21. April 1822
Atlantik, Kurs Richtung Nassau
"For you I would cross the line. I would waste my time. I would lose my mind."
~ Don't blame me, Taylor Swift

Der scharfe Geschmack des Ingwers stach in seinen Gaumen, während er an der Reling der Aurora stand und die schäumenden Wogen beobachtete. Der Wellengang war ausgeprägter als in den vergangenen Tagen, noch dazu kam es, dass Bolithos Schiff sich auf dem Ozean ganz anders verhielt, als die Searose. Es schlingerte viel mehr. So zumindest schien es ihm. Vielleicht war es in Wahrheit aber auch nur dem Opium Entzug zuzuschreiben, der ihn bereits am zweiten Morgen nach dem Ball völlig außer Gefecht gesetzt hatte.
Bolitho hatte um seine besonderen Umstände gewusst, doch anstelle ihm ein neues Fläschchen des Wundermittels zur Verfügung zu stellen, hatte er dafür gesorgt, dass er seinen Schlafraum nicht mehr verließ. Es war nicht so, als hätte er das Zimmer abschließen lassen, aber die zwei Männer, die vor der Tür postiert gewesen waren, hatten ihn nicht einen Fuß über die Schwelle setzten lassen. Bis heute. Und auch jetzt trieben sie sich in seiner Nähe herum, als hätten sie nichts besseres zu tun. Dabei hörte er ihr Getuschel und die Worte, die sich über ihn lustig machten.
Er rieb sich die Stümpfe seiner abgetrennten Finger. Fieber. Noch immer plagte es ihn. Aber es war besser geworden. Heute fühlte er sich zumindest wieder in der Lage zu stehen und mit Bolithos Erlaubnis seine nach Kotze stinkende Kajüte zu verlassen, die er sich mit seinen Begleitern teilte. Obgleich er die Golden Brüder kaum und Piet gar nicht zu Gesicht bekommen hatte, seit sie Kurs auf Nassau genommen hatten. Nur Desna war die ganze Zeit über an seiner Seite geblieben, hatte seine Wahnvorstellungen ertragen, ihm die Stirn gekühlt, die Schwalle an Erbrochenem weggewischt und ihm die scheißnassen Haare gewaschen. Wahrlich, das indische Mädchen war ein Geschenk Gottes und zuweilen musste er zugeben, dass es ihm gefiel, wie sie ihn anschmachtete. Selbst in den Stunden, in denen er sich wie das ekelerregendste Wesen auf der ganzen Welt vorgekommen war.
Wie Adams Wachhunde behielt auch sie ihn im Blick. Anders als die Präsenz der Männer, war Desnas zumindest halbwegs ertragbar. Er registrierte aus dem Augenwinkel, wie sie vorgab sein altes Hemd in einem Zuber zu waschen. Ein Hemd, das er sowieso niemals wieder tragen würde, denn an dem Stoff hafteten ebenso viele Erinnerungen an Anne und seinen Todfeind, wie in seinem Kopf herumspukten. Er hatte es getragen, als er zunächst Anne und dann Jack geküsst hatte. Erst hatte er die Süße der Liebe, dann die Bitterkeit des Hasses zu schmecken bekommen.
Seine Finger krallten sich in das glatte Holz der Reling. Kaum schloss er die Augen, hob sich Annes Antlitz von der Dunkelheit ab. Das rubinrote Kleid, das sich so perfekt an ihre Rundungen schmiegte. Die schwarzen Locken, die sich halb offen über ihre Schultern ergossen. Das Blaugrau ihrer Iriden, das vor Angst und Verachtung gleichermaßen funkelte.
Er hätte seinem Verlangen nachgeben, sie greifen und mit sich nehmen sollen. Es stand außer Frage, dass sie sich wiedersehen würden und das schon bald. Doch unter welchen Umständen? Die Marine würde Nassau vernichten und mit dem Piratenkönigreich würden all jene untergehen, die versuchten es zu verteidigen. Auch Anne.
Samuel blieb nur zu hoffen, dass es nicht die enge Umarmung des Todes sein würde, die sie erwartete. Noch hatte er die Möglichkeit sie zu retten. Er wusste, wie er es anstellen konnte. Sie musste nur diesen Krieg überleben.
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Ink & Poison
AdventureNassau. Das Reich der Piraten. Klares Gewässer, Sonne, Gleichgesinnte und endlich kein Bedarf mehr, ihre Liebe zueinander geheim zu halten. Alles scheint perfekt, die gemeinsame Zukunft gesichert und nichts dem Abenteuer des Lebens mehr im Wege. Do...
