„Nein, nein," lacht Philipp. „Ich zeige dir doch nicht einfach so meinen Keller. Dafür müssten wir uns schon besser kennen." Das Aschgrau lässt ein wenig nach und stattdessen kommt das witzige Cyan zum Vorschein. Ich grinse ihn an und murmele leise: „Darum bin ich ja hier." während ich ihm still durch den Flur ins Wohnzimmer folge.
Auch hier ist seine Einrichtung schlicht und ordentlich. Ein großes Sofa, ein kleiner Tisch davor, ein gemütlicher Sessel, ein Sideboard mit einem Fernseher und Bücherregalen an den Seiten und ansonsten wieder unzählige Schwarz-Weiß-Bilder an den Wänden.
Das Thema hier ist eindeutig Familie und Freunde, denn ich erkenne seine Schwester, seinen kleinen Bruder und einige andere Menschen, die ich zwar nicht kenne, aber an den Bildern sehe ich, dass sie ihm viel bedeuten müssen.
Philipp setzt sich auf das Sofa und ich zögere kurz, ob ich mich neben ihn setzen soll. Schließlich entscheide ich mich doch für den Sessel, denn ich möchte ihn nicht überfordern oder einen falschen Eindruck machen.
Falschen Eindruck? Was für einen Eindruck will ich denn überhaupt machen?
Neugierig sieht Philipp mich an und ich platze heraus: „Motten?" Es ist die erste Frage, die mir einfällt und seine Augen weiten sich überrascht.
„Du meinst, wegen Phobien?"
Ich nicke.
„Naja," lacht er verlegen. „Motten sind eben.. ekelig. So fett und haarig und unkoordiniert."
„Unkoordiniert?"
Er schüttelt sich angewidert und scheint gerade an Motten zu denken, denn Schlammbraun mischt sich in seine Färbung.
„Man kann ihre Flugbahn nicht vorhersehen. Sie fliegen vollkommen unkoordiniert und dann meistens an einen dran und.. bäh.." Philipp macht ein angeekeltes Geräusch und ich lache bei seinem Anblick.
„Okay, ich finde sie jetzt auch nicht so cool, aber direkt Angst.." überlege ich.
„Ich schon," sagt er ernst. „Eine Motte und ich im selben Raum? Dann muss einer von uns sterben."
Jetzt lache ich noch herzlicher. „Es scheint, als hättest du bislang immer gewonnen."
Kurz guckt er verwirrt und lacht dann ebenfalls. „Sieht ganz so aus."
„Was ist mit Schmetterlingen?" will ich wissen.
Er grinst mich an, wieder mit gewitztem Cyan gesprenkelt und sagt: „Das war aber schon die zweite Frage, Ricardo."
„Ja, und?"
„Ich will auch eine stellen."
„Oh," mache ich und versuche, nicht rot zu werden, denn es freut mich ungemein, dass er auch etwas über mich wissen will. „Dann schieß los."
„Wovor hast du Angst?"
„Generell oder sowas wie Motten?" lache ich.
„Bleiben wir vielleicht erst mal bei den Motten," sagt er und weicht meinem Blick aus. Alles klar, ich speichere mir die Frage nach dem Generellen für später ab.
„Wespen," erwidere ich ehrlich. „Also, eigentlich alles, was sticht, aber Wespen besonders."
„Warum?"
„Erst die Schmetterlinge."
„Was?"
Ich grinse frech und sage: „Warum ist eine zweite Frage und du hast mir noch nicht gesagt, ob es bei Schmetterlingen auch so schlimm ist."
Entsetzt, aber amüsiert reißt er den Mund auf. „Du hast mich ausgetrickst."
„Nein, du hast damit angefangen," lache ich. „Also? Schmetterlinge sind doch auch wie Motten, nur in bunt."
Philipp schüttelt kichernd den Kopf. „Aber koordinierter. Und ängstlicher. Und nicht so fett und staubig."
Ich lache nun richtig laut, denn ich verstehe ihn total gut, stelle mir aber die ganze Zeit eine fette, staubige Motte vor.
„Du machst dich lustig über mich," beschwert er sich und ich schüttele meinen Kopf.
Als ich wieder einigermaßen zu Atem komme, antworte ich auf seine vorherige Frage. „Wespen sind so aggressiv. Ich wurde als Kind mal von einer in den Nacken gestochen und es war der schlimmste Schmerz, den ich je gespürt habe. Ich mag nichts, was einen stechen oder Eier in einem ablegen will, aber Wespen von allem am Wenigsten."
Philipp nickt zustimmend und nippt an seinem Wasser. „Eier ablegen geht gar nicht," pflichtet er mir bei und ich kichere schon wieder.
•••
Philipp und ich reden und reden bis ich jegliches Zeitgefühl verloren habe. Ich erzähle von meiner Zeit auf dem College, meiner Entscheidung, in die Werbebranche zu gehen, von Maddie und Ron und viel von Ella. Philipp spricht von seiner Schwester Sannie, seinem Bruder Luca und seinem besten Freund Kean, der auch auf vielen der Bilder an seinen Wänden zu sehen ist.
Philipps Farbe ist beim Erzählen von seinen Liebsten von einem wunderbaren, liebevollen Korallenrot erfüllt und wieder habe ich das Bedürfnis, ihn zu zeichnen.
„Ach," scheint ihm plötzlich etwas einzufallen und er steht auf. Fragend blicke ich ihm nach und als er kurz darauf zurückkommt, legt er mir einige Fotos auf den Schoß.
„Ich habe dir ein paar Abzüge gemacht," murmelt er und das beschämte Aschgrau ist zurück. In meinen Händen halte ich die Bilder, die er von mir gemacht hat und deren Originale Maddie für Keppler verwendet hat.
„D-danke," murmele ich.
„Die anderen sind noch nicht fertig," fügt er hinzu und kratzt sich verlegen den Hinterkopf.
„Die anderen?"
„Als du den Hutmacher gezeichnet hast," stellt er klar. „Und die Grinsekatze. Ich glaube, die sind noch besser geworden."
Ich erinnere mich plötzlich, dabei ist es noch gar nicht so lange her, doch dennoch war mir total entfallen, dass wir uns gestern praktisch fast den halben Arbeitstag gegenseitig abbilden wollten. Irgendwie fühlt es sich extrem intim an, jetzt, wo ich so darüber nachdenke. Und diese Intimität ist so intensiv, dass es mir buchstäblich den Atem raubt.
„Ich.. ich sollte dann gehen," murmele ich und stehe vorsichtig auf. Philipp wechselt sofort zu einem besorgten Essigrot, gemischt mit Beigerot. „Tut mir leid, ich dachte.." stammelt er und ich schüttele den Kopf.
„Alles gut," sage ich leise. „Du hast nichts falsch gemacht. Danke für die Bilder."
Verzweifelt sieht er mich an, das Beigerot nun vollkommen präsent und es zerreißt mir das Herz, dass er es bereut, mir die Bilder gegeben zu haben.
„Wirklich," betone ich, doch er sieht beschämt auf den Boden. „Ich bin sehr froh, dass du mir die Abzüge gemacht hast."
„Ist es wegen.." beginnt er, doch unterbricht sich selbst. Den gesamten Abend haben wir das Thema Dean und meine Beziehung ausgeblendet und jetzt holt es mich dafür umso heftiger ein.
„Ich muss nur meinen Kopf sortieren," flüstere ich. „Verstehst du das?"
Er nickt und sieht mich mit seinen blauen Augen an. „Das verstehe ich sogar sehr gut, Ricardo."
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Farbenspiel | ✓
RomanceRicardo Cook hat eine besondere Gabe: er kann recht passabel zeichnen und er kann die Farben anderer Menschen sehen. Doch nicht alle Menschen haben die gleichen Farben und manche sind ein wahrer Regenbogen. ------------ ❝ Verzweifelt suche ich in me...
