In der U-Bahn auf dem Weg nach Hause überlege ich, was ich jetzt tun soll. Im Prinzip hat sich nichts geändert.
Ich mag Dean. Er gibt mir Sicherheit, er ist gut zu mir und ich fühle mich wohl bei ihm.
Philipp mag ich auch. Er ist unfassbar interessant und obwohl wir den ganzen Abend über alles Mögliche geredet haben, habe ich das Gefühl, dass es noch so viel mehr an ihm zu entdecken gibt. Wenn ich an ihn denke, schlägt mein Herz unwillkürlich schneller und ich habe das Bedürfnis, ihn zu zeichnen. Schon wieder.
Gedankenverloren schließe ich die Wohnungstür auf und zucke erschrocken zusammen als Dean auf einmal in Jacke und Schuhen vor mir steht. Verwirrt sehe ich ihn an. „Willst du noch weg?" frage ich und an seiner essigroten Färbung erkenne ich, dass er wohl sehr in Sorge sein muss.
„Ich wollte dich suchen, Ricardo," sagt er aufgebracht und kommt auf mich zu. „Wo warst du? Du warst nicht zu Hause, als ich kam. Ich habe versucht, dich anzurufen, aber du bist nicht ans Telefon gegangen. Ich dachte, dir wäre etwas zugestoßen!"
Dean packt meine Schultern und zieht mich an sich, um mich sogleich fest an sich zu drücken.
„Tut mir leid," murmele ich apathisch. „Hab' wohl die Zeit vergessen."
„Tu' das bitte nie wieder, Ricardo," fleht er und streichelt mir mechanisch über den Rücken.
Gerade ertrage ich seine Berührung nicht und winde mich vorsichtig aus seiner Umarmung. Das Essigrot wird langsam durch Grasgrün ersetzt, doch ich erkenne auch skeptisches Braunbeige. „Ist alles okay?" will er wissen und betrachtet mich misstrauisch.
„Ja, ich.." flüstere ich. „Ich muss ein wenig nachdenken."
„Nachdenken," wiederholt er. „Gab es Probleme in der Agentur? Mit diesem Keppler?"
„Was?" frage ich verwirrt und schüttele sogleich den Kopf. Gerade ist nichts weiter weg für mich als die Arbeit. „Nein."
„Hast du dich mit Maddie gestritten?"
„Nein, Dean!" rufe ich genervt. „Lass' mich doch einfach nachdenken!"
Zu Braunbeige kommt Bordeauxviolett, er ist enttäuscht. Aber gerade kann ich mich nicht um Deans Enttäuschung kümmern. Ich gehe ins Badezimmer und schließe leise die Tür hinter mir, bevor ich mich wasche und mir die Zähne putze.
Als ich wieder aus dem Bad komme, sehe ich, dass Deans Kissen und seine Bettdecke aus dem Schlafzimmer verschwunden sind. Im Wohnzimmer finde ich ihn, wie er gerade das Sofa auszieht. Ich kann mich nicht erinnern, wann einer von uns mal auf dem Sofa geschlafen hat, aber gerade dreht sich bei der Vorstellung, dass er neben mir liegt, mein Magen um.
„Ich kann auch-" beginne ich anzubieten, doch er geht nur an mir vorbei zum Bad.
„Schon gut," sagt er. „Du musst ohnehin früher aufstehen und an deine Klamotten." Das Klicken der Tür signalisiert mir, dass die Unterhaltung für heute wohl beendet ist.
•••
Natürlich mache ich kein Auge zu, als ich im Bett liege. Ich starre an die Decke und frage mich, was geschehen ist. Was mit mir geschehen ist.
Irgendwann stehe ich leise auf und schleiche ins Wohnzimmer, wo Dean auf dem Sofa liegt und leise und gleichmäßig atmet. Ich setze mich neben ihn und beobachte ihn.
Dean ist hübsch, könnte man sagen. Ich habe mir nie viel aus Äußerlichkeiten gemacht. Er hat fein geschwungene Gesichtszüge und breite Schultern. Sein Lächeln ist süß. Und er ist grasgrün. Fast immer. Nur selten hat er andere Farben und wenn, ist immer noch etwas von dem Grasgrün da.
Als wir uns kennenlernten, fand ich das toll. Nicht viele Menschen sind so.. beständig und so ausgeglichen. Denn das ist Grasgrün. Ausgeglichenheit. Das ist Dean.
Plötzlich öffnen sich seine Augen und er sieht mich an. Ich zucke kaum merklich zusammen und betrachte meine Finger. „Ich.. ich hab jemanden kennengelernt," flüstere ich.
Dean sagt nichts, sieht mich nur an.
„Ich weiß nicht, was es ist, aber.. er geht mir nicht aus dem Kopf. Und ich muss ehrlich zu dir sein, Dean, denn das verdienst du. Dass ich ehrlich zu dir bin. Und gerade weiß ich nicht, was ich will. Oder wen.."
Noch immer sagt er nichts, nur sein Blick ruht auf mir und ich kann ihn nicht ansehen. Ich kann nicht zu ihm und seiner Farbe sehen. Ist es Bordeauxviolett? Ist er enttäuscht? Ist es Grasgrün? Ist er ausgeglichen und verständnisvoll? Ist es Schilfgrün, weil es ihm egal ist?
Nach einer gefühlten Ewigkeit stehe ich auf, gehe zurück ins Schlafzimmer und lege mich ins Bett, um weiter an die Decke zu starren.
•••
Als ich am nächsten Morgen aufstehe, finde ich das Wohnzimmer ohne Dean vor. Seine Bettdecke ist ordentlich zusammengelegt auf dem Sofa. In der Küche liegt kein Zettel von ihm wie sonst und ich versuche, herauszufinden, ob es mich verletzt oder ob ich traurig darüber bin, doch gerade weiß ich nicht, was ich fühlen soll.
Wie ferngesteuert gehe ich ins Badezimmer und mache mich fertig für den Tag.
•••
In der U-Bahn stehe ich wieder an der Tür, obwohl auch einige Sitzplätze frei sind, doch gerade möchte ich nicht von moosgrünen und stahlgrauen Menschen umhüllt werden. Ich starre raus in den schwarzen Tunnel und bemerke erst nach einiger Zeit, dass jemand neben mir steht.
Ich schaue auf und sehe Philipp. Aschgrau, ein winziger Hauch Lavendel und vor allem Beigerot. Reue? Was ist los? „Hey," mache ich leise und er mustert mich nur. Oh nein! Bereut er, dass ich gestern bei ihm war? Dass er mich überhaupt nach einem Date gefragt hat?
„Hi," erwidert er ebenso leise. „Ricardo, es tut mir leid.."
Entsetzt starre ich ihn an. Er bereut es. Oh Gott, er hat gemerkt, dass er mich gar nicht mag und ich habe Dean gesagt, dass..
Ich schlucke schwer und zwinge mir ein Lächeln auf. Es fühlt sich unecht an, denn genau das ist es, aber was soll man schon tun, wenn man gerade abserviert wird? „Muss es nicht, okay?" sage ich betont lässig. „Manchmal passt es eben nicht."
Das Beigerot wandelt sich in eine Mischung aus Bordeauxviolett und Elfenbein-Perlweiß und Philipp macht einen Schritt zurück. „Oh," kommt es von ihm und er sieht auf den siffigen Boden des U-Bahnwagens. „Verstehe.."
Verwundert sehe ich ihn an, denn ich verstehe jetzt gar nichts mehr. Wieso ist er jetzt enttäuscht? Ich atme tief durch, denn ich ertrage diese ganze Verwirrung nicht mehr. Nicht die in meinem Kopf und nicht die in seinen Farben.
„Philipp," sage ich, doch er sieht mich nicht an. „Ich verstehe gerade gar nichts," gebe ich zu. „Können wir bitte offen reden?"
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Farbenspiel | ✓
RomanceRicardo Cook hat eine besondere Gabe: er kann recht passabel zeichnen und er kann die Farben anderer Menschen sehen. Doch nicht alle Menschen haben die gleichen Farben und manche sind ein wahrer Regenbogen. ------------ ❝ Verzweifelt suche ich in me...
