Felicité schlenderte mit wehenden Rocksäumen über das desaströs zugerichtete Deck. Der Sturm war abgeklungen. Der Rest der Mannschaft, der nicht tot oder verletzt im Krankenlager war, hielt sich stumm an das Schanzkleid der Searose gedrückt.
Pierre-Jacques folgte ihren Schritten und rieb seinen missgestalteten Kopf an einer der zerfetzten Planken, die fast senkrecht nach oben zeigte und auf Hüfthöhe zerbrochen war.
Felicité beugte sich zu ihm herab, kraulte ihm den Nacken, ehe sie ihren Blick über die Schäden der Fregatte schweifen ließ. Ein Kichern entfuhr ihren trockenen Lippen.
“Himmel, was für ein Finale. Hätte der verfluchte Käpt'n der Aurora nur ein Stück tiefer zielen lassen, lägen wir wohl allesamt am Grunde des Ozeans.” Auch wenn der Inhalt ihrer Worte hart war, klang ihr Tonfall lediglich erheitert. Als würde sie während eines Teekränzchens über ein mildes, sommerliches Gewitter plaudern. Vergnügt griff sie nach einem hölzernen Splitter und betrachtete ihn glücklich. “Es wird ziemlich lange dauern, das alles zu reparieren.” Ihr Blick glitt zu den schwarzen Segeln, von denen ebenfalls einige in Fetzen hingen.
“Das war also der Untergang der Piraterie. Das Ende von Blackbeards Königreich. Schade drum.” Sie zuckte mit den Schultern. “Auch die arme Ratte und ihr Bein… Sehr bemitleidenswert.” Ihre Lippen verzogen sich zu einem unterdrückten Grinsen. Als würde es ihr nicht gelingen, die Menge an Mitgefühl auszudrücken, von der sie eigentlich wusste, dass es angebracht war. Ein amüsiertes Prusten unterband ihr falsches Spiel schließlich.
“Nun gut.” Sie machte eine wegwedelnde Handbewegung. “Ich soll euch ein Nachwort sprechen. Eines, das den Dank der Autorinnen ausdrückt, dass ihr alle so fleißig und treu bis zum Ende dabei wart.” Sie hob den Blick zum Himmel, als könnte sie durch ein zweifelndes Heben ihrer intakten Augenbraue ausdrücken, wie wenig sie daran glaubte, die richtige Person für dieses Unterfangen zu sein. “Man könnte fragen, wer hier wirklich vom Wahnsinn befallen ist. Aber gut.”
Sie starrte in die Menge der versammelten Gesichter. “Danke.”
Stille.
Grimmig verschränkte sie die Arme vor der Brust. Ein ungeduldiges Seufzen schloss sich der Geste an.
"Kein Applaus?”, fragte sie verständnislos.
Vereinzeltes Klatschen.
Aufgebracht stemmte sie die Hände in die Hüften.
“Ich warne euch. Ich habe einem jeden von euch bereits in Kapitel 10 etwas in eurer Getränk getan, als ihr mich das erste Mal mit eurem Käpt'n in meinem Kräuterladen aufgesucht habt. Welches Gebräu auch immer ihr beim Lesen dieser Geschichte genossen habt. Sei es Tee, Wein, Bier, Whisky, Rum…. Der Geschmack eines Giftes wird von vielem maskiert. Es fehlt lediglich ein kleiner Zauberspruch und…”
Ihre Worte wurden von plötzlichen Schritten unterbrochen, die sich ihr näherten und einen Atemzug später riss Anne sie am Arm herum.
“Was machst du, verfluchte Herrin der Gifte? Du sollst unsere Leserschaft gebührend verabschieden, nicht ihnen mit dem Tode drohen!”, fuhr sie sie an.
“Das habe ich versucht und trotzdem sitzen alle noch hier und wollen diesen Schauplatz nicht verlassen, sieh sie dir an!” Wütend deutete sie auf das irritiert verstummte Publikum. “Wenn du es so viel besser kannst, mach es selber!”, zischte sie.
Anne rieb sich über die Stirn.
“Ich muss Jonah dabei helfen, diesen Haufen an Holz zusammenzuhalten, Felicite! Bei jeder einzelnen Woge, die unseren Bug trifft, habe ich Angst, dass die Searose bei der nächsten auseinanderbricht!"
Felicite verschränkte erneut die Arme vor der Brust.
“Ach und ich drohe ihnen mit dem Tod?” Fragend hob sich ihre verbliebene Augenbraue. “Vielleicht wäre es besser gewesen, der Leserschaft ein richtiges Ende zu gönnen, anstatt dieser furchtbaren Aneinanderreihung an Katastrophen, aus denen dieser Teil besteht? Ich hörte, in der Geschichte, die zuvor erzählt wurde, gab es sogar einen glücklichen Ausgang!”
Sie sah zu, wie Anne unangenehm schluckte.
“Es wird nie wieder ein glückliches Ende geben”, gab Anne leise zu.
Felicite entfuhr ein weiteres erheitertes Kichern. Auf einen bösen Blick von Anne hob sie nur abwehrend die Hände. “Ich habe mich echt nicht um diese Aufgabe gerissen!”, hob sie an.
Anne schüttelte genervt den Kopf. Dann wandte sie sich an das Publikum. “Wir sind euch unendlich dankbar, dass ihr durch all die Dunkelheit und all die schlimmen Dinge mit uns gesegelt seid! Besonders euch wollen wir uns erkenntlich zeigen. *Namen einfügen*.
“Dann ist es also wahr?”, wandte Felicite ein “Es gibt keine erlösende Pointe, die dieses miese Gefühl wieder bricht? Mit dieser irren Hure der Navy an Bord, einem Schiff, das halb auseinanderfällt, einer Flotte schießwütiger Marinebastarde im Rücken, einem Maat der sein Bein und womöglich viel mehr verliert und einem Käpt'n, der sich sein Herz entzweireißen lässt und seinen Verstand irgendwelchen Rauschgiften opfert?”
Anne schwieg lange und hielt den Blick zu Boden gerichtet, ehe sie den Kopf schüttelte.
“Ist wenigstens dieser Hurensohn von Cherleton wirklich gestorben?”
Ein Schulterzucken.
Felicites Grinsen entblößte ihre Zähne, die im Licht der Morgendämmerung fast unnatürlich weiß erschienen.
“Bei allen Göttern. Ich liebe diese triste Hoffnungslosigkeit”, gab sie voller Vorfreude zu. Dann hob sie den Zeigefinger.
“Was euer Käpt'n angefangen hat, zu sich zu nehmen, existiert nicht wirklich. Morphium wurde erst vor ein paar Jahren aus Opium isoliert und es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass es innerhalb weniger Jahre den Weg bis in die Karibik gefunden hat. Auch die Art und Weise des Konsums hat nichts mit der Realität zu tun und wenn man Heroin oder andere Opiate tatsächlich durch den Vorgang des Verbrennens rauchen würde, würde einem viel der wundervollen Wirkung abhandenkommen.” Sie musterte die Menge mit stechendem Blick. “Diese falsch dargestellte Art des Konsums ist beabsichtigt, damit ihr nicht auf abwegige Gedanken oder gar in die Versuchung kommt es nachzumachen! Klar? Lasst die Finger von den Drogen! Ihr verpasst nichts.”
In einem abrupten Themenwechsel fuhr sie fort. “Wenn also Tränen, Wahn und Hinrichtungen eure schwarzen Herzen höher schlagen lassen, dann haltet die Augen auf. Der letzte Teil. Hearts & Graves. Unser Ende. Es wird schon bald am Horizont aufziehen.”
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Ink & Poison
AventureNassau. Das Reich der Piraten. Klares Gewässer, Sonne, Gleichgesinnte und endlich kein Bedarf mehr, ihre Liebe zueinander geheim zu halten. Alles scheint perfekt, die gemeinsame Zukunft gesichert und nichts dem Abenteuer des Lebens mehr im Wege. Do...
