Altrosa

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Den Rest des Arbeitstages verbringen Maddie und ich mit der Ideenfindung, wie man Fotos mit Zeichnungen versehen kann. Maddie hat einige Kopien von den Bildern, die Philipp als Beispiele geliefert hatte, gemacht und ich zeichne Dinge darauf, die meiner Meinung dazu passen würden.

Am besten gelingt mir ein Schmetterling in Altrosa auf dem Wangenknochen von Philipps Schwester Sannie. Düstere Dinge, wie Keppler sie in unserem ersten Meeting vorgeschlagen hatte, bringe ich weder bei Bildern von Sannie noch bei denen von mir übers Herz. Ich hoffe, dass ich das später, wenn ich Bilder von einem mir unbekannten Modell vorliegen habe, hinbekommen kann.

Als es schließlich Zeit für den Feierabend ist, drückt Maddie mich erneut und beteuert wieder, dass ich sie jederzeit anrufen kann. Schweren Herzens und mit einem dicken Klumpen im Magen mache ich mich letztendlich auf den Heimweg.

Zu Hause höre ich schon den Fernseher, der aber ausgeschaltet wird, als ich die Wohnung betrete. Kurz darauf kommt Dean lächelnd aus dem Wohnzimmer und gibt mir einen Kuss auf die Schläfe. „Schön, dass du da bist," freut er sich. „Willst du dich erst noch kurz hinsetzen oder wollen wir gleich spazieren gehen?"

Ich seufze und sehe ihn verzweifelt an. „Ich denke, ich möchte nicht spazieren gehen, Dean," sage ich leise. Sein Lächeln erstirbt und er atmet durch. „Okay, soll ich uns dann was kochen? Du hast die Lunchbox gar nicht mitgenommen. Du musst ja total hungrig sein."
„Nein," antworte ich und hänge meine Jacke auf. „Ich denke, ich möchte mich lieber gleich hinlegen."

„Ricardo," sagt Dean ernst. „Ich gebe mir wirklich Mühe, aber du musst mich auch lassen."
Ich sehe ihn an und erkenne am Rand seines Grasgrüns enttäuschtes Bordeauxviolett und wütendes Grauoliv.
„Ich kann aber gerade nicht," erwidere ich ehrlich. „Ich muss im Moment einfach allein sein, Dean. Ich weiß, du gibst dir Mühe und du willst es besser machen, aber gerade kann ich das nicht. Tut mir leid."

Ich gehe an ihm vorbei und lasse ihn mit seinem Bordeauxviolett und seinem Grauoliv im Flur stehen, als ich ins Schlafzimmer gehe und die Tür hinter mir schließe. Kurz darauf zucke ich zusammen, als unsere Wohnungstür geräuschvoll zugeknallt wird.

•••

Obwohl Samstag ist, holt mich mein Wecker aus einem unruhigen Dämmerschlaf und ich schlurfe ins Badezimmer. Ein Blick in den Spiegel zeigt mir, dass ich so aussehe wie ich mich fühle und in meinem Kopf spielt sich das Szenario ab, wie Philipp schreiend vor meinem Anblick davon läuft.

Kaltes Wasser und ein Styling meiner Haare bringen nur bedingt Linderung, aber ich kann an meinem Zustand nichts ändern.

Als ich am Wohnzimmer vorbeikomme, schlägt mir der abgestandene Geruch von Whiskey entgegen. Dean liegt auf dem Sofa und schläft mit offenem Mund und ich betrachte ihn mitleidig. Leise öffne ich das Fenster, um etwas Sauerstoff ins Zimmer zu lassen und stelle ihm noch ein Glas Wasser und zwei Kopfschmerztabletten bereit. Einen Zettel hinterlasse ich ihm nicht.

Samstagmorgen ist es in der U-Bahn deutlich leerer als sonst. Ich genieße den ungewohnten Freiraum und registriere, dass auch die anderen Menschen entspannter sind. Die meisten sind Grasgrün, einige Fernblau und auch ein paar türkisblaue Leute sehe ich.

In der Stadt beginnt gerade das geschäftige Treiben der Samstagvormittagsshopper, aber es hat noch nicht die Intensität, dass es unerträglich ist. Mit dem Klingeln an der Tür im ‚True Colors' kommt auch Elmar nach vorn und begrüßt mich lächelnd. „Hallo, Ricardo. An einem Samstag?"
„Ja," erwidere ich freundlich. „Ich fahre gleich noch in die Natur und wollte noch schnell ein paar Farben aufstocken."
„Was brauchst du denn?" fragt Elmar und begleitet mich zum Stiftregal.

„Hm.. viel," überlege ich. „Cyan, Gelbgrün, vielleicht etwas Lavendel."
Elmar sucht einzelne Stifte heraus und ich schaue weiter und versuche zu erahnen, welche der Farben ich heute vielleicht noch bei Philipp entdecken könnte.

Das Glöckchen am Eingang klingelt und Elmar dreht sich um, um zu sehen, welcher Kunde den Laden betritt.
„Hallo," sagt er freundlich, während ich einen zitronengelben Stift hervorziehe. „Willkommen im True Colors. Suchen Sie etwas Bestimmtes?"
„Ja," sagt eine mir bekannte Stimme und sofort klopft mein Herz schneller. Ich drehe mich um und erkenne Philipps markante Wuschelhaare. „Ich suche einen bestimmten Kunden," grinst er und schaut mich an.

Ich kann nicht verhindern, dass meine Wangen etwas rot werden und Elmar betrachtet mich interessiert. „Nun," sagt er. „Ich kann nur den hier anbieten, aber der ist etwas.. speziell."
Ich schaue ihn mit großen Augen an und er grinst frech.
„Das trifft sich gut," erwidert Philipp amüsiert und ich erkenne Gelbgrün in seiner Färbung. „Speziell ist genau das Richtige für mich."

Innerlich schlägt mein Magen einen Salto und ich glaube, ich habe das dümmlichste Grinsen der Welt auf meinem Gesicht. Elmar blickt grinsend zwischen uns hin und her und fragt mich dann: „Brauchst du noch mehr Stifte, Ricardo?"
Ich schüttele den Kopf, ohne meinen Blick von Philipp zu nehmen und folge Elmar an den Tresen, wo seine Kasse steht.

„Das wären dann zwölf achtzig für dich, Ricardo," sagt Elmar und reicht mir die Stifte in einer kleinen Tüte. „Und Sie haben Glück, Sir," wendet er sich an Philipp. „Der Kunde hier ist zu verschenken, allerdings haben Sie kein Rückgaberecht."

Philipp sieht mich lächelnd an, seine blauen Augen glitzern und Lavendel mischt sich in seine Farbe. „Auch das kommt mir gelegen," sagt er leise. „Ich habe nicht vor, ihn zurückzugeben."
„Bis bald, Ricardo," verabschiedet Elmar sich und ich winke ihm zu, als ich hinter Philipp das Geschäft verlasse.

Ich folge ihm grinsend zu einem schwarzen Audi, den er nur wenige Meter vom Laden entfernt geparkt hat. „Wie hast du das denn geschafft?" frage ich verblüfft.
„Was jetzt genau?" will er wissen.
„Wie hast du einen Parkplatz bekommen?"
Er zuckt mit den Schultern und steigt ins Auto. Ich tue es ihm gleich und schnalle mich an.
„Ich bekomme immer einen," erklärt er, während er das Auto startet.
„Was meinst du mit ‚du bekommst immer einen'?" lache ich.
„Ich bekomme immer einen Parkplatz," führt er aus und fährt langsam auf die Straße. „Ich stelle mir vor, wo ich hinmuss und wie ich dort einen Parkplatz bekomme und dann klappt es auch."

„Du wünschst dir einen Parkplatz und bekommst ihn dann auch?" frage ich verblüfft.
„So in der Art. Das klappt auch mit grünen Ampeln," grinst er und ich schüttele ungläubig den Kopf.

Farbenspiel | ✓Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt