»Du hast keine Vorstellung davon, was wir uns für Sorgen gemacht haben!« Lucy stiefelte mit hochrotem Kopf im Krankenzimmer auf und ab. »Bonito, wir haben das halbe Land mobilisiert, um nach dir zu suchen!«
»Ja.« Victor wagte es nicht, etwas anderes zu sagen. Jede Form von Widerworten befeuerte Lucys Wut umso mehr. Ab und zu ein reumütiges »Ja«, schien sie am ehesten zu beruhigen. Er richtete seine Brille, während er ihrem strafenden Blick auswich.
»Ich habe selbst geglaubt, dass dein Vater dich getötet hat!« Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich fluchend durchs Haar. Wie immer, wenn sie fluchte, geschah das auf Spanisch. »Dios Mio, eure Firma ist am Ende!«
»Ja.« Diesmal schmeckte das Wort bitter. Hatte er wirklich dafür gesorgt, dass der Birdiekonzern unterging? »Ich bringe das in Ordnung.«
Lucy lachte. »Du machst in den nächsten Wochen gar nichts. Du bleibst da liegen und erholst dich endlich!« Noch einmal fuhr sie sich durchs Haar. Ihre sorgfältige Flechtfrisur war spätestens jetzt zerstört.
Victor wich ihrem Blick aus und sah auf seine Handrücken. Im linken steckte eine Infusionsnadel. Das erinnerte ihn an William und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Am liebsten würde er mit jemandem über die Vorfälle in Jolies Haus reden, aber wer würde ihm glauben? Offiziell wurde noch ermittelt, woran das Geschwisterpaar gestorben ist. Ersten Untersuchungen zufolge gab es keine offensichtliche Todesursache. Mit Gale könnte er über alles reden. Aber seit der Flucht aus Jolies Haus hat er ihn nicht gesehen.
»Wann hast du zuletzt etwas gegessen?« Lucy trat näher an das Bett heran und fasste prüfend an Victors Stirn.
Er widmete ihr ein gequältes Lächeln. »Vor einer Stunde.« Er schob behutsam ihre Hand beiseite. »Es geht mir gut. Ich verspreche dir, dass ich jetzt im Krankenhaus bleibe.«
Sie nickte zufrieden. »Ich habe dir Bücher mitgebracht, damit du etwas zu tun hast.« Ihre Pupillen tasteten über sein Gesicht, bis sie langgezogen seufzte. Schließlich wurde ihr Blick mild. »Ich bin froh, dass du wieder da bist.«
»Kann ich mit Dad reden?«
Lucy zog die Augenbrauen zusammen. »Warum?« Sie schüttelte sich. »Ich meine ... bestimmt. Aber im Moment kommunizieren wir über die Anwälte mit ihm.«
Victor biss sich auf die Wange. Sollte das wirklich sein Alltag werden? Im Krankenhaus liegend darauf hoffen, dass irgendwelche Anwälte, mit denen er noch nie geredet hat, seine Angelegenheiten klärten? »Ich möchte selbst mit ihm reden.«
»Es gibt einiges zu klären.« Lucy knibbelte an ihren Fingernägeln. »Bis heute ist nicht klar, warum er dich vergiftet hat. Die Anhörung dazu wird andauernd verschoben. Jetzt, wo du wieder da bist, können wir endlich einen Termin festlegen.«
Victor verzog das Gesicht. »Können wir die Anklage nicht zurückziehen?«
Daraufhin lachte Lucy ungläubig. Sie stieß spanische Fluchworte aus und schüttelte hastig den Kopf. »Wieso sollten wir das tun?«
Victor presste seine Fingerkuppen gegen seinen Bauch. Er wurde nun schon seit zwei Tagen mit Medikamenten versorgt und fühlte sich deutlich besser. Endlich hatte er das Gefühl, seine Gedanken sortieren zu können. »Ich möchte die Sache persönlich klären.« Jolies Vision waberte vor seinem inneren Auge. Sie hatte gesehen, wie Remus sich das Leben nahm. Auch wenn sie beteuert hatte, dass es unmöglich sei, musste er wenigstens versuchen, das zu verhindern. Sie hatten ihre Differenzen und oft hat Vic seinen Vater verflucht, aber niemand hatte es verdient, in den Suizid getrieben zu werden.
»Dafür ist es etwas spät«, kritisierte Lucy. »Was soll ich den Anwälten sagen? Dass du plötzlich einen Sinneswandel hattest?«
Victor zog die Augenbrauen zusammen. »Ich habe eigentlich überhaupt gar nichts veranlasst. Warum handeln die Anwälte in meinem Sinne, obwohl sie nie ein Wort mit mir geredet haben?«
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Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
