Eine unruhige Nacht später saß Victor im Garten der Villa und füllte Erde in den grauen Blumentopf. Es war sechs Uhr morgens, die Sonne erhellte den Himmel bereits. In seinem Kopf waberten noch Fetzen seines Traumes. Die unverarbeiteten Geschehnisse belagerten seinen Schlaf und laugten ihn aus. Ob das jemals aufhören würde?
Im Gegensatz zum Vortag war es an diesem Morgen ruhiger auf dem Grundstück. Die Frauen schienen zu schlafen oder sie waren nach Hause gefahren. Remus hatte nur einmal kurz den Kopf in das Zimmer seines Sohnes gesteckt, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Das muss gegen Mitternacht gewesen sein. Ein richtiges Gespräch hatte zwischen ihnen nicht stattgefunden.
Als der Topf voll war, wischte Vic über seine Stirn und sah nach oben. So blau hat der Himmel in Deutschland nie ausgesehen. Konnte es sein, dass die Farben überall auf der Welt anders wirkten? Er stand auf und streifte durch den Garten. Es musste hier einen Gärtner geben, oder eine Gärtnerin? Wahrscheinlich mehrere. Die Hecken waren gestutzt und die Blumen strahlten in farbenfroher Gesundheit.
Die Villa war von der Gartenanlage komplett umzogen. Es gab eine Mauer und ein goldenes Tor, welches sich nur von innen öffnen ließ. In den Streben des Tores war das Logo seines Vaters eingearbeitet. Der goldene Käfig fand sich überall wieder. Auf Wandgemälden, in Schnitzereien und am Grund des Pools. Victor begutachtete das hellblaue Wasser aus der Ferne. Sonnenlicht reflektierte auf der Oberfläche und brachte die Felsen rundherum zum Glitzern. Die Luft duftete frisch, etwas salzig, aber frei von Abgasen.
Victor schlenderte ins Haus, durch die einschüchternden Gänge. Wenn er alleine hier herumlief, kam er sich wie eine verlorene Ameise vor. Die Wände schienen höher zu werden. Seine Schritte hallten durch die gefliesten Flure. Er eilte die Treppe hoch, weiter, an sonderbaren Kunstobjekten vorbei, bis in sein Zimmer.
Dort stellte er den Topf auf die Fensterbank, um endlich den kleinen Setzling aus seinem Rucksack zu befreien.
Das fleischige runde Blatt des Geldbaumes war an den Rändern etwas zusammengeschrumpelt. Aus der Schnittfläche kräuselten sich kleine Wurzeln. Er hatte zuhause noch dafür gesorgt, dass sich welche bildeten, damit die Chancen höher standen, dass daraus ein neuer Baum wurde. Mit dem Zeigefinger schabte er vorsichtig ein Loch in die Mitte der Erde, dann steckte er den Setzling hinein.
Für eine Weile verharrte er vor der winzigen Pflanze. Viel mehr als ein dickes Blatt war nicht zu sehen, aber das würde sich hoffentlich bald ändern. Sofern das Klima es nicht killen würde. Geldbäume, oder Jadepflanzen waren robust und sie galten als Glücksbringer. Vielleicht war etwas dran. Victor stupste das Blättchen mit der Fingerkuppe an und lächelte schief. Der Baum seiner Mutter hat immer neben ihrem Schreibtisch gestanden, auf der Fensterbank im Wohnzimmer. Sie hat zwischendurch innegehalten und sich Inspiration von ihm gewünscht, wenn sie an Texten festhing oder sie Schwierigkeiten mit Formulierungen hatte.
Es klopfte an der Tür.
Victor löste blinzelnd die Aufmerksamkeit von der Pflanze, ehe er sich umdrehte. Sein Vater winkte ihm zu. Mit hängenden Augenlidern und strubbeligen Haaren. »Du bist ein Frühaufsteher?«
Vic schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht.« Er ließ von der Fensterbank ab und trat näher an Remus heran. »Ich konnte nicht gut schlafen.«
»Verstehe«, murmelte sein Vater und kratzte sich am Kinn. »Hast du schon gefrühstückt?«
Wieder verneinte Victor die Frage. Er wusste nicht einmal, wo er frühstücken konnte. Jeder Raum, den er für eine Küche gehalten hatte, war entweder ein Schlafzimmer oder ein Bad gewesen.
»Dann frühstücken wir zusammen.« Remus deutete in den Flur und lächelte. »Ich möchte sowieso mit dir reden.«
Victor folgte ihm. Durch den Flur, zur Treppe, weitere Flure reihten sich aneinander. Sie waren durch hohe Torbögen voneinander getrennt. Unterwegs schwiegen Vater und Sohn. Vic wusste nach wie vor nicht, was er sagen sollte, aus Angst, falsch verstanden zu werden. Und Remus wirkte zu müde, um Konversation zu betreiben. Kein Wunder. Bis drei Uhr morgens hat man Stimmen und Musik vom Pool gehört. Ob hier regelmäßig so lange Partys stattfanden?
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Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
