Nassau. Das Reich der Piraten. Klares Gewässer, Sonne, Gleichgesinnte und endlich kein Bedarf mehr, ihre Liebe zueinander geheim zu halten.
Alles scheint perfekt, die gemeinsame Zukunft gesichert und nichts dem Abenteuer des Lebens mehr im Wege.
Do...
“You wanna take a drink of that promise land You gotta wipe the dirt off of your hands Careful son, you got dreamer's plans But it gets hard to stand” - Fleurie &TommeeProfitt - Soldier
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Es war bereits Abend, als sie endlich in Nassaus Bucht einliefen. Jack stand vorne am Schanzkleid der Searose und versuchte die Insel aus der Sicht eines angreifenden Marineoffiziers zu erfassen, doch im roten, feurigen Licht der untergehenden Sonne wollte es ihm kaum gelingen. Die stolzen Schiffe und baufälligen Häuser verschmolzen an den Grenzen mit der Vegetation des Dschungels und breiteten sich vor ihm aus wie auf einem Präsentierteller, während sie die Engstelle der Bucht durchquerten.
Wie? Zur Hölle, wie?
Das verflucht flache Eiland war beschissen schwer zu verteidigen.
Jack kratzte sich am Arm. Die Haut unter seinem linken Ärmel kribbelte unangenehm, als würden Ameisen darüber laufen, wenn er sich bewegte. Der Schnitt war zwar verheilt und die Reste des Schorfes blätterten ab, doch bisweilen fühlte es sich seltsam an. Er spannte die Muskeln an und ballte die Hand zur Faust. Es half kaum. Energisch schob er den Gedanken beiseite. Er musste sich auf Wichtigeres konzentrieren.
Es ging ihm verflucht gut. Dafür, dass die Navy ihn in den vergangenen Wochen bereits zweimal in ihren Fängen hatte, dass er ertrunken war, an krankhafter Schlaflosigkeit gelitten und beinahe seinen Bruder verloren hatte, missbraucht und ausgepeitscht worden war, stand er verdammt aufrecht auf seinen zwei Beinen. Und sein Schlaf glich dem eines unschuldigen Babys.
Wenn nur dieser beschissene Nebel aus seinem Hirn verschwinden würde. Heute Mittag war er über das Deck gelaufen und mit seinem Stiefel in eine frisch kalfaterte Stelle getreten. Der Teer haftete jetzt noch an seiner Sohle und das klebrige Gefühl bei jedem Schritt nervte ihn zutiefst.
Mit routinierten Handbewegungen drehte er sich eine Zigarette und zog einige Male daran. Sofort entspannte sich sein Körper und er fühlte wie seine Knie bereits weich wurden, doch die Wirkung des puren Tabaks hatte nichts mit der des präparierten Rauchwerks gemeinsam. Enttäuschung machte sich in ihm breit und ließ seine Muskeln verkrampfen.
Anne schob sich still an seine Seite und ließ seinen Blick ebenso wie er über die Stadt schweifen, während sie sich einem der weit in die Bucht hinausragenden Piere näherten. Für einen kurzen Moment betrachtete er ihr Profil von der Seite.
Er hatte die letzten paar Tage dazu genutzt, seinen Kopf auf Annes Beine zu betten und vor ihr einen ganzen Teppich aus Angst, Abscheu, Zweifeln und Dunkelheit auszubreiten, den sie sich schweigsam und wertungsfrei angehört hatte. Und danach hatte er sich tatsächlich besser gefühlt.
Er hatte nichts ausgelassen.
Fast nichts.
Er glaubte nicht, dass Anne es als gut befunden hätte, wenn er ihr von der Medizin erzählte, mit der er sich selbst behandelte. Aber in diesem Moment trieb es ihm beinahe die Schweißperlen auf die Stirn, seine Konzentration nicht zu dem Traum aus goldenem Glück schweifen zu lassen, sondern auf das Geschehen vor ihm zu richten. Ungesehen schob er sich zwei der Blätter der irren Hexe zwischen die Zähne, als er der Gestalten gewahr wurde, die sich auf dem Pier sammelten, den sie ansteuerten. Zehn Männer. Vielleicht ein Dutzend. Mit Fackeln. “Seine Majestät erwartet uns offenbar”, knurrte er durch zusammengebissene Zähne.