Als ich die Treppen zu Deans und meiner Wohnung nach oben gehe, riecht es bereits im ganzen Haus nach Essen. Ich brauche nicht lange überlegen, aus welcher Wohnung der Duft kommt und nachdem ich unsere Wohnungstür aufschließe, wird meine Vermutung bestätigt. Dean kocht.
So, wie Zeichnen mein Ventil ist, ist es für ihn kochen. Sei es Freude, Aufregung, Angst oder Nervosität, Dean kocht. Allerdings kann man anhand seiner Gerichte nicht erkennen, in welcher Stimmung er gerade ist. Ich zumindest nicht.
Ich hänge meine Jacke im Flur auf und gehe in Richtung Küche. Ein Blick ins Esszimmer offenbart mir einen schön gedeckten Tisch mit Kerzen und unnatürlich viel Besteck. Mehrere Gänge.
Vorsichtig schaue ich in die Küche und sehe Dean am Herd. Wie immer dominiert Grasgrün seine Farbe, doch ich sehe auch nachdenkliches Fernblau.
„Hey," mache ich leise auf mich aufmerksam und er dreht sich zu mir herum. Sein Gesicht verzieht sich zu einem leichten Lächeln und er antwortet ebenfalls mit einem freundlichen „Hey."
Ich lehne unschlüssig am Türrahmen und weiß nicht, was ich sagen soll, fasse mir dann aber doch ein Herz und beginne mit: „Du kochst."
Dean lacht und nickt, während er weiter in einer großen Pfanne führt. „Das hast du hervorragend erkannt. Ich hoffe, du hast Hunger, ich habe indonesische Gemüsepfanne gemacht."
„Danke," erwidere ich leise.
Dean dreht den Herd aus und nimmt die heiße Pfanne mit zwei Topfhandschuhen.
„Bringst du den Merlot mit?" fragt er und küsst mich im Vorbeigehen auf die Schläfe.
Vollkommen verdattert greife ich nach der Weinflasche, die auf der Anrichte steht, und folge Dean ins Esszimmer, wo er bereits etwas gemischten Salat auf kleine Teller verteilt. Stumm stelle ich mich an meinen Platz und er reicht mir lächelnd das Weinbesteck. „Wärst du so lieb?" bittet er mich und ich öffne etwas unbeholfen die Flasche.
Das konnte ich nie. Dean ist der Gastronom von uns und ich habe ihn stets dafür bewundert, wie er fachmännisch Weinflaschen öffnet oder Bier einschenkt. Nicht, dass das oft vorkommt, denn ich mag weder Bier noch Wein besonders gern. Ab und zu trinken wir abends zum Essen ein Glas Wein, meist aber nur, weil Dean findet, dass es sich so gehört. Ich könnte selbst zu Weihnachten zu Gänsebraten und Rotkohl ein Glas Cola trinken.
Ich bin ein wenig stolz auf mich, dass ich den Korken ohne große Unfälle aus dem dünnen Flaschenhals ziehen kann, vor meinem inneren Auge flog dieser bereits quer durch unser Wohnzimmer und zertrümmerte auf seiner Pinballreise sämtliche elektrischen Geräte und Mobiliar.
Ich schenke etwas von der roten Flüssigkeit in die bereitgestellten Gläser, etwas mehr in das von Dean, und setze mich dann. Dean lächelt mich an und ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll.
„Dean, ich.." beginne ich, doch er hebt seine Hand, um mich zum Schweigen zu bringen.
„Können wir erst essen, Ricardo?" fragt er lächelnd. „Ich möchte einfach einen schönen Abend mit dir verbringen und habe mir große Mühe gegeben, also lass uns nach dem Essen reden, okay?"
Ich schlucke schwer und nicke einwilligend.
•••
Deans Essen schmeckt fantastisch. Natürlich. Der Salat ist frisch und knackig, mit einem exquisiten Dressing, die Gemüsepfanne perfekt abgeschmeckt und mit dem richtigen Grad an Schärfe und das Mangoparfait zum Dessert ist wie ein Urlaub in der Karibik auf der Zunge.
Dennoch schaffe ich von allem nur etwa die Hälfte, denn ein großer Brocken in meinem Magen scheint alles zu blockieren. Schließlich halte ich es nicht mehr aus und ich hole Luft, um etwas zu sagen, doch wieder ist Dean schneller.
„Ich habe nachgedacht," fängt er an und ich beobachte ihn. Noch immer ist er in sein ewiges Grasgrün gehüllt, doch ich sehe auch entschlossenes Nussbraun in ihm. „Und ich kann es dir nicht verdenken. Ich war so mit dem Restaurant beschäftigt, mit der Webseite und allem und habe dich die meiste Zeit allein gelassen. Ich kann wohl von Glück reden, dass du mir nicht unterstellt hast, ich hätte eine Affäre oder sowas."
Ich reiße überrascht die Augen auf und Dean lacht leise, während er meine Hand nimmt. „Ich habe keine Affäre, Ricardo. Und ich habe vor, mich mehr um dich zu kümmern, für dich da zu sein, mehr Zeit mit dir zu verbringen. Ich meine," schwärmt er. „Ich habe den hübschesten Freund der Welt. Natürlich zeigen andere Männer Interesse an dir. Und vielleicht brauchst du gerade einfach mehr Aufmerksamkeit und es tut mir leid, dass du die nicht von mir bekommen hast. Aber das wird sich jetzt ändern."
Ich starre Dean entsetzt an. Ist das so? Ist es nur die Aufmerksamkeit, die ich brauche? Aber ich war eher derjenige, der Philipp ständig verfolgt hat, der ihn malen wollte und ihn nicht in Ruhe lassen konnte.
Vorsichtig ziehe ich meine Hand aus seinem Griff und hole tief Luft. „Ich fürchte, das ist es nicht, Dean," flüstere ich.
Fragend sieht er mich an und ich schlucke schwer, doch der Kloß in meinem Hals verschwindet nicht.
„Es ging nicht von ihm aus, sondern von mir. Ich weiß nicht, wieso und es fehlt mir bei dir an nichts. Du bist toll, du bist lieb und du bist der perfekte Freund. Aber ich fürchte, nicht für mich. Ich kann es nicht erklären, denn ich verstehe es selbst nicht. Ich weiß nur, dass ich mit ihm zusammensein will und das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht mit dir zusammensein will," versuche ich mich zu erklären. „Das macht vermutlich überhaupt keinen Sinn, aber besser kann ich gerade nicht erklären, wie es in mir aussieht."
Meine Stimme bricht beim letzten Wort und ich beiße mir auf meine zitternde Unterlippe. In Deans Grasgrün mischt sich trauriges Basaltgrau und er sieht mich fragend an, in seinen Augen schimmern Tränen. „Das heißt, du lässt die letzten dreieinhalb Jahre einfach hinter dir? Unsere gemeinsame Zeit?" fragt er belegt.
„Es war eine wunderbare Zeit, aber-" beginne ich.
„Jetzt komm' mir nicht mit ‚Wir können Freunde bleiben', Ricardo," schnieft er. „So leicht mache ich es dir nicht."
Fragend sehe ich ihn durch meinen Tränenschleier an.
„Wir schlafen darüber, okay?" schluchzt er. „Morgen sieht es vielleicht schon wieder ganz anders aus. Wir schaffen das."
Entschlossen steht er auf und beginnt, die Teller in die Küche zu tragen.
Ich wische mir eine Träne mit dem Handrücken ab und gehe ihm nach. „Dean, ich denke nicht, dass es eine Phase ist," will ich erklären, doch er schüttelt nur seinen Kopf, weicht meinem Blick aus, doch ich kann sehen, dass er weint.
„Ich denke, für heute haben wir genug geredet," murmelt er. „Ich schlafe wieder auf dem Sofa. Geh' du ruhig schon ins Bad, ich mache das hier."
Ich bleibe stehen und sehe ihn verzweifelt an, doch er weigert sich, mich anzuschauen. Das Basaltgrau überdeckt sein Grasgrün nun vollständig und es bricht mir das Herz, ihn so zu sehen. Zu wissen, dass ich der Grund dafür bin.
„Geh' einfach, Ricardo," sagt er energisch und beginnt, übereifrig, die Teller abzuspülen.
Mit gesenktem Kopf lasse ich ihn allein und schleiche ins Badezimmer. Die Tür fällt mit einem Klicken hinter mir zu und ich lasse meinen Tränen freien Lauf.
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Farbenspiel | ✓
RomansaRicardo Cook hat eine besondere Gabe: er kann recht passabel zeichnen und er kann die Farben anderer Menschen sehen. Doch nicht alle Menschen haben die gleichen Farben und manche sind ein wahrer Regenbogen. ------------ ❝ Verzweifelt suche ich in me...
