Wie beschlossen gehen Philipp und ich nach unserem Frühstück in dem kleinen Café die Straße hinunter zu dem dort gelegenen, kleinen Park. Die sonnengelbe Kellnerin hat uns noch zwei Coffee to go gemacht und Philipp war so todesmutig und hat nur „Für mich das Gleiche" gesagt, nachdem ich einen weiteren Kaffee mit Haselnussmilch bestellt hatte.
„Hast du keine Vorlesung heute?" frage ich, während wir nebeneinander hergehen. Der Strom an moosgrünen Menschen hat inzwischen deutlich nachgelassen, die meisten sind nun wohl doch an ihren Arbeitsstellen angekommen.
„Semesterferien," antwortet er knapp und ich sehe, wie bei dem Thema das gleichgültige Schilfgrün zurückkehrt.
„Und was für eine Firma hat dein Vater?" frage ich nun und beobachte, wie die Farbe sich sogar noch intensiviert, während kleine Wölkchen aus Perlweiß und Elfenbein hinzukommen.
„Immobilien," seufzt er. „Er hat eine eigene Maklerfirma, in die ich nach meinem Studium einsteigen soll."
„Und du bist total motiviert," erwidere ich sarkastisch und er sieht mich kurz verwundert an. Bevor er fragen kann, sage ich: „Schilfgrün. Nicht ganz so häufig, aber es bedeutet Gleichgültigkeit. Und von dem Elfenbein und dem Perlweiß ist auch was da."
„Perlweiß?"
„Ja, davon etwas mehr."
„Was bedeutet das?"
„Keine Ahnung, wie fühlst du dich denn?"
Philipp überlegt, scheint in sich hineinzufühlen und sagt dann: „Leer."
Ich nicke und speichere die Information in meinem Kopf.
„Ich wurde nicht gefragt, ob ich die Firma übernehmen will, es wurde für mich entschieden," erklärt er, als wir den Park erreichen und nun über die kleinen Wege gehen. „Können wir über etwas anderes reden?"
„Okay," sage ich betont fröhlich. „Worüber dann?" Philipp sieht mich kurz an und zuckt dann mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung, ehrlich gesagt," antwortet er.
„Wollen wir uns dort drüben hinsetzen?" schlage ich vor und zeige auf eine große Eiche. Er nickt zustimmend und wir gehen gemeinsam über den Rasen, um uns unter den Baum zu setzen. Ich lehne mich mit dem Rücken an den rauen Stamm und suche aus meinem Rucksack meinen Skizzenblock und meine Stifterolle hervor.
Fasziniert betrachtet Philipp die Stifte und ich grinse verlegen. „So viele?" fragt er ehrfürchtig und ich kratze mich am Hinterkopf.
„Das sind nur die für unterwegs," nuschele ich und kichere, als seine Augen sich weiten.
„Darf ich?" fragt er vorsichtig und streckt seine Finger nach den fein säuberlich nach Farben sortierten Stiften aus.
„Natürlich," lache ich. „Sie gehen nicht schnell kaputt."
„Hat jede Farbe einen eigenen Namen?" will er wissen und ich nicke. Wieder ist er erfüllt mit interessiertem Kobaltblau und streicht ganz sanft über die hölzernen Stifte.
„Was ist der Unterschied zwischen den beiden?" erkundigt er sich und zeigt auf zwei Stifte in Gelbtönen.
„Das," sage ich und zeige auf den ersten Stift. „Ist Vanillegelb. Das sehe ich oft bei Neid, wenn beispielsweise jemand einer anderen Person in der Bahn den Platz wegschnappt oder eine Frau einer anderen erzählt, was sie für ein tolles Date hatte oder wieviel sie abgenommen hat."
Interessiert betrachtet Philipp den Stift und ich fahre fort, indem ich auf den zweiten Stift zeige. „Und das ist Sonnengelb, so wie Ella die meiste Zeit, wenn sie malen darf oder du, als du mich in der U-Bahn gesehen hast, kurz bevor Dean.. egal," unterbreche ich mich selbst.
Philipp überlegt kurz und nickt dann, als das Safrangelb der Erkenntnis sich um ihn ausbreitet. Sofort greife ich den passenden Stift und halte ihn hoch. „Diese Farbe hast du gerade," sage ich schnell. „Erkenntnis oder Erinnerung."
Überraschtes Himmelblau zeigt sich und ich tippe nur auf den passenden Stift. „Himmelblau, Überraschung."
Das Himmelblau verstärkt sich und Orange kommt dazu. Begeistert strahle ich ihn an. „Du bist begeistert," stelle ich fest und er nickt. „Welche Farbe?"
„Orange," sage ich und zeige auf den passenden Stift.
„Warum ist Vanillegelb ähnlich wie Safrangelb oder Sonnengelb, aber alle bedeuten etwas vollkommen Unterschiedliches?" grübelt Philipp nun.
Ich zucke mit den Schultern."Ich habe mir die Farben nicht ausgedacht. Ich weiß nicht mal, ob andere Synästhetiker sie ebenso wahrnehmen wie ich."
„Es gibt einen Namen dafür?"
Wieder nicke ich. „Ich kenne es schon mein ganzes Leben so und ich habe die Farben nie hinterfragt oder bewertet."
„Welche Farbe habe ich jetzt?" fragt Philipp interessiert und ich lache auf. „Soll ich dir jetzt jeden Farbwechsel dokumentieren?"
„Das wäre toll," erwidert er begeistert, ganz in Orange und interessiertem Kobaltblau.
„Ich male dich einfach, okay? Das will ich nämlich schon die ganze Zeit."
Er lächelt und nickt.
„Erzählst du mir von deiner Schwester?" frage ich und hoffe, damit kein allzu empfindliches Thema anzusprechen. Sofort ist er von liebevollem Korallenrot umhüllt und lächelt.
„Sie will dich kennenlernen," sagt er und ich schaue überrascht von meinem Skizzenblock auf.
„Du hast ihr von mir erzählt?" Ich ziehe meinen korallenroten Stift hervor und beginne, ihn zu zeichnen.
„Sie ist meine engste Vertraute und meine beste Freundin," erzählt Philipp. „Außerdem bemerkt sie jede Veränderung an mir und offenbar habe ich mich selbst am Telefon anders verhalten."
„Hm," mache ich und beschäftige mich mit seinen wuscheligen Haaren. „Aber sie weiß, dass du auf Männer stehst?"
Philipp ist kurz still und ich schiebe hinterher: „Weil du ja in deinem Brief geschrieben hast, ich soll es bitte niemandem sagen."
„Ja, Sannie weiß es," murmelt er und als ich ihn ansehe, ist das Korallenrot noch da, aber auch verunsichertes Eisblau ist dabei.
„Deine Eltern nicht," merke ich meine Erkenntnis an, zeichne ihn aber unbeirrt weiter, denn ich ahne, dass er mich gerade nicht ansehen kann oder will.
„Meine Eltern sind sehr.. konservativ," seufzt er.
„Koservativ oder homophob?" hake ich nach.
„Vermutlich eher das Zweite," murmelt er.
„Dann wäre ich auch noch nicht geoutet," stelle ich fest und zeichne die letzten Striche.
„Es stört dich nicht?" fragt er verblüfft und ich lächele ihn an.
„Ob deine Eltern davon wissen und dir wohlmöglich die Hölle deshalb heiß machen?" frage ich zurück. „Nein, Philipp. Das stört mich nicht. Außerdem geht es niemanden etwas an, du entscheidest, wem du etwas anvertraust. Ich freue mich nur, dass du zumindest deine Schwester hast, die dich so akzeptiert wie du bist und dich unterstützt."
Er lächelt und nickt zustimmend.
„Aber.. bedeutet das auch, dass du noch nie eine Beziehung hattest?" frage ich neugierig.
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Farbenspiel | ✓
RomanceRicardo Cook hat eine besondere Gabe: er kann recht passabel zeichnen und er kann die Farben anderer Menschen sehen. Doch nicht alle Menschen haben die gleichen Farben und manche sind ein wahrer Regenbogen. ------------ ❝ Verzweifelt suche ich in me...
