Am Ende war da Licht (Epilog)

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27. April 1822
Nassau

"But it feels like an eternity since I had you here with me. Since I had to learn to be someone you don't know."
- Eternity Alex Warren

Ihre Truppe war nicht mehr gewesen als ein reines Himmelfahrtskommando, weshalb er nicht länger an der Seite der britischen Soldaten verweilt war, als es nötig gewesen wäre

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Ihre Truppe war nicht mehr gewesen als ein reines Himmelfahrtskommando, weshalb er nicht länger an der Seite der britischen Soldaten verweilt war, als es nötig gewesen wäre.
Kaum dass sie Oberon in Flammen aufgehen lassen und Titania übernommen hatten, hatte er sich von ihnen entfernt und außer Reichweite des Kriegsgeschehens begeben.

Hier, gut eine Meile entfernt vom Gefecht, hatte er sich niedergelassen und nach dem Fernrohr gegriffen, das er Bolitho für seine Mission hatte abschwatzen können. Angeblich, um die Lage in Nassau vor ihrem Einfallen in die Stadt auszuspähen und festzustellen, wie sie sich am besten an die beiden Wehrtürme anschleichen konnten. In Wahrheit aber, um sich damit aus dem Gefahrengebiet zu begeben und die Lage auf dem Meer im Blick zu behalten. 

So blendete er die Schussgeräusche, das Donnern der Kanonen, die Schreie und den prasselnden Regen aus und konzentrierte sich einzig und allein auf die Schlacht, die sich die Searose mit der Aurora lieferte.

Noch immer herrschte Nacht um sie herum, doch der Ozean stand förmlich in Flammen und erhellte die Seegefährte ausreichend, um ihn grob erkennen zu lassen, was vor sich ging.

Felicité hatte das Naft zum Einsatz gebracht. Züngelnde Flammen kämpften sich Bolithos Heck nach oben, während die Aurora noch immer mit Calicos Fregatte verhakt war.

Samuel knirschte mit den Zähnen. Er hatte gewusst, dass Adam versessen darauf war, Jack zur Strecke zu bringen, doch dafür sogar das eigene Schiff zu opfern? Nicht ein einziges Mal hatte die Marine bisher auf die Piraten gefeuert und wenn Calico nicht zusah, dass er seine Searose von dem dem Untergang geweihten Seegefährt befreite, dann würde sie mit ihm in den tosenden Fluten versinken.

Und Anne ... Jack hatte ihr zwar das Schwimmen beigebracht, aber bei diesem überwältigenden Wellengang hatte selbst der kräftigste Schwimmer keine Chance.

Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen. So war das nicht geplant gewesen! Verdammt ... wie hatte es diese vermaledeite Crew nur geschafft, sich so schnell an ihrem Deck einzufinden? Calico oder Anne, einer von beiden, musste die Lunte gerochen und die Männer und Frauen schon vorher zurückgeschickt haben.

Jetzt.

Die Leinen lösten sich voneinander, die Searose trieb der Aurora davon. Ein ohrenbetäubendes Donnern folgte, als Bolitho schließlich doch noch seine Kanonen abfeuern ließ. Auf die Entfernung erkannte Samuel, dass eine Kugel die Bordwand des Piratenschiffs durchbrach. Die Schmerzensschreie einiger Männer wehten über die Fluten zu ihm hinüber und ließen ihn genüsslich das Gesicht verziehen.

Hoffentlich, so dachte er, hat es Calico Jack erwischt.

Noch während er sich das Szenario vor seinem inneren Auge ausmalte, wie der ihm verhasste Käpt’n sich auf den Planken krümmte und seinen Lebensodem aushauchte, drangen die Geräusche schwerer Schritte an sein Gehör. Stiefel zertrampelten das nasse Gestrüpp, bewegten sich direkt auf ihn zu. Sich darüber ärgernd, dass ihm nicht einmal dieser kleine Tagtraum vergönnt war, fuhr er herum und griff in der selbigen Sekunde nach seiner Schusswaffe.

Zu spät.

Ihm blieb die Luft zum Atmen weg, während er nach hinten taumelte und stürzte. Ein stechender Schmerz breitete sich von einem Punkt knapp unter seinem Schlüsselbein aus, fraß sich durch seine Venen, jagte durch sein Blut und nahm ihm die Fähigkeit einen weiteren klaren Gedanken zu fassen. Die nächste Kugel versenkte sich knapp unterhalb seines linken Knies.

Eine aufgeregt klingende Stimme vermischte sich mit all den anderen Lauten im Hintergrund. Die Bedeutung der gerufenen Worte drang allerdings nicht mehr zu ihm durch.

Er lag dort im Dreck, die Hand auf die heiß blutende Wunde am seiner Brust gepresst und starrte in den dunklen Himmel. Der Sturm kannte keine Gnade mit ihm, tobte unablässig weiter und sandte seine regentropfenförmigen Soldaten auf die Erde hinab, auf dass sie seine Tränen nicht erkennen ließen.

Seine Glieder wurden träger, seine Haut erkaltete zunehmend und seine Augenlider nahmen das Gewicht von schweren Goldmünzen an.

Zunächst kämpfte er noch gegen das Bedürfnis an, sie zu schließen. Doch dann ergab er sich der Schwerelosigkeit. Bilder zuckten durch seinen Verstand. Anne Bonny, wie sie in seinen Armen lag und er sie in einem Tanz durch ihr Gästezimmer wirbelte. Ihr Mund, der den seinen in Harwich nur zu bereitwillig geküsst, ihre Schenkel, die sich ihm in froher Erwartung geöffnet hatten.

Langsam formte sich ein Lächeln auf seinen zitternden Lippen. Wenn er schon sterben musste, dann zumindest mit dem Geiste an der Stelle seiner Vergangenheit, in der noch alles gut gewesen war.

Das letzte, was er sah, war ein gleißendes Weiß. Einer von Friedrichs Bibelversen schloss sich ihm gedanklich an. Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Und so ließ Samuel schließlich los, löste sich von der Dunkelheit und folgte dem sanften Ruf des Todes.

Ink & PoisonWo Geschichten leben. Entdecke jetzt