Kapitel 40: William

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»Du hast gesehen, wie sich mein Vater das Leben nimmt?« Victor wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Drastik in dieser Aussage flipperte zerstörerisch durch seinen Kopf. »Wieso?«

»Keine Ahnung.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich sehe die Dinge nur ganz kurz, wie eine Momentaufnahme. Dein Vater wird sich innerhalb der nächsten Wochen erhängen, ich habe gesehen, wie ein Stuhl unter seinen Füßen wegrutscht und-«

»Ok, das reicht.« Victor presste die Hände auf die Ohren. Er hatte in den letzten Tagen genug verstörendes Kopfkino für die nächsten zwei Jahrzehnte angesammelt. Eine bildhafte Beschreibung vom Selbstmord seines Vaters musste nicht auch noch dazugehören. »Kann man die Visionen beeinflussen?«

»Das habe ich bisher nie geschafft.«

Der Wagen wurde langsamer, bog in eine Einfahrt und parkte neben dem grünen Haus mit Spitzdach. Victor dachte über Jolies Worte nach. Nur weil sie es nie geschafft hat, Ereignisse zu verhindern, bedeutete das nicht, dass es unmöglich war, oder? Der Gedanke setzte sich in seiner Wahrnehmung fest und nahm dort einen prominenten Ehrenplatz ein. Für den Moment schaffte er es, die Vision beiseitezuschieben, um sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, aber er spürte, dass sie ihn wieder einholen würde.

»Ich muss dich wahrscheinlich nicht herumführen«, sagte Jolie und öffnete die Fahrertür. »Immerhin hast du dir beim letzten Mal selbst Zutritt verschafft. Und William bist du auch schon begegnet.«

Victor verschränkte die Arme. Na und? Er hatte dafür hunderten Leuten das Leben gerettet. »Ich wusste nicht, dass in dem Raum jemand schläft.«

Als Jolie die Autotür neben Victor öffnete, hielt sie diese nur so weit geöffnet, dass sie mit ihm sprechen konnte. »Du rennst nicht weg.« Das klang einerseits nach einer Drohung, andererseits nach einer verzweifelten Bitte.

Wohin sollte er rennen? Vielleicht zu einem Nachbarn. Wenn das halbe Land nach ihm suchte, würde jeder der ihn sah sofort die Polizei rufen. Vielleicht könnte er die Beamten davon überzeugen, dass Jolie ihn entführt hat. Seine Fingerabdrücke befanden sich schließlich schon im Haus. Aber was würde mit Gale passieren, wenn er sich Jolies Plänen in den Weg stellte? »Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich deinem Bruder helfen soll.«

Jolies Mund wurde schmal und zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine Falte. Sie brummte unzufrieden. »Du probierst halt alles aus, was dir einfällt. Eines davon wird funktionieren. Ich habe es gesehen.«

Alles, was ihm einfiel? Also nichts? Er würde nichts ausprobieren, gefolgt von nichts? Er lachte bitter. Wieso sollte es Victor gelingen, jemandem aus dem Koma zu wecken, wo er doch noch nie in seinem Leben mit diesem Thema in Berührung gekommen ist. »Wenn er aufwacht, darf ich sofort gehen.« Er betonte dies mit Nachdruck in der Stimme. »Und Sie nehmen Gales Fußring ab.«

Jolie verdrehte ihre Augen. »Dem habe ich längst zugestimmt.« Sie öffnete die Tür und verharrte dicht neben Victor, mit einem Arm um seiner Schulter, während sie gemeinsam zu ihrem Haus gingen.

Sie schob ihn durch das Wohnzimmer, in dem nur noch wenige Vögel ihr trauriges Dasein fristeten. Sie flatterten kläglich in ihren Gefängnissen und tschilpten flehend, als Vic an ihnen vorbeilief. Wenn er schon gezwungen war, seine Zeit hier zu verbringen, würde er die Übrigen auch freilassen. Er musste nur auf einen günstigen Moment warten.

»Denk nichtmal dran«, zischte Jolie und drängte ihn in den Flur.

Verdammt nochmal, kann sie Gedanken lesen? »Sie möchten zu ihren Familien zurück.« Er behielt die Vögel so lange wie möglich im Blick. »Einige haben sicher auch Geschwister, denen sie alles bedeuten.« Er schüttelte sich und blieb stehen, um Jolie eindringlich anzusehen. »Was würdest du tun, wenn jemand deinen Bruder isst, um länger zu leben?«

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt