Magenta

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Heute nehme ich absichtlich einen anderen Zug als letzte Woche. Ellas Rat schwirrt mir durch den Kopf und ich habe auch gestern keine weiteren Skizzen mehr angefertigt. Gleich heute Vormittag haben wir Abteilungsmeeting und besprechen, wie wir die Kampagne für die Coopers am besten angehen.

Maddie kommt mir strahlend entgegen, das Essigrot ist kaum zu sehen. Sie reicht mir einen großen Becher Kaffee und umarmt mich liebevoll. "Danke nochmal wegen Samstag, Ricardo," flüstert sie.
"Ich habe zu danken," antworte ich lächelnd. "Deine Tochter ist besser als jede Therapeutin."
Maddie lacht kopfschüttelnd und hebt den Zeigefinger, als sie noch einen Einfall hat. "Meine liebste Tochter hat mich mal wieder zur Botin gemacht und dir noch ein Bild gezeichnet." Schnell verschwindet sie in ihrem Büro und kommt dann mit einem weißen Blatt wieder. "Bist du jetzt auch unter die Geisterjäger gegangen?"

Verwundert schaue ich auf das Bild. Ich erkenne mich mit einem Fernglas in der Hand und im Hintergrund nur ganz feine Linien, die eindeutig einen Menschen ausmachen, der aber, wie Maddie schon bemerkt hat, fast wie ein Geist aussieht, da er kaum zu sehen ist. Das Einzige, was man gut erkennen kann, sind die chaotischen Haare der Figur.
Beim Anblick des Bildes durchfährt mich ein leichter Schauer und ich überspiele es mit einem Lächeln. "Sieht wohl so aus," sage ich augenzwinkernd und gehe in mein Büro, wo ich das Bild auf dem Tisch ablege.

Das Meeting für die Kampagne dauert etwa drei Stunden und beinhaltet Pläne zu TV-Spots, Online-Präsentation und Produktplatzierungen bei Influencern. Ich bekomme Aufgaben, den Fuchur mit den perlweißen Zähnen in allen möglichen Positionen vorzuzeichnen, damit man ihn möglichst vielseitig einsetzen kann. Dass der Indianerjunge Atreju eigentlich auch maßgeblich an dem Abenteuer beteiligt ist, scheint bei den Coopers in Vergessenheit geraten zu sein.

Zurück im Büro mache ich mich sogleich an die Skizzen auf dem Tablet, als Maddie den Kopf zur Tür hereinsteckt. "Ricardo?" fragt sie.
"Ja?" antworte ich völlig in Gedanken.
"Da ist ein Mann, der irgendwas für dich bringt."
Verwirrt schaue ich auf. Wer bringt mir etwas? Ich habe nichts bestellt und wenn, lassen Dean und ich unsere Sachen meist nach Hause oder zu ihm ins Restaurant liefern.

Ich danke Maddie und gehe nach vorn in den Eingangsbereich, wo ich für eine Sekunde stocke. Da steht der Mann aus der U-Bahn.
Mein Geist mit den Wuschelhaaren.

Alle möglichen Leute aus anderen Abteilungen oder Firmen, die ebenfalls auf unserer Etage sind, eilen an ihm vorbei und scheinen ihn gar nicht zu sehen. Für mich strahlt er wieder in einem hellen Perlweiß, wie er interessiert die Werbeplakate vergangener Kampagnen, die unsere Agentur bereits durchgeführt hat, betrachtet. In seiner Hand sehe ich zu meinem Erschrecken meinen Skizzenblock. Und dann auch noch den mit den schwarzen Seiten. Oh!

Da ich in der Vergangenheit schon mehrfach Skizzenblöcke verloren habe, habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, meine Visitenkarte in die Innenseite der Blöcke zu kleben. Bislang hat es gerade mal einer meiner verlorenen Blöcke in einem abgeranzten Briefumschlag per Nachporto zurück in die Agentur geschafft, alle anderen wurden vermutlich einfach in den Müll geworfen.

Der Mann dreht sich um und in seinen Augen sehe ich, dass auch er mich erkennt. Das Perlweiß bekommt aschgraue und magentafarbene Flecken. Magenta ist Nervosität, das kenne ich sonst nur von Dean, wenn er ein neues Rezept ausprobiert hat oder von Maddie, als sie Peter beichten musste, dass sie schwanger ist.
"Ähm.. Ricardo Cook?" fragt er vorsichtig.
"Ja," antworte ich freundlich und zeige auf meinen Skizzenblock in seiner Hand. "Wo haben Sie den denn gefunden?" Innerlich bete ich, dass er nicht hineingeschaut hat, doch da ich die meisten Menschen und ihre Neugier kenne, befürchte ich, dass ich damit kein Glück haben werde.

"Er lag im Central Park auf einer Bank und es fing gerade an zu regnen," erklärt er, bewegt sich aber keinen Schritt auf mich zu. "Ich habe die Visitenkarte darin gesehen und da ich ohnehin in der Nähe zu tun hatte, dachte ich, ich bringe ihn einfach vorbei."
Ich komme langsam auf ihn zu und das Magenta überdeckt nun fast alles. Das Perlweiß ist beinahe vollständig verschwunden.

Er ist ein wenig größer als ich, schlank und seine Haare sind wirklich total durcheinander. Seine Augen leuchten blau, zucken aber überall hin, nur nicht zu mir. "Vielen Dank. Das ist furchtbar nett von Ihnen," bedanke ich mich. "Ich habe leider die Angewohnheit, meine Sachen ständig irgendwo zu verlegen."

Er lächelt unbeholfen und kratzt sich am Hinterkopf, als er mir den Block hinhält.
"Es sind nur ein paar Kritzeleien," fasele ich unsicher weiter und halte mir den Block verlegen an die Brust. "Aber es wäre schade, wenn er weg wäre. Es gibt nicht viele Skizzenblöcke mit schwarzen Seiten."
Halt die Klappe, Ricardo, denke ich still bei mir.

"Hmm," macht er und ich habe das Gefühl, dass er noch etwas sagen will, sich aber nicht traut. "Ich werd' dann mal wieder-"
"D-Darf ich Sie noch auf auf einen Kaffee einladen?" platze ich heraus. "A-Also als Dankeschön. Wir haben einen Vollautomaten. Sie können auch einen Cappuccino bekommen. Oder Kakao."
Was ist denn plötzlich los mit mir? Wieso bin ich so nervös? Oh richtig, er hat den Skizzenblock gefunden, der ausschließlich mit Bildern von ihm gefüllt ist.

"Eigentlich wollte ich gleich wieder los," erwidert er verlegen und erst jetzt fällt mir auf, dass er eine Spiegelreflexkamera über seiner Schulter hängen hat.
"Oh, natürlich," antworte ich entschuldigend. "Ich wollte Sie auch nicht aufhalten. Sie haben sicher zu tun."
"Sind die Sachen alle von Ihnen?" fragt er stattdessen und zeigt auf die Werbeplakate.
"Die Zeichnungen, ja," erkläre ich. "Die Kampagnen hat alle unsere Agentur gemacht. Kennen Sie welche davon?"

Er lächelt und das Magenta und das Aschgrau verblassen etwas. "Ja, die für diese kleinen Kaubonbons."
"Oh, die Bunten," fällt mir ein und muss selbst lächeln. Das Projekt hat mir selbst auch unglaublich viel Spaß gemacht.
"Die Farben waren super. Ich mochte den Werbespot total gern," murmelt er in Gedanken, während etwas Sonnengelb in ihm aufzuckt.
Ich muss dem Drang widerstehen, meinen soeben wiedererlangten Skizzenblock zu zücken und diesen Mann mit seinem wechselnden Farbspiel zu zeichnen.

"Doch einen Kaffee?" frage ich vorsichtig. "Ich habe sicherlich auch noch ein paar Outtakes von dem Spot gespeichert. Im Fernsehen liefen nur etwa zwanzig Farben, aber entworfen hatte ich über fünfzig."
Seine blauen Augen werden riesig und er zögert kurz. Schließlich flammt ein Hauch Nussbraun auf und er nickt. "Haben Sie auch einen Milchkaffee?" fragt er schüchtern und ich nicke lächelnd.

Farbenspiel | ✓Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt