Philipp atmet tief durch und nickt, obwohl er wieder von Aschgrau und angstvollem Alarmrot umgeben ist.
„Was tut dir leid?" frage ich ihn direkt, obwohl alles in mir sich vor der Antwort fürchtet.
„Dass es dir schlecht geht," murmelt er. „Wegen mir. Das wollte ich nie."
„Wieso denkst du, es ist wegen dir?" frage ich weiter.
In seine Farben mischt sich verwirrtes Perlbrombeer. Gut, ich bin nicht allein mit meiner Verwirrung.
„Naja," stammelt er. „Gestern warst du bei mir und heute bist so so.. niedergeschlagen. Irgendwie habe ich das Gefühl, es ist wegen mir."
„Bereust du gestern Abend?" verhöre ich ihn weiter.
Energisch schüttelt Philipp den Kopf. „Nein," sagt er entschlossen. „Ich hätte es bereut, wenn ich dich weggeschickt hätte."
Ich sehe ihn an, mit seinen roten Wangen, von beschämtem Aschgrau umhüllt, wie er auf den Boden starrt und mich nicht ansehen kann. Und auf einmal werfe ich alle Zweifel über Bord, schiebe meine Hand in seinen Nacken und lege meine Lippen auf seine.
Es ist nur ganz kurz, ein winziger Moment und doch dauert er für mich eine Ewigkeit. So schnell wie ich Philipp an mich gezogen habe, trete ich nun wieder zurück und betrachte seinen außergewöhnlichen Farbwechsel. Von himmelblauer Überraschung zu einem Hauch Lavendel weiter zu verwirrtem Perlbrombeer.
„Wo-Wofür war das?" fragt er mich verunsichert. Ich zucke mit den Schultern. „Ich musste es einfach tun," erwidere ich ehrlich. „Entschuldige."
Wieder schüttelt Philipp seinen Kopf und plötzlich überwiegt ein entschlossenes Nussbraun in seiner Färbung.
Ich ahne, was geschehen wird und erwartungsvoll neige ich mich ihm entgegen, als Philipp seine Hand auf meine Hüfte legt und mich näher an sich zieht. Seine blauen Augen fixieren meine Lippen und die Spannung zerreißt mich innerlich, so schnell pocht mein Herz.
Mit einem Ruck kommt der Zug zum Stehen und das Gesetz der Trägheit lässt mich unsanft gegen Philipp prallen. Ich zucke erschrocken zusammen, als sich plötzlich die Tür, an der wir stehen, öffnet und unzählige stahlgraue und moosgrüne Menschen sich meckernd an uns vorbei nach draußen auf den Bahnsteig drängen.
Mir ist kein Bahnhof auf meiner täglichen Strecke bekannt, bei dem sich die Türen der U-Bahn auf dieser Seite öffnen und ich runzele verwirrt die Stirn. „Oh," macht Philipp dicht neben mir, seine Hand ruht noch immer auf meiner Hüfte. „Wir haben wohl unsere Haltestelle verpasst."
„Sie stehen wunderbar im Weg," motzt ein moosgrüner Mann uns an, als er sich genau zwischen uns hindurch drängt und ich fange an zu lachen. „Nur für Sie," rufe ich ihm fröhlich nach und Philipp beobachtet mich amüsiert, doch immer noch von Perlbrombeer und etwas Bordeauxviolett umhüllt. Enttäuschung?
Ich nehme seine Hand und ziehe ihn mit mir aus dem Zug. „Wir müssen reden," sage ich entschlossen und er nickt stumm. Gemeinsam wühlen wir uns zur Rolltreppe hindurch und als er hinter mir steht, findet Philipp auch seine Stimme wieder. „Du musst in die Agentur, der Zug in die andere Richtung fährt-"
„Nein," antworte ich und ziehe mein Handy hervor. „Ich habe heute keine Termine, nur Entwürfe. Was ist mit dir?"
Philipp überlegt kurz und erklärt dann: „Ich wollte mit Madeleine nochmal über die verschiedenen Möglichkeiten der Fotos sprechen, jetzt, wo der Kunde etwas präziser mit seinen Vorstellungen wurde."
„Okay," lächele ich und schreibe eine Nachricht an Maddie.
Maddie
Hey, meinst du, du
kannst heute auf den
Fotografen verzichten?
Ja, das hat auch Zeit
bis morgen. Wieso?
Dann kommt er heute
nicht in die Agentur.
Ricardo, was hast du
getan??
Ich würde mir den
Tag heute auch freinehmen.
Ricardo?! Was..
Ich erzähle dir alles
morgen, okay?
Muss ich mir Sorgen
machen?
Wir reden nur.
Ricardo, du machst
mir ein bisschen Angst.
Kannst du Peter
Bescheid sagen, dass ich
heute Überstunden
abbummele? Ich bin
ohnehin schon gut im
Zeitplan.
Mache ich. Aber du
meldest dich, ja?
Ja, Maddie.
Ich folge Philipp aus dem U-Bahnhof und sehe mich um, um mich zu orientieren. Offenbar befinden wir uns in einem Geschäftsviertel, denn um uns herum sehe ich nur gestresste moosgrüne Menschen in Anzügen.
„Die Firma meines Vaters ist hier ganz in der Nähe," erklärt Philipp und ich sehe ihn fragend an. Gleichgültiges Schilfgrün gemischt mit einem
Hauch Elfenbein-Perlweiß erfüllt ihn und er schaut ins Leere.
„Wir haben heute frei," sage ich ruhig. „Maddie kommt auch ohne uns zurecht."
„Hm," macht er und sieht mich zögernd an. „In der Nähe gibt es ein kleines Café. Ich befürchte, sie haben keine Kartoffelpuffer mit Ketchup, aber man kann dort ganz nett frühstücken."
Ich lächele und nicke. „Dann gehen wir wohl jetzt frühstücken."
•••
Das Café ist wirklich winzig und scheint größtenteils vom Coffee to go-Geschäft zu leben. Und das läuft offenbar großartig, denn ständig klingelt das kleine Glöckchen an der Eingangstür und ein weiterer stahlgrauer Mensch kommt herein, um eilig Kaffee zum Mitnehmen zu bestellen.
Philipp und ich sitzen an einem der drei Tische im hinteren Bereich des Cafés und studieren die Karte. Die freundliche Kellnerin kommt zu uns, sie ist etwas stahlblau, aber ansonsten grasgrün und als sie uns sieht, erscheint sogar etwas Sonnengelb in ihrer Färbung.
„Hi," begrüßt sie uns fröhlich. „Was darf ich euch bringen?"
Philipp sieht mich fragend an, doch ich bedeute ihm, mit seiner Bestellung zu beginnen. „Ich nehme gern einen großen Milchkaffee und das italienische Frühstück."
Das Sonnengelb breitet sich noch mehr in der Kellnerin aus, offenbar hat sie nicht oft Gäste, die mehr als nur Kaffee bestellen. Fragend sieht sie mich an und ich sage: „Ich hätte gern das französische Frühstück und haben Sie auch Haselnussmilch?"
„Klar," freut sie sich. „Wir haben auch noch Mandel-, Kokos-, Sojamilch, Soja mit Van-"
Ich unterbreche ihr Geplapper mit einem Lachen und sage: „Haselnuss wäre perfekt."
Ihr Lächeln wird noch breiter und sie nickt. „Kommt sofort."
„Haselnuss?" fragt Philipp neugierig, nachdem sie uns wieder alleine lässt.
„Laktoseintoleranz," erkläre ich schulterzuckend. „Und außerdem schmeckt Haselnussmilch fantastisch."
„Habe ich noch nie probiert," gibt er zu. „Ich gönne mir immer die volle Ladung Laktose mit meinem Milchkaffee."
„Wenn du lieb fragst, lasse ich dich gleich probieren," grinse ich und sehe, wie seine Wangen sich wieder röten und das Aschgrau und etwas Magenta zurückkommen.
Philipp ist nervös und ich bin es auch. „Also," murmelt er und starrt auf seine langen Finger, die an der Speisekarte herumfummeln. „Worüber wolltest du reden?"
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Farbenspiel | ✓
RomanceRicardo Cook hat eine besondere Gabe: er kann recht passabel zeichnen und er kann die Farben anderer Menschen sehen. Doch nicht alle Menschen haben die gleichen Farben und manche sind ein wahrer Regenbogen. ------------ ❝ Verzweifelt suche ich in me...
