mir die Decke über den Kopf, als ich die Helligkeit im Schlafzimmer durch meine spaltbreit geöffneten Augen wahrgenommen hatte. "Ena, wie machst du das immer?", ich nahm Igors Stimme unweit des Bettes wahr. "Ich lass' ihn für gewöhnlich liegen oder schmeiß mich drauf, wenn es wichtig ist.", lachte meine Freundin aus der unteren Etage. "Wag es dir, Alter.", murmelte ich und tastete außerhalb der Decke auf dem Nachttisch nach meiner Brille. Ich richtete mich langsam auf, sodass ich auf der Matratze kniete, setzte mir das Nasenfahrrad ins Gesicht und öffnete langsam meine Augen. Igor grinste mich breit an. "Moin.", lachte er. Ich ließ mich wieder nach vorn auf das Kopfkissen fallen und atmete in das Polster. "Na komm, wir waren verabredet.", er klopfte mir auf den Rücken und räusperte sich. "Ich konnte ja nicht wissen, dass du pünktlich bist.", grummelte ich. "Tut mir leid, dass ich, Pater Vortex, die Ruhe des heiligen Timäh stören muss.", wieder atmete ich tief durch. "Kaffee und 'nen Joint?", fragte er. Ich hob den Daumen und Igor lief aus dem Schlafzimmer.

Ich streckte mich, hob mit meiner linken Hand kurz meine Brille an und rieb mir meine Augen. Vom Nachttisch nahm ich mein Handy und las eine Nachricht von Steven.

"Hast du bald mal Zeit?"

Fragte er kurz und ein ungutes Gefühl machte sich breit. "Na Dornröschen.", freudig betrat Igor mit einer Tasse das Schlafzimmer und stellte diese auf dem Nachttisch ab. "Lust auf einen Trip nach Braunschweig?", ich hielt Igor den geöffneten Chat hin und setzte mich auf. "Wenn Sudden so etwas schreibt... Ja.", Igor fuhr sich durch seine langen Haare und zog seine Cap wieder auf.

POV: Melina

Steven und ich beendeten gerade das Mittagessen, schweigend blickten wir uns an. Die Kommunikation zwischen uns hatte stark abgenommen. An Abenden, die wir zusammen verbrachten, saßen wir schweigend vor dem Fernseher. Kuscheln, nebeneinander oder miteinander schlafen fühlte sich nach dieser kurzen Zeit wie eine Selbstverständlichkeit an. Steven schob den Stuhl am Esstisch zurück und erhob sich; er nahm unsere Teller sowie Besteck und stellte sie auf der Arbeitsplatte ab, bevor er die Klappe des Geschirrspülers öffnete.
"Hase?", kleinlaut sprach ich fragend seinen Kosenamen aus, während ich an dem Etikett der mit Club-Mate gefüllten Flasche pulte.
"Ja?", sein Ton war recht kühl, Steven sah mich nicht mal an, sondern sortierte die verschmutzten Töpfe in die Spülmaschine ein. "Ist... Ist alles gut... Bei uns?", fragte ich traurig gestimmt und wendete meinen Blick von der durchsichtigen Glasflasche ab.
"Ich weiß nicht, sag du es mir.", sprach er trocken und sah mich ebenfalls an.
"Was? Wie... Wie meinst du das?", sein Blick und seine abweisend wirkende Art schlug mir auf den Magen, innerlich setzte ich mich selbst unter Druck, eine passende Antwort parat zu haben. "Süße, mir kommt es so vor, als würde jeder von uns beiden diese Beziehung an einem anderen Platz seiner Prioritäten einordnen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie froh ich bin, dass du den Kontakt zu deinem Vater hast, den du dir immer gewünscht hast. Aber seit Wochen bist du nur noch mit ihm verplant.", Steven atmete tief durch und schloss den Geschirrspüler.
"Ich frage doch nicht umsonst, ob du mitkommen magst, Hase.", gab ich leicht enttäuscht von mir.
"Ich würde aber gern mal wieder etwas mit meiner Freundin unternehmen und nicht nur, wenn ihr Vater dabei ist. Wir beide haben genug Freizeit, trotz dass ich mal jobbe, haben wir genug Zeit. Ich will damit nicht sagen, dass wir jede Minute aufeinander hocken müssen, aber einfach mal wieder Ewigkeiten Hand in Hand durch die Straßen irren oder ziellos durch die Gegend fahren, bis wir einen für uns perfekten Ort finden. Ich wollte mit dir am Valentinstag abends ins Kino gehen und dir anschließend eine der schönsten Ecken Braunschweigs zeigen, du hast nicht mehr auf meine Nachrichten am Abend reagiert und als ich geklingelt habe, hat auch keiner aufgemacht.", ein trauriger und verletzter Blick war in seinen Augen zu erkennen. Steven lehnte sich gegen die Küchenzeile, er fuhr sich kurz durch die Haare und verschränkte seine Arme vor seinem Oberkörper. Auf dem Tisch vor mir stellte ich die Glasflasche ab, die abgerissenen Fetzen des Etiketts legte ich daneben; ich stützte meine Arme auf die Tischplatte und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Gedanklich ging ich die vergangenen Wochen durch und suchte krampfhaft nach einer Erinnerung, die ich mit Steven teilen konnte, vergeblich. Ich schluchzte und begann zu weinen. "Es tut mir so leid... Ich...", langsam hob ich meinen Kopf und wischte mir die ersten Tränen von meinen Wangen. "Ich wollte dich damit nicht verletzen. Wie... Wie konnte ich dich nur so vernachlässigen." Steven kam langsam auf mich zu und hockte sich neben mir auf den Fußboden, ich drehte mich zu ihm und er nahm meine Hände. Ein sanfter Kuss traf die Knöchel meiner Finger und ich sah in seine braunen Augen.

POV: Steven // Sudden

"Die coolen Kids von damals, das waren wir
Und das erste Mal blau war ich mit dir
Es ist so lange her und so viel passiert
Doch wir sind immer noch hier und wir sind immer noch wir
Ein Leben wie ein Gemälde - kaputt und verschmiert..."

Nach dem klärenden Gespräch mit Melina am Mittag ging es mir deutlich besser, nachdem sie sich ursprünglich die ganze Schuld an der Situation unserer Beziehung geben wollte, konnte ich ihr diese Angst ein wenig nehmen, da ich auch eher hätte etwas sagen können. Melina nahm nun einen Termin bei ihrem Therapeuten wahr und die Zeit danach war für uns reserviert. Ich hatte mich gerade auf meinem Sofa niedergelassen und den Fernseher angeschaltet, als es an der Wohnungstür klingelte. Als ich die Tür öffnete, sah ich in die Gesichter von Tim und Igor.

"Ich glaube, das hat sich schon geklärt.", lachte ich gerötet und kratzte mich am Hinterkopf.

Verloren - 3Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt