„Hallo Ricardo," begrüßt mich Gina, die Besitzerin des kleinen Bistros an der Ecke. „Wie immer?"
Ich lächele sie an und nicke, bevor ich fragend zu Philipp sehe. Dieser scheint noch etwas überfordert mit der Auswahl auf der Speisekarte und ich zeige auf den Teil, wo die Pizzen angeboten werden.
„Oh, ich nehme gern eine Pizza Hawaii," bestellt er schließlich. „In der mittleren Größe und dazu eine Cola."
Gina nimmt die Bestellung auf und wir setzen uns mit unseren Getränken an einen der winzigen, runden Tische, an denen nie mehr als zwei Personen Platz haben. Da Philipp recht groß ist, hat er schon jetzt leichte Herausforderungen mit seinen langen Beinen und stößt mehrfach gegen mein Knie bis er eine geeignete Position gefunden hat.
„Pizza Hawaii," stelle ich fest und muss mir ein Grinsen verkneifen. Seine Augen weiten sich und zu meiner Überraschung mischt sich gelbgrün in sein Aschgrau.
„Du kommst mir jetzt nicht mit der Axtmörderstudie, oder?" fragt er und lacht lauthals los, als ich ihn entsetzt anstarre. „Du hast ja keine Ahnung, wie oft ich mir das schon anhören musste."
„Naja," kichere ich. „Genau genommen besagt die Studie nur, dass Menschen, die gern Ananas auf Pizza essen, aggressiv sind. Das mit dem Axtmörder hat wohl irgendjemand dazu gedichtet."
„Oh," grinst Philipp. „Dann kann ich meine Axt demnächst also wieder bedenkenlos überall mitnehmen."
Ich pruste los und bekomme einen so heftigen Lachanfall, wie ich ihn lange nicht mehr hatte. Philipp hält sich ebenfalls den Bauch und kann kaum atmen. Seine Farbe strahlt nun völlig in einem hellen Gelbgrün und ich würde ihn unfassbar gern zeichnen.
„So, Pizza Hawaii," unterbricht uns Gina und stellt
Philipp die Pizza vor die Nase. „Und Kartoffelpuffer mit Ketchup." Der zweite Teller wird vor mir abgestellt und ich sehe, wie Philipp mich mit aufgerissenen Augen anstarrt.
„Also," sagt er leise. „Ich brauche keine Studie, um zu wissen, dass das.." Er zeigt theatralisch auf meinen Teller. „Pervers ist und wenn einer von uns beiden ein Axtmörder ist, dann wohl eindeutig du."
Ich schließe hochnäsig die Augen und schüttele den Kopf.
Belehrend hebe ich meinen Zeigefinger und sage so arrogant ich kann: „Kettensäge, mein Lieber. Ich bestehe auf Kettensäge."
Dann brechen wir erneut in lautes Gelächter aus und Philipp wischt sich sogar eine kleine Träne aus dem Augenwinkel.
„Jetzt aber mal im Ernst," schnappe ich kichernd nach Luft. „Hast du das schon mal gegessen?"
„Natürlich nicht!" ruft er entsetzt und nimmt sich das erste Stück Pizza. „Wenn du da jetzt gleich noch Zucker und Zimt draufstreust, muss ich dringend weg."
„Jetzt werd' doch nicht albern," lache ich und verteile den Ketchup großzügig auf dem ersten Kartoffelbratling.
Philipp beobachtet mich fasziniert und verzieht leicht sein Gesicht, während ich mir den ersten Happen in den Mund schiebe.
„Hmmm," mache ich genüsslich. „Das ist doch nichts anderes als Rösti oder Pommes Frites in anderer Form."
„Ich finde das sehr bedenklich," murmelt er grinsend und beißt von seinem Pizzastück ab.
„Sagt der Mann, der Obst auf Pizza isst," lache ich.
„Aber meine Obstpizza ist beliebter als dieses Absurdum da," meckert er kichernd zurück.
Ich schwelge noch immer in seinem Gelbgrün, es umfängt ihn vollständig und seine blauen Augen leuchten verschmitzt. Energisch schneide ich ein größeres Stück von meinem Kartoffelpuffer ab und lege es kurzerhand auf seinen Teller.
„Was tust du?" schreit er amüsiert.
„Du probierst das jetzt," bestimme ich.
„Ganz bestimmt nicht," widerspricht er.
„Danach kannst du dich darüber lustig machen wie du willst, aber zuerst probierst du."
Bockig wie ein kleiner Junge, aber noch immer gelbgrün und mit einem verschmitzten Glitzern in den Augen nimmt er eins seiner Pizzastücke und befördert es auf meinen Teller.
Er verschränkt die Arme vor der Brust und sagt: „Dito." Fehlt nur noch, dass er mir die Zunge rausstreckt. Ich lache laut auf und tue genau das und strecke ihm meine Zunge heraus, was ihm ein weiteres Lachen entlockt.
„Na gut," sage ich entschlossen und nehme das Pizzastück. „Ich bin heute todesmutig." Damit beiße ich ein großes Stück und kaue schnell. Dummerweise scheine ich das größte Ananasstück erwischt zu haben und der süße Saft breitet sich allmählich auf meiner Zunge aus.
„Hmmm," mache ich gequält. „Es wird nicht mein Lieblingsessen, aber ich lebe noch."
„Oh bitte, Pizza Hawaii ist die Beste," widerspricht Philipp.
„Wenn man drauf steht.." weiche ich aus. Ich bleibe doch lieber bei meinen Kartoffelpuffern.
Philipp beäugt nun misstrauisch das Stück, das ich auf seinem Teller platziert habe und sticht vorsichtig mit seiner Gabel hinein, um es danach in zwei Hälften zu teilen. Er riecht an dem Stückchen auf der Gabel und schiebt es dann schnell in seinen Mund.
Seine Augen sind zugekniffen und er kaut ganz schnell, bevor er sie wieder öffnet.
„Ist gar nicht so schlimm," sagt er verblüfft und ich lache selbstgefällig.
„Sag' ich doch."
Widerstandslos isst er auch das zweite Stück und widmet sich dann wieder seiner Pizza.
Mir tut von dem ganzen Gekicher der Bauch weh und so schaffe ich meine Portion nicht einmal. Philipp hingegen scheint völlig ausgehungert zu sein, denn er verputzt seine Pizza komplett und stupst mich dann verlegen mit dem Ellbogen an.
„Isst du das noch?" fragt er und zeigt auf meinen Teller.
„Nein," lache ich und schiebe ihm den Teller zu. „Bitte gönn' dir reichlich."
Schnell macht er sich über die Puffer her und ich beobachte ihn amüsiert.
„Das mache ich demnächst mal zu Hause," murmelt er begeistert. „Sannie wird mich umbringen."
Oh, Sannie. Die bunte Frau auf dem Bild, das Ella von ihm gemalt hat. Ich lächele und nicke. Ich freue mich, dass er jemanden zu Hause hat, denn bislang - ich weiß nicht, warum - dachte ich, er wäre allein. Ich schätze, das lag an seiner ständigen aschgrauen Färbung. Aber auch schüchterne Menschen finden jemanden und diese Sannie machte auf dem Bild schon einen sehr aufgeweckten und bodenständigen Eindruck.
„Was lächelst du schon wieder so?" will Philipp wissen und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Oh, ich hab nur darüber nachgedacht, dass ich die ganze Zeit dachte, du wärst Single und dass ich mich freue, dass du eine Freundin hast," antworte ich ehrlich.
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Farbenspiel | ✓
RomanceRicardo Cook hat eine besondere Gabe: er kann recht passabel zeichnen und er kann die Farben anderer Menschen sehen. Doch nicht alle Menschen haben die gleichen Farben und manche sind ein wahrer Regenbogen. ------------ ❝ Verzweifelt suche ich in me...
