Der Wankelmut eines Kusses

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15. April 1822
Atlantik, Kurs Richtung Nassau

“Ich wollte kein Chaos, ich wollte dich. Jetzt will ich geh'n, doch ich schaff es nicht."
- Chaos von Provinz

Er erwachte, weil Geräusche an seine Ohren drangen

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Er erwachte, weil Geräusche an seine Ohren drangen. Dumpf und unscharf, als befände er sich unter Wasser. Er wollte noch nicht zurück. Nicht aufwachen und der tiefen Dunkelheit des neuen Tages entgegensehen. Er wollte für immer hier bleiben. Unter einer fein gewebten Decke aus goldenem Glück.
Er empfand es als unendlich schwer die Lider zu öffnen und für einen kurzen Moment ließ er sich in die glitzernde und warme Traumwelt zurück gleiten.
Nur um festzustellen, dass sie nicht länger dort war. Lediglich ein leichtes Gefühl von Gleichgültigkeit und Taubheit, das ihn einhüllte. Er atmete tief ein und aus, ehe er sich dazu bereit sah, die Augen zu öffnen.

Dieses Mal war ihm nicht kalt. Er hatte es geschafft, sich bis zur Brust zuzudecken, ehe der Ohnmachts-gleiche Schlaf über ihn gekommen war. Er warf einen Blick nach links. Seine Koje war leer. Als er eine Hand auf die weißen Laken legte, realisierte er, dass noch immer die Wärme von Annes Körper daran haftete.
Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was das bedeutete. Sie war noch immer da. Noch immer nahe und hatte die gesamte Nacht an seiner Seite verbracht. Erleichterung machte sich in ihm breit. Und gleichzeitig die Sorge, dass es ihr nicht entgangen war.

Gestern hatte es unendlich lange gedauert, bis sie in einen Schlummer gefallen war, der von solcher Tiefe gewesen war, dass er sich endlich getraut hatte aufzustehen und sich selbst in den Schlaf zu zwingen. Er hatte ein Glas mit Wasser aus seiner Waschschüssel vorbereitet und eine neue Zigarette mit erheblich weniger der Substanz präpariert, als am Morgen zuvor. Dann hatte er sich niedergelegt, hatte ein paar Züge genommen und sobald sich der weiße Nebel vor seiner Stirn ausbreitete, hatte er den glimmenden Tabak in das Glas mit dem Wasser fallen lassen.
Er wandte den Blick. In dem Gefäß schwamm eine ekelhaft aussehende Mischung aus braunem, aufgeweichtem Tabak und Pergament. Er ließ seine Aufmerksamkeit weiter gleiten. Über das Kissen auf dem er gelegen hatte, das Bettlaken unter ihm und die Planken zu seinen Füßen. Kein Erbrochenes. Seine sorgsamen Vorbereitungen hatten Früchte getragen.

Er atmete tief ein und aus. Dann musste er husten. Ein widerlicher Geschmack breitete sich auf seiner Zunge aus und er schluckte ihn mühsam hinunter.
Ein paar weitere Minuten verstrichen, bevor er sich dazu in der Lage sah, sich aufzusetzen. Seine Beine wollten ihn kaum tragen und als er sich in Bewegung setzte, fühlten sich seine Füße an, als würde er auf Sand laufen, der immer wieder nachgab.

Er öffnete die Tür zur Kajüte und schaffte es nicht, Anne mehr als einen verschlafenen Blick zu zu werfen, die ihn überrascht und erwartungsvoll ansah. Stattdessen steuerte er seine Waschschüssel an, in die er sein ganzes Gesicht tauchte. Das frische, kalte Wasser legte sich auf seinen Gehörgang, die Geräusche verstummten auf eine angenehme Art und Weise und er schloss die Augen. Erst nach ein paar Sekunden gab er dem Reflex des Luftholens nach und zog sich aus dem kühlen Nass zurück. Im Spiegel sah er, dass Anne ihn zweifelnd beobachtete und so bedachte er ihr Abbild mit einem liebevollen Lächeln, ehe er begann, Seife aufzuschäumen und sich zu rasieren.
“Guten Morgen”, sprach er sanft.

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