Kobaltblau

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Ich arbeite weiter an meinen Entwürfen für die Cooperkampagne, während Ella auf dem Boden vor dem Sofa in meinem Büro sitzt und ein Bild nach dem anderen zeichnet. Immer, wenn sie eines ihrer Kunstwerke vollendet hat, bringt sie es zu mir und legt es auf einen Stapel auf meinem Schreibtisch. Ich beobachte sie still und erfreue mich daran, wie hell sie in sonnen- und zitronengelb strahlt.

Kurz vor der Mittagspause steckt Maddie ihren Kopf herein und fragt: "Wie läuft es bei euch beiden?" Ich grinse und antworte: "Ella hat noch nicht mal die Hälfte der Bilder geschafft, die sie heute malen muss."
Die Kleine kichert und bringt ihrer Mutter eins der Bilder, welches sie gezeichnet hat.
"Oh, wow," sagt Maddie. "Heute habe ich mal Arbeit im Kopf."
"Ja," erwidert Ella. "Wenn du hier bist, hast du immer die Arbeit im Kopf und zu Hause entweder mich oder die Wäsche."

Maddie lacht lauthals und wird ein wenig rot, als ich sage: "Die Wäsche, so so."
"Möchtest du etwas essen, mein Schatz?" bietet Maddie ihrer kleinen Tochter an und Ella nickt freudig. "Du auch, Ricardo?"
Ich schüttele den Kopf. "Ich hole mir vielleicht später etwas, aber ich würde gern das hier erst noch fertig bekommen."
"Der Drache ist schon super," erklärt Ella. "Nur die Zähne müssen noch mehr strahlen."
"Vielen Dank für Ihre professionelle Einschätzung, Miss Flemming," lache ich und winke den beiden zu, als sie mein Büro verlassen.

Nachdem sie weg sind, schaue ich mir die Bilder an, die Ella auf meinem Schreibtisch gestapelt hat. Viele sind von ihren Eltern, einige von der Erzieherin, die gern eine Katze wäre, und auch einige von Ella selbst. Interessanterweise scheint es ihr ähnlich zu gehen wie mir, denn sich selbst stellt sie immer sehr realistisch dar.

Auch mich hat sie wieder gemalt. Ich sitze an meinem Schreibtisch, einen Stift in meiner Hand und wieder schweben Geister und wuschelige Haare um mich. Manchmal macht mir dieses Kind ein wenig Angst mit ihrem Tiefblick.

Etwa eine Stunde später geht die Tür auf und Ella kommt aufgeregt hereingelaufen. "Hey," rufe ich lachend. "War dein Mittagessen so spannend, dass du hier so atemlos hereinstürmst?"
"Nein," keucht Ella. "Ich hatte nur Nudeln mit Tomatensauce."
"Und davon wirst du mir jetzt gleich ein Bild malen," schlussfolgere ich.
"Nein," erwidert die Kleine. "Der Geist ist da."
"Was?" frage ich verwirrt.
"Der Geist," erklärt sie. "Aus deinem Kopf. Er steht vorne und wartet auf dich."

Ich runzele die Stirn. Philipp ist hier?
"Wuschelige Haare?" frage ich zur Sicherheit und Ella nickt. Schnell stehe ich auf und eile aus dem Büro. Ella rennt mir hinterher und ich schaue sie fragend an. "Was tust du?"
"Ich komme mit."
"Wieso?"
"Ich will den Geist nochmal sehen."
"Er ist kein Geist, Ella."
"Ich weiß."
"Bleibst du bei deiner Mom?"
"Nö."

Schon sind wir im Eingangsbereich und ich habe keine Gelegenheit, meinen kleinen, neugierigen Schatten loszuwerden. Philipp steht unbeholfen herum, seine perlweiße Farbe von Magenta und Aschgrau durchzogen. Sein Blick fällt erst auf Ella und dann auf mich. Ella grinst ihn breit an, während ich vorsichtig auf ihn zu gehe.
"Philipp," sage ich höflich.
"Ich..." beginnt er und schaut noch immer verwirrt zu Ella. "Ich habe den Block gefunden."
"Ja," antworte ich verlegen. "Ich wollte nicht, dass Sie denken, ich mache irgendwelche komischen Sachen damit."

Er runzelt verwirrt seine Stirn. "Waren wir nicht schon beim 'du'?"
Ella kichert hinter vorgehaltener Hand und ich strafe sie mit einem bösen Blick. "Ja," sage ich an ihn gewandt. "Aber nach Ihrer Flucht dachte ich, so wäre es Ihnen lieber. Immerhin kennen wir uns nicht und Sie müssen denken, ich bin ein Freak."
Das Aschgrau in seiner Färbung überwiegt nun und auch seine Wangen färben sich wieder pink. "Ich mag das 'du' viel lieber und ich glaube nicht, dass du ein Freak bist," antwortet er schüchtern. "Ich war nur schockiert, dass jemand mich so wahrnimmt."

Verlegen nicke ich und weiß irgendwie gerade nicht mehr, was ich sagen soll.
"Hey," wendet sich Philipp nun an Ella. "Sag' deinem Dad, dass er kein Freak ist."
Ella zieht ihre Augenbrauen zusammen und schaut erst mich und dann wieder ihn an. Dann lacht sie und sagt: "Ricardo ist doch nicht mein Dad!"
"Oh," macht Philipp und sieht mich fragend an.
"Ella ist die Tochter einer Kollegin und meine beste Praktikantin," erkläre ich. "Und sie malt ausgezeichnet."
"Darf ich dich auch mal malen?" fragt sie Philipp und der reißt überrascht seine Augen auf. "Äh.. okay?" antwortet er.
"Wie heißt du?" will Ella von ihm wissen.
"Ich bin Phil."
"Dann kommt gleich ein Bild für Phil," kündigt sie an und flitzt zurück in mein Büro.

"Tja.. darf ich dir solange einen Milchkaffee anbieten?" frage ich verlegen. Philipp lächelt leicht und nickt und ich bedeute ihm, mir in die Kaffeeküche zu folgen. Ich beschäftige mich ausgiebig mit dem Vollautomaten und wühle in meinem Kopf verzweifelt nach einem Thema, das ihn nicht gleich wieder in die Flucht schlagen wird.

„W-Warum ist die Kleine hier und nicht in der Schule?" fragt er möglichst unverbindlich, aber als ich ihn ansehe, erkenne ich Eisblau zwischen all dem Aschgrau, Magenta und Perlweiß. Offenbar scheint er ähnlich unsicher zu sein wie ich.
„Schulungstag im Kindergarten," erkläre ich. „Ella wird erst diesen Sommer eingeschult."
Ich reiche Philipp den Becher Milchkaffee und bereite mir selbst einen Latte Macchiato zu.

„Phil!" ruft Ella aus meinem Büro. „Du musst kommen!"
Philipp lacht und ich stelle begeistert fest, dass das Aschgrau und das Eisblau etwas nachlassen, stattdessen jedoch Sonnengelb zum Vorschein kommt. Ja, Ella hat diese Wirkung auf Menschen.

Wir gehen gemeinsam in mein Büro und Ella weist ihn an, sich auf mein Sofa zu setzen. „Muss ich stillhalten?" fragt Philipp und Ella schüttelt den Kopf. „Nö, ihr könnt ruhig weiter über Erwachsenenkram reden," antwortet sie unbeirrt.
„Darf ich Philipp deine anderen Werke zeigen?" frage ich sie um Erlaubnis.

„Aber nur die, die du schon ausgemalt hast," befiehlt sie und ich reiße die Augen auf. Philipps Farbe hat nun einen Ton von kobaltblau angenommen und er schaut mich interessiert an.
„Dann," murmele ich langgezogen. „Muss ich das noch schnell nachholen."

Ich ziehe meine Stifterolle hervor und beginne, die Bilder von Ella und ihren Eltern auszumalen. Nur das Bild, was sie von mir gemalt hat, lasse ich unten auf dem Stapel. Philipp beobachtet Ella und mich still und nach und nach verschwindet das Magenta und das Aschgrau in seiner Färbung vollständig. Zurück bleiben das interessierte Kobaltblau und ein wenig von dem Perlweiß, von dem ich noch immer nicht weiß, was es bedeutet.

Farbenspiel | ✓Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt