Tatsächlich schaffen Dean und ich es sogar noch, auf den Wochenendmarkt zu gehen, von dem er gesprochen hatte. Wir schlendern Hand in Hand zwischen den Ständen umher, kosten hier und da von den angebotenen Früchten und Dean kauft direkt Zutaten für unser Abendessen. Zu meiner Begeisterung gibt es sogar einen Stand für Bastel- und Malzubehör und unter der kleinen, aber feinen Stifteauswahl finde ich darüberhinaus ein sattes Alarmrot und ein schönes Nussbraun, wie ich es gestern in Maddies Färbung gesehen habe.
Die Menschen auf dem Markt sind allesamt sehr bunt und kein bisschen wie die, denen man morgens in der New Yorker U-Bahn begegnet. Ich sehe viel Grasgrün, Sonnengelb und Gelbgrün, aber auch Erdbraun und hier und da etwas Orange.
„So gefällst du mir viel besser," flüstert Dean liebevoll in mein Ohr und ich schaue ihn fragend an.
„Wie?"
„So entspannt," erklärt er. „Du beobachtest viel, aber lächelst die ganze Zeit vor dich hin."
„Hier sind ja auch alle so ausgeglichen, davon wird man ja förmlich angesteckt," kichere ich.
„Das stimmt," seufzt er und drückt meine Hand etwas fester.
„Dass du immer so ausgeglichen sein kannst, ist mir ohnehin ein Rätsel," grinse ich und Dean zuckt mit den Schultern.
„Ich weiß eben, wer ich bin und was ich habe," sagt er ganz selbstverständlich, während er mich zu einem weiteren Stand zieht und ich beginne zu überlegen.
Hängt es vielleicht damit zusammen, dass Philipp so oft seine Farben wechselt? Weil er nicht weiß, wer er ist? Immerhin erwähnte er in seinem Brief, dass ich niemandem sagen soll, dass er auf Männer steht. Ist es das?
„Mund auf, Augen zu," holt Dean mich zurück ins Hier und Jetzt und grinst mich an.
„Du weißt, dass ich das nicht mag, Dean," maule ich.
Zu Beginn unserer Beziehung hat Dean es geliebt, mich mit Essen zu überraschen. Ständig musste ich mich mit geschlossenen Augen füttern lassen. Der Spaß fand allerdings ein jähes Ende, als er mir einmal einen gebratenen Champignon in den Mund steckte. Ich spuckte das widerliche Ding sofort wieder aus und schimpfte wie ein Rohrspatz, während ich ins Badezimmer rannte, um mir den Mund mit Mundwasser auszuspülen.
Was Dean nicht wusste: Ich hasse Pilze! Nicht nur den Geschmack, sondern auch die Konsistenz. Dieses wabbelige, schleimige Etwas. Und was sind Pilze überhaupt? Weder Tier noch Pflanze, irgendetwas Undefiniertes und genauso fühlen sie sich auch im Mund an.
Dean lachte sich halbtot über mein Fluchen, aber seitdem weigerte ich mich fast immer, wenn er mich wieder mit etwas Essbarem überraschen wollte.
„Kein Pilz, Ricardo," lacht er. „Versprochen!"
Widerwillig schließe ich meine Augen und öffne zaghaft meinen Mund. Etwas Kühles, Glattes berührt meine Lippen und als es sich in meinen Mund schiebt, schmecke ich den unwiderstehlichen Geschmack von Erdbeeren. Genüsslich lasse ich den süßen Saft auf meiner Zunge zergehen und seufze leise. Ich liebe Erdbeeren.
Deans Hand legt sich sanft an meine Wange und dann spüre ich seine immer leicht rauen Lippen auf meinen. Erneut seufze ich und ergebe mich in unseren Kuss.
„Ich denke, wir haben dann alles," flüstert er heiser an meinen Lippen und als ich meine Augen öffne, sehe ich wieder Nachtblau in seinem Grasgrün.
„Ich denke auch," raune ich zurück und küsse ihn erneut, bevor ich ihn mit mir zum Auto ziehe.
•••
Am nächsten Morgen erwache ich in Deans Armen und seufze leise.
„Hi," flüstert er und ich stöhne auf. Noch so eine Eigenart von ihm.
„Hast du mich beobachtet?" frage ich mit noch vom Schlaf belegter Stimme. Er kichert leise und fährt mit seinem Finger über mein Schlüsselbein. „Ein bisschen."
„Das ist so creepy," brumme ich.
„Wer ist Philipp?" will er wissen und ich sehe Capriblau in seiner grasgrünen Färbung.
„Äh, was?" frage ich verlegen und versuche, mich nicht ertappt zu fühlen. Es gibt keinen Grund, sich ertappt zu fühlen, aber dennoch beginnt mein Herz sofort schneller zu schlagen.
„Du hast geredet, Ricardo," grinst Dean.
„Was habe ich denn gesagt?" will ich wissen.
„Nur Wortfetzen," erklärt er. „Alle möglichen Farben, aber eben auch den Namen Philipp."
„Das ist der neue Fotograf, den Maddie für die Keppler-Kampagne engagieren will," stelle ich klar.
Das ist nicht gelogen. Zwar auch nicht die ganze Wahrheit, aber eben auch keine Lüge. Warum fühle ich mich so unwohl?
„Keppler?" fragt Dean. „Wow, war das nicht dieser Freak?"
Damals, als Maddie den Kunden zum ersten Mal hatte, kannten Dean und ich uns noch nicht, aber genau solche Geschichten dienen als Einstieg in ein Gespräch immer hervorragend und das war bei uns auch der Fall. Erst als wir schon länger zusammen waren, habe ich auch Namen erwähnt und Dean bewahrt natürlich Stillschweigen.
„Genau der," seufze ich und schaue an die holzgetäfelte Decke unseres Ferienhausschlafzimmers.
„Arme Maddie," murmelt Dean und schmiegt sich an mich. „Und warum habt ihr nicht wieder diesen Enrico für die Fotos genommen?"
Manchmal macht mich seine Aufmerksamkeit auch wahnsinnig, wieso weiß er das alles?
„Keppler findet Enrico schrecklich," gebe ich zu.
„Ist er ja auch, das sagst du auch immer."
„Das stimmt."
„Und dieser Philipp? Wo habt ihr den jetzt her?"
„Ach, es ist doch total langweilig jetzt über die Arbeit zu sprechen," versuche ich abzulenken und streichele über seinen Arm.
„Mich interessiert es aber," hakt er nach und ich stelle fest, dass das Capriblau immer deutlicher wird. Ich will ihn nicht anlügen, doch genauso wenig will ich ihm erzählen, dass ich Philipp in der U-Bahn kennengelernt habe, weil ich ihn gemalt habe. Mehrfach.
Stattdessen wähle ich die Flucht nach vorn.
„Mich interessiert aber gerade etwas ganz anderes," murmele ich und schiebe meine Hand von seinem
Arm nach unten unter die Bettdecke.
Deans Augen weiten sich kurz und dann wandelt sich das Capriblau in seinem Grasgrün urplötzlich in Nachtblau.
Seine graublauen Augen fixieren meine Lippen und er lächelt schief. „Ist das so?"
„Können wir vielleicht das Thema wechseln?" säusele ich und umfasse ihn. Er schließt erregt seine Augen und seufzt leise: „Aber nur, weil du so nett fragst."
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Farbenspiel | ✓
RomanceRicardo Cook hat eine besondere Gabe: er kann recht passabel zeichnen und er kann die Farben anderer Menschen sehen. Doch nicht alle Menschen haben die gleichen Farben und manche sind ein wahrer Regenbogen. ------------ ❝ Verzweifelt suche ich in me...
