Ratten weinen nicht

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08. April 1822
Atlantik, Kurs Richtung Florida

"In the shape of skins of sirens, he's induced me with his song
Trying to choke me and leave me in my sleep
Don't wake me up before the demon takes my soul
Fear and anger made my face turn white as snow
My blood turned cold as ice, my legs began to shake
There was no way I was gonna let the demon win" - The Siren, Graveyard

Ben Scarlett

Ihm war heiß. Unglaublich heiß. Heute Nacht schwitzte er so stark, dass ihm die hohe Luftfeuchtigkeit der Karibik mehr denn je zu schaffen machte. Seit er vor ein paar Tagen zusammengebrochen und irgendwann aus Träumen wieder aufgewacht war, von denen er nicht wusste, ob sie Halluzination oder Wahrheit waren, wurde es schlimmer. Gleichzeitig fühlte sich sein Mund so trocken an, dass er alles für einen Becher Bier gegeben hätte. Oder auch nur einen Fingerhut voll Schnaps. Seine Hände und Gliedmaßen zitterten inzwischen so unkontrolliert, dass er kaum mehr einen Becher hätte halten können, sei es mit dem einen oder mit dem anderen Getränk. Aber die rothaarige Hexe, die sich Schiffsärztin schimpfte, hatte es ohnehin verboten. Alles, was neben ihm stand, war Wasser, Tee und die ekelhafte Brühe, die ihm seit Tagen zu den Ohren heraus hing.
Immerhin war endlich die verfluchte Sonne untergegangen, die ihn des Tages schlimmer blendete, als das Licht Gottes den Teufel selbst, sodass er es nur mit geschlossenen Vorhängen in diesem verfluchten Krankenlager aushielt.

Ben fluchte laut. So laut, dass der Junge zusammenzuckte, der unweit von ihm den Boden schrubbte. Rian oder Xian war sein Name, das wusste er inzwischen. Read hatte ihn zurückgelassen, damit er ihr bei jeglichen Veränderungen Bericht erstatten konnte. Was auch immer für Veränderungen sie gemeint hatte.

"Komm her, zum Henker!"
Der Junge sah unbeeindruckt durch seine hässlichen, schlitzartigen Augen zu ihm auf und schüttelte stumm den Kopf.
"Ich sagte, komm her!"

Der Junge seufzte, warf die Bürste in den blechernen Eimer, sodass es schepperte und platschte und begab sich an seine Seite. Außerhalb seiner Reichweite blieb er stehen. Ben verengte die Augen zu Schlitzen, um ihm einen ähnlich abwertenden Blick zu schenken.
"Gut so!", fuhr er ihn an. "Und jetzt wirst du an das Regal dahinten gehen, und mir einen Becher mit dem Alkohol dort vollmachen. Los, sonst werde ich ..."

"Was wirst du?", hallte die tadelnde Stimme des Käpt'ns durch das Zwielicht des Raumes.
Ben fuhr herum. Verflucht, hatte er die Tür nicht gehört?
Schneller, als er sich eine passende Ausrede hätte überlegen können, hatte sich Jack an seine Seite begeben und sich auf einem der Schemel niedergelassen, die sich an seinem Lager befanden. "Ben, du sollst dein Bett nicht verlassen, hast du das vergessen?" Die Worte seines Käpt'ns klangen sanft und nachsichtig in seinen Ohren, doch Ben durchfuhr eine neue Welle der Unruhe, als er eine zweite Person bemerkte. Sein Herz flatterte wild und haltlos, wie ein loses Segel im Wind.
"Scheiße! Du hast deine nervige Frau mitgebracht!", entfuhr es ihm.

„Und diese nervige Frau wird sich jetzt ungestört mit dir unterhalten", entgegnete Anne und schickte den jungen Kerl, der auf ihn aufpassen sollte, mit einer Handbewegung fort. Abschließend sah sie Jack auffordernd an.

Entsetzt beobachtete Ben, wie dieser ihr ein zweifelndes Nicken schenkte. Als würde er sie stumm danach fragen, ob sie sich sicher war, dieses Gespräch ohne ihn führen zu wollen.
Bah! Diese intime Verbindung, die ganz ohne Sprache auszukommen schien, ekelte ihn an. Dennoch hörte er Jacks leises Flüstern kommentarlos mit an, als er sprach.
"Ich warte vor der Tür auf dich."
Ben sah ihm nach, und nachdem er den Raum verlassen hatte, konnte er ein
"Aye! Verpiss dich, du Wichser!" Nicht mehr länger unterdrücken.

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