Winston Asbury

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13. April 1822
Vor Floridas Küste

„Und ich versteh‘ die Ängste, die du hast, was dich quält jede Nacht. Hör was du redest im Schlaf.“

Sie hatte ihn glauben lassen, sie schliefe tief wie die Steine am Grund des Meeres

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Sie hatte ihn glauben lassen, sie schliefe tief wie die Steine am Grund des Meeres. Dabei war sie wach gewesen, noch ehe er aus seinem unruhigen Schlaf aufgeschreckt war. Sie hatte ihn beobachtet, wie er sich von dunklen Alpträumen geplagt hin und her gewälzt hatte, wie ihm die kalten Schweißtropfen auf die Stirn getreten waren und seine Lippen geräuschlose Wörter geformt hatten.

Mehrmals war sie in Versuchung geraten ihn zu wecken, aber dann hätte sie ihm entweder erklären müssen, weshalb sie selbst keinen Schlaf fand, oder ihn belügen müssen, dass er der Grund dafür war, dass sie die Augen nicht länger hatte geschlossen halten können. Beide Varianten waren ihr inakzeptabel erschienen, also hatte sie den Entschluss gefasst, so zu tun, als wäre sie tief im Reich der friedvollen Träume versunken.

Es hatte nicht lange gedauert, bis er sich angezogen hatte und in die Dunkelheit der Nacht entschwunden war, die nur hier und dort von ein paar Lampen durchbrochen wurde.

Sie selbst hatte nach seinem Weggang einige Zeit an die Decke gestarrt. Wie lange genau wusste sie nicht. Aber irgendwann waren die Gedanken nicht mehr länger tragbar gewesen. Die Gewissensbisse. Und diese eine Frage, die ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, seit sie Winston im Bauch der Guardian zurückgelassen hatte.

Marys Tee hatte geholfen. Er hatte ihr traumlose Nächte beschert. Stunden in einem tiefen Schwarz. Und dennoch. Jedes Mal, wenn sie wach geworden war, waren die finsteren Vorstellungen zurückgekehrt. Sie hatten ihre Klauen tief in ihr Bewusstsein gegraben, hielten sie gepackt und dachten gar nicht daran, sie wieder freizugeben. Es trieb sie in den Wahnsinn. Sie war nicht länger Herrin ihrer Sinne. Wenn sie nicht wollte, dass ihre Dämonen ihr auch tagsüber begegneten, dann, wenn sie sie ganz und gar nicht gebrauchen konnte, musste sie schleunigst etwas dagegen unternehmen.

Wenn du versuchst die Schatten zu überdecken und zu ignorieren, werden sie hinter deinem Rücken wachsen und dich verschlingen.
Das hatte Read vor acht Tagen zu ihr gesagt, als sie des nachts auf der Suche nach einem Mittel, das sie vergessen ließ, in ihre Räumlichkeiten gekommen war. Und da war noch etwas gewesen. Die Ärztin hatte ihr angeboten, sich anzuhören, was ihr schwer wie ein Schiffsanker auf der Seele ruhte.
Vielleicht sollte sie es wagen. Faselte Mary nicht stets irgendwas von Schweigepflicht? Das bedeutete doch, dass sie Jack nichts von dem erzählen durfte, was Anne ihr anvertraute.

Sie atmete tief durch, setzte sich auf und fuhr sich mit der flachen Hand durch das Gesicht, bevor sie sich ganz aus dem Bett quälte und in ihre Kleidung schlüpfte. Kurz fiel ihr Blick dabei auf das rote Kleid, das noch immer auf dem Boden lag. Dort, wo Jack es ihr von den Schultern gestreift hatte. Erst lächelte sie bei der Erinnerung an die heiße Leidenschaft, die sie einander vor wenigen Stunden entgegengebracht hatten. Doch als sie den samtenen Stoff von den Dielen hob, um ihn sorgsam zu Jacks Hemd und Jacke über den Stuhl zu hängen, drängte sich die eine Frage wieder in den Vordergrund ihres Bewusstseins.

Ink & PoisonWo Geschichten leben. Entdecke jetzt