Nachtblau

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Der Farbwechsel in Philipp vollzieht sich so schnell, dass mir fast schwindelig wird. War er eben noch durchtränkt mit dem fröhlichen Gelbgrün, kommen das Perlweiß, das Aschgrau und das Alarmrot so schnell zurück, dass ich kaum glauben kann, dass er eben noch so ausgelassen gelacht hat.

Beschämt sieht er auf seine Uhr und murmelt dann: „Ich muss dann auch weiter."
Oh, oh. Ich muss irgendetwas Falsches gesagt haben.
„Philipp, tut mir leid," stammele ich. „Ich wollte dir nicht-"
„Sch-schon gut," faselt er und steht eilig auf. Dabei reißt er fast den kleinen Tisch mit seinen Beinen um und nur im letzten Moment kann er einen Sturz verhindern. Seine Finger, die die Tischkante halten, zittern.

Er blickt sich verzweifelt nach Gina um, die jedoch gerade nicht zu sehen ist.
„I-Ich mache das schon," versuche ich ihm zu helfen und ziehe mein Portemonnaie hervor.
„D-Du musst w-wirklich nicht-"
Wieso stottern wir die ganze Zeit?
„Doch, ich bestehe darauf," unterbreche ich ihn. Er nickt nur, sieht mich aber nicht an, sondern geht stattdessen zur Tür.

„Auf Wiedersehen, Philipp," sage ich verwundert, doch er ist schon hinaus auf die Straße getreten, wieder eingehüllt in sein Aschgrau und Perlweiß.

•••

„Schmeckt es dir nicht?" fragt mich ein grasgrüner Dean am Abend.
„Was?" frage ich verwirrt. Ich habe gar nicht zugehört.
„Du schiebst das Essen nur auf dem Teller herum, Ricardo," lacht er. „Ist alles in Ordnung?"
„Ja," seufze ich.
„Viel zu tun in der Agentur?" fragt er nach.
„Nein, das geht schon. Ich bin weiter, als der Zeitplan es vorsieht," erkläre ich und lehne mich zurück.

„Was beschäftigt dich dann?" will er wissen und nimmt meine Hand in seine.
„Ach," stöhne ich genervt. „Keine Ahnung."
Was soll ich ihm sagen? Dass ich einen Mann kennengelernt habe, der ständig vor mir davonläuft? Der eine interessante Farbe hat und deren Hintergrund ich gern herausfinden würde?

Das klingt ja mehr als nur nach Freak und außerdem ist das auch nicht direkt etwas, was man seinem Freund erzählt. Dean versteht viel von Essen, aber rein gar nichts von Farben. Dean mag grasgrün.

„Darf ich dir den Entwurf für die Homepage zeigen?" lenkt er vom Thema ab, denn Dean kennt mich so gut, dass er merkt, wenn ich nicht mit der Sprache herausrücken will.
Ich nicke und räume die Teller in die Küche, während er den Laptop holt.

Nur mit halbem Interesse betrachte ich die Webseite des Restaurants, während Dean mehr über die Menüs als über das Layout plaudert. Innerhalb kürzester Zeit schweifen meine Gedanken wieder zu Philipp.

Was ist mit dieser Sannie? Haben sie Streit? War sie vielleicht seine Freundin und sie haben sich getrennt? Oder ist er vielleicht unglücklich verliebt in sie und sie erwidert seine Liebe nicht? Oder vielleicht ist sie tot? Oh Gott, es muss irgendetwas ganz Furchtbares sein und ich bin mit Anlauf ins Fettnäpfchen gesprungen, indem ich so einen unbedachten Satz fallen lasse.

„Ricardo?" säuselt Dean und streichelt sanft über meinen Unterarm. Ich sehe ihn an und erkenne in seinem Grasgrün auch etwas Nachtblau. Oh.

Ich weiß, was Nachtblau bedeutet und ich kenne Deans Stimme, wenn er Nachtblau in seinem Grasgrün hat. Nur bin ich gerade nicht wirklich in der Stimmung für Nachtblau. Mein schlechtes Gewissen plagt mich, dass ich Philipp, wenn auch unbewusst, schon wieder in die Flucht geschlagen habe.

Ich ziehe meinen Arm weg und küsse sanft Dean Stirn. „Tut mir leid, Dean," flüstere ich. „Ich bin total erledigt. Ich gehe direkt ins Bett. Die Homepage ist toll geworden."
Damit stehe ich auf und gehe ins Badezimmer, nun mit einem doppelt schlechten Gewissen, weil ich jetzt auch meinem Freund unsere ohnehin schon rar gesäte Intimität verwehre.

•••

Die darauffolgenden Tage verlaufen nach einem so tristen Alltragstrott, dass es für mich kaum zu ertragen ist. Stahlgraue und moosgrüne Menschen in der U-Bahn, kein Perlweiß oder Elfenbein, gelegentlich mal ein Sonnengelb oder Grasgrün, doch alles in allem der selbe Anblick wie jeden Tag.

Dean arbeitet das komplette Wochenende durch und ich liege auf dem Sofa, suche alte Bilder von Ella hervor, male diese aus, spitze meine Stifte an, sortiere ihre Reihenfolge in meiner Stifterolle neu und denke die meiste Zeit über Philipp nach.

Natürlich versuche ich ihn zu finden, aber in New York einen Fotografen nur anhand seines Vornamens zu finden, erweist sich als schier unmöglich. Hinzu kommt, dass ich nicht einmal weiß, ob er auch beruflich fotografiert. Er könnte ebenso gut Steuerberater oder Lieferservicemitarbeiter sein.

Einmal gebe ich auch ‚Philipp und Sannie' oder ‚Phil und Sannie' ein, doch auch hier ohne Erfolg. Um es mit Ellas Worten zu sagen: Er ist wie ein Geist.

Im Büro gehen mir die meisten Kollegen aus dem Weg. Ich mache meine Arbeit, aber der sonst fröhliche und gesprächsbereite Ricardo ist gerade nicht zugegen. Maddie versucht das ein oder andere Mal, mir den Grund meiner Missstimmung zu entlocken, doch ich blocke ab.

Am Mittwoch komme ich aus der Mittagspause (keine Kartoffelpuffer, nur eine Runde um den Block) und sehe einen großen Umschlag auf meinem Schreibtisch liegen.

Mit gerunzelter Stirn öffne ich das Kuvert und ziehe mehrere Schwarz-Weiß-Fotos und einen gefalteten, weißen Zettel hervor. Die Bilder zeigen zum Teil Ella und trotzdem es sich nicht um Farbfotos handelt, strahlt sie darauf schöner als ich es je zu zeichnen vermag.

Ein Großteil der Aufnahmen zeigt allerdings mich und mir stockt buchstäblich der Atem, als ich die Bilder sehe. Sehe ich so aus, wenn ich male?

Neugierig greife ich nach dem weißen Blatt und falte es vorsichtig auseinander.

Lieber Ricardo,

bitte richte Ella meine Bitte um Entschuldigung aus, dass euch die Bilder erst jetzt erreichen. Das Entwickeln eben jener von Hand macht mir große Freude, ist aber ein langwieriger Prozess und bei Weitem nicht so rasant wie beispielsweise an einem Fotoautomaten.

Auch dich bitte ich um Entschuldigung für meinen abrupten Aufbruch letzte Woche.
Sannie, eigentlich Santana, ist meine jüngere Schwester. Das konntest du nicht wissen. Ich liebe sie sehr und trotzdem wir nicht zusammen leben, sehen wir uns so oft unsere Zeit es uns erlaubt.

Deine Vermutung war durchaus treffend, denn ich habe niemanden, der zu Hause auf mich wartet. Bitte verrate es niemandem, aber ich wäre auch nicht besonders glücklich darüber, wenn es eine weibliche Person wäre, die diese Aufgabe übernehmen wollte..

Noch einmal vielen Dank für die Zeichnungen und auch für die Kartoffelpuffer.

Grüße,
Phil

Farbenspiel | ✓Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt