Ein armer Tropf

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26. März 1822
Atlantik, zwischen den Inselgruppen der Bahamas

„Von Katzen versteht niemand etwas, der nicht selbst eine Katze ist."
~ Natsume Sôseki

Das Licht der untergehenden Sonne malte Schatten auf die Gesichter der Besatzung

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Das Licht der untergehenden Sonne malte Schatten auf die Gesichter der Besatzung. Prüfend schritt Anne an den aufgereihten Männern und Frauen vorüber. Dabei hielt sie Jacks Liste in der Hand, auf welcher er einen jeden Namen der Crewmitglieder festgehalten hatte.

Schnell stand fest, wer Samuel zur Flucht verholfen hatte, um am Ende das Beiboot mit ihm zu besteigen und das Weite zu suchen. Ihr Herz trommelte wild in ihrer Brust, als sie zum letzten Mal die Augen über die Wartenden wandern ließ, in der Hoffnung, Piet oder Desna doch noch unter ihnen auszumachen. Aber die beiden waren nicht länger hier. Das wurde ihr schmerzlich bewusst, als sie für wenige Atemzüge in Jaspals bleiches Antlitz sah, den der Verlust seiner Schwester noch tiefer treffen musste.
Die anderen drei Männer waren ihr gleich, hatten sie immerhin keinen Platz in ihrem Herzen. Sie knirschte mit den Zähnen, während sie versuchte sich darüber klar zu werden, was ihre geglaubten Freunde dazu bewogen hatte, sich einem Verräter anzuschließen. Doch im Grunde war es egal, was hinter ihrer Entscheidung steckte. Sie waren fort, hatten Vertraute und Familie eingetauscht, was sie keinen Deut besser machte, als Cherleton selbst.

„Lass mich los, verdammte Scheiße!", drang Bens entrüstetes Lallen an ihr Ohr und holte sie ins Hier und Jetzt zurück.
Sie wandte sich zu Jonah um, der die hagelvolle Ratte an Deck zerrte und ihn zu den anderen stieß. „Wenn du weniger saufen würdest, wäre ich nicht gezwungen, dich wie einen sturen Hund hinter mir herzuschleifen!", erwiderte der Steuermann ebenso laut.

„Es ist Schwachsinn, dass wir hier alle antanzen, nur weil dieses Weib es verlangt!", echauffierte Ben sich weiter und deutete geradewegs auf Anne, die lediglich die Augenbrauen anhob. Sie war sein versoffenes Gehabe bereits gewohnt, aber seit Jonah ihr das Kommando zugesprochen hatte und sie aufgebrochen waren, um Jack zu befreien, hatte er keinen noch so kleinen nüchternen Moment mehr erlebt. Er gab sich dem Rum und dem Whisky hin, als wären jene die warmen Schöße zweier Huren, in denen er Trost suchte, aber keinen fand.

„Sie spielt sich auf, als wäre sie die verschissene Königin der Welt!" Er wandte sich den Aufgereihten zu, die ihn still musterten. Noch so eine Sache, die sich verändert hatte, seit Jack nicht länger anwesend war. Früher wurden Späße nur zu gerne auf Kosten anderer gerissen. Zu jeder anderen Zeit hätten sie sich, spätestens jetzt, da Ben stolperte und auf den Dielen landete, nachdem er sich dreimal um die eigene Achse gedreht hatte, lachend die Mäuler über ihn zerrissen. Aber statt amüsierten Gegröle herrschte beinahe schon eisiges Schweigen, während sie ihm alle dabei zusahen, wie er sich aufrappelte, nur um beinahe wieder auf seinen vier Buchstaben zu landen, hätte Read ihm nicht unter die Arme gegriffen. Zornesröte lag auf seinen Wangen, als er die Schiffsärztin musterte. „Noch so ein Weib, von dem wir uns viel zu viel sagen lassen! Verdammt! Sind wir Memmen oder Männer?"

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